Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 DIE HÄKE LT Nb. 23 ALS „DIE WELT" ENTSTAND ®Eine Aufforderung der „Welt" an ihrer^ Jubiläumsnummer mit- Diese „Weltu, die ich gekannt habe, als sie noch gar nicht erschaffen war! Ich habe ihr das Papier geglättet — die Lettern bestimmt — die Farben gemischt — und ich kannte einige Zeit hindurch jedes Wort, das sie enthalten werde, ehe sie zu Ich durfte der ersten Nummer einen Beitrag liefern.--Ich habe jedes Menschen Namen gekannt, der das erste Heft erhalten sollte. — Zehn Jahre jünger war ich damals. Glühend vor Arbeitslust, voll seeliger Schöpferfreude — voll begeisterter Liebe an Theodor Herzls Arbeit teilnehmend: ein altes Volk zu erwecken — eine neue Welt zu schaffen.--------- Genau vor zehn Jahren, fast auf den Tag genau, rief uns Theodor Herzl in seine Wohnung. Wir waren unserer wenige, wenn ich mich recht erinnere: Prof. Leo Kellner, Dr. Schnirer, Dr. S. R. Landau und ich. Um jene Zeit hatten die Protestrabbiner begonnen, unserem Führer unbequem zu werden. Wir hatten die bessere Sache, sie die mehreren Blätter. Von Tag zu Tag mußten wir fürchten, daß uns die Zeitungen die Türe vor der Nase zuschlagen werden, auch die jüdischen. — Und diese erst recht. Wir aber standen vor dem ersten Kongreß. „Wir wollen ».Schebuath« die erste Nummer unseres Blattes herausbringen", das waren die ersten Worte die Herzl an uns richtete. „In vierzehn Tagen!" riefen wir alle einstimmig, wie in gemeinsam einstudiertem Schreck. „In vierzehn Tagen. Vierzehn Tage, meine Herren, sind eine lange Zeit." „Aber nicht für die Gründung einer Zeitung*', entgegneten wir. „Die Zeitung wird in vierzehn Tagen erscheinen." Wer erinnerte sich nicht dieser Art des Ausdruckes, und wer wollte je widersprechen, wenn Herzl in dieser Weise seinen Willen geäußert hatte? Und nun wurde beraten, wie das Blatt heißen, wie es aussehen und was es enthalten solle. Von diesem Blatt, das in 14 Tagen erscheinen sollte, stand bei Herzl nur eines fest, die Farbe des Umschlages. Gelb sollte sie sein, wie der Judenfleck, der unseren Vorfahren zur schändlichen Unterscheidung angeheftet wurde. — Diesen gelben Judenfleck sollten wir zu Ehren bringen. Als wir nach einer Stunde auseinander gingen, war alles entschieden — und die Rollen verteilt. Im Titel sollte das Wort „Welt" vorkommen, nur war man sich nicht klar, ob es jüdische oder zionistische Welt heißen solle. Eine Zeichnung, die ich am nächsten Tag brachte, löste die Frage. Vor „Welt" kam unser Wappen mit der Karte von Palästina. Zwei kurze Worte und eine ausführliche bildliche Erklärung, das war dann der Titel. Denn das muß ich nachholen: die gesamte technische Arbeit, die Herstellung und der Vertrieb des Blattes wurde mir übergeben. Hätte ich Herzl diese Last nicht abnehmen können, — das Blatt wäre so rasch nicht zustande gekommen. Ich war zu jener Zeit Direktor einer Druckerei und Verlags-A.-G., so daß ich mit Bewilligung meines Vorgesetzten, des leitenden Verwaltungsrates, die gesamte Vorarbeit gewissermaßen amtlich leiten durfte. Meine Privatwohnung befand sich im Gesellschaftsgebäude, — sie mußte als Redaktionsbureau dienen. Am 14. Juni, genau 13 Tage nach der ersten Konferenz, flog die erste Nummer in 5000 Exemplaren in alle Welt hinaus. Für diese erste Nummer hatte Herzl das Programm, jene klassische Einleitung geschrieben, die mit den Worten beginnt: „Dieses Blatt ist ein Judenblatt. Wir nehmen dieses Wort, das ein Schimpf sein soll, — und wollen ein Wort der Ehre daraus machen.'' — Er hatte auch den ersten Artikel, „Der Kongreß", verfaßt — er hatte in den 13 Tagen ununterbrochen Briefe geschrieben, um Mitarbeiter zu gewinnen — Manuskripte gelesen — Druckproben korrigiert — mit uns und dem Metteur gearbeitet — ohne dabei seine Pflichten gegen die „Neue Freie Presse" zu vernachlässigen, deren Feuilleton er redigierte. Wenn wir alle müde und matt zum Mittag- oder Abendessen gingen — saß er noch in meiner Wohnung und feilte oder korrigierte an dem Inhalte des neuen Blattes. Damals bekam ich einen rechten Begriff von der Willenskraft und Arbeitsfähigkeit dieses einzigen Mannes. Damals aber erkannte ich auch eines seiner großen Gebrechen. Es war schwer, mit ihm zu arbeiten, denn er wollte alles allein machen. Herzl war nicht unduldsam — er verstand es mit anderen zu beraten, war leicht zu überzeugen, wo man nicht auf eine vorgefaßte tiefwurzelnde Meinung stieß, und begeisterte sich leicht an den Vorschlägen anderer. Hatte er sie jedoch angenommen, dann fühlte man sich ganz plötzlich beiseite geschoben — denn Herzl tat ganz einfach ohne viel Worte, ohne Abwarten oder weiteres Besprechen — die Arbeit, die der andere sich gefunden hatte. Das hatte denn zur Folge, daß er später gänzlich erschöpft und ermüdet — wichtige Agenden fallen lassen mußte und selbst die Oberaufsicht nicht zu führen vermochte, wo sie nötig gewesen wäre. Ein so großer geistiger Organisator er war, ihm fehlte jede Schulung für das Technische in der Organisation. So kam es daß er mich bald in der eigenen Druckerei überging — alle technischen Details selbst in die Hand nahm — ohne Rücksicht auf mich, und was viel schlimmer war ohne jede Rücksicht auf seine Kräfte, die durch die Ausgestaltung des Kongresses genügend angespannt waren. Auf meine leisen Vorhalte, daß ein Mensch doch nicht alles allein machen könne, bekam ich zur Antwort „Warum wollen Sie denn Artikel schreiben?" Denn Herzl war von meiner Absicht, für „Die Welt; zu schreiben, nicht gerade begeistert. Er hatte mir die Rolle des technisch-geschäftlicher; Organisators zugewiesen, nicht nur für die „Welt". Da paßte es ihm nicht, daß ich schreiben wollte. Wenn es später nie zu einer stetigen, großen, gemeinsamen Arbeit gekommen ist, so lag der Grund zum Teil auch