Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 DIE ]UEE LT No. 22 Prozentnorm, an der Selbstverwaltung, an privaten Vereinen etc teilnehmen. Die getauften Juden sollen keinen Vorrang vor den ungetauften erhalten. Nach dem Verlesen des Referates erklärte das Zentralkomitee des Vereines, daß es die Anträge des Referenten über die .Judenfrage ablehnen müsse, weil sie dem Geiste des Programms des Vereines widersprächen, demzufolge alle Bürger vor dem Gesetze gleichgestellt werden. Es muß darauf hingewiesen werden, daß an der Sitzung durchwegs linke Oktobristen teilgenommen haben. Wieder eine antisemitische Hetze in Zagorien Von vollkommen vertrauenswürdiger Seite vernehmen wir, daß in Zagorien (in Kroatien) wiederum antisemitische Flugzettel insgeheim unter das Volk verteilt werden. Namentlich wird die Agitation in den Bezirken Zlatar und Novimarof lebhaft betrieben. Dem Vernehmen nach soll es ein Abgeordneter des kroatischen Landtages sein, aus dessen Küche die Pamphlete stammen. Hoffentlich wird es auch diesmal den Behörden gelingen, den dunklen Individuen das Handwerk zu legen; es ist nun offenbar, daß die Hetze systheinatisch und ausdauernd betrieben wird und die Juden um so mehr auf der Hut sein müssen, als die Agitation auf Schleichwegen geht. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen Österreichs (Von unserem Korrespondenten) Am 23. Mai wurde eine Deputation der jüdischnationalen Studentenschaft, welche von den Jüdischnationalen aller österreichischen Hochschulstädten delegiert una legitimiert war, vom Unterrichtsminister Dr. March et in Audienz empfangen. Der Sprecher der Deputation, J. U. C. Leopold Friedniann (Präses der Verbindung „Ivria", Wien), überreichte das in der „Welt" bereits veröffentlichte Memorandum und die Petitionsbogen, auf denen nahezu 2000 jüdische Hochschüler die Forderung nach behördlicher Anerkennung ihrer Nationalität mit ihrer Unterschrift bekräftigen. Der Sprecher der Studenten begründete in längerer Rede diese Forderung, die in zahlreichen Studenten Versammlungen erhoben und seit Jahren vertreten worden ist. Er ersuchte den Minister, die im Februar d. J. durch Ministerialerlaß zugesagte einheitliche Regelung der Frage möglichst bald und im Sinne der eingeleiteten Aktion durchzuführen. Das Prinzip der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung der akademischen Freiheit und des nationalen Selbstbestimmungsrechtes lasse eine andere Lösung nicht zu. Der Minister erwiderte, er werde das Memorandum vorurteilslos und gründlich studieren und dann seine Entschlüsse fassen, obwohl ihm der Weg, der dann einzuschlagen sei, noch nicht klar sei. Maßgebend sei in erster Linie der Stand der Gesetze und besonders Artikel 19 des Staatsgrundgesetztes. Der Minister dankte der Deputation wiederholt für die würdevolle und ruhige Haltung, weiche die jüdischnationale Studentenschaft beim Eintreten für ihre nationalen Ziele, die sehr ideale seien, beobachtet habe. Der Gesetzartikel, auf den sich der Minister beruft, lautet: „Alle Volksstämme des Staates sind gleichberechtigt, und jeder Volkstamm hat ein unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache." (Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1867 über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, Art. 19, Abs. 1) bereits in der Verfassungsurkunde vom Jahre 1848 war „allen Volksstämmen die Unverletzlichkeit ihrer Nationalität und Sprache gewährleistet." Die Reichsverfassung für das Kaisertum Österreich vom Jahre 1849 enthält im § 5 wörtlich den zitierten Artikel 19 und spricht im § 71 davon, daß die „Gleichberechtigung aller Nationalitäten und Sprachen in allen Verhältnissen des öffentlichen und bürgerlichen Lebens durch geeignete Institutionen gewährleistet" werde. Was also nichtjüdischen Staatsbürgern gegenüber unverletzlich und weder vom Staate noch von anderen angetastet werden darf, nationale Gleichberechtigung und Selbstbestimmung, soll gerade den Juden verwehrt sein? Der neilgewählte zionistische Reichsratsabgeordnete, Dozent Dr. Arthur Mahler, will bald nach Eröffnung des Parlamentes die Frage zum Gegenstande einer parlamentarischen Aktion machen. Polnische Rache Die Vergeltung für den „Abfall der Juden", auf die man sich seitens der Polen gefaßt machen mußte, läßt nicht lange auf sich warten. Aus Lemberg wird gemeldet: Infolge der Wahl des Zionisten Dr. Gabel im Landgemeindebezirk Buczacz-Monasterzyszka zum Reichstagsabgeordneten fanden dort Exzesse gegen die Juden statt. Judenhäuser wurden demoliert und die Bewohner mißhandelt. Dr. Gabel erhielt eine Meldung aus Monasterzyszka, daß von dem Gerichtsbeamten Klapik und dem Schullehrer Skowronski eine Bauernbande organisiert worden sei, um an den Juden Rache für die Wahl des Zionisten zji nehmen. Betrunkene Bauern überfielen und mißhandelten die judischen Einwohner auf den Straßen und schlugen die Fenster der Häuser des Judenviertels ein. Dr. Gabel begab sich zum Statthalter Grafen Potocki, der sofort an die Bezirksbehörde die telegraphische Weisung ergehen ließ, energische Maßregeln zur Unterdrückung der Exzesse zu treffen. Dr. Gabel bat zugleich telegraphisch den Minister des Innern, daß das Militär, welches fürdie Wahltage nach Buczacz-Monasterzyszka entsendet worden war, nicht abberufen werde. Gleichzeitig erhielt aber Dr. Gabel aus Monasterzyszka ein Telegramm, daß das Militär bereits abmarschiert sei, und daß infolgedessen die Ausschreitungen verübt werden konnten. Indessen ist es in Monasterzyszka wieder ruhig geworden. Repressalien der Wiener Kultusgemeinde Die Wiener zionistischen akademischen Vereine beziehen seit Jahren eine Subvention von der Kultusgemeinde. Weil die Studenten bei den Reichratswählen für Dr. Schalit und gegen Dr. Gustav Kohn agitiert haben, hat es sich der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern in den Kopf gesetzt, ihnen durch Vorenthaltung der Subvention freundlichere Gesinnungen einzubiäuen. Obwohl die Beträge schon im Dezember v. J. bewilligt wurden und ins Budget eingestellt sind, weigert sich der Herr Präsident, den man ja als Hasser alles Nationalen genügend kennt, seine Unterschrift unter die Anweisung an die Gemeindekasse zu setzen. Es ist offenbarer Mißbrauch der Amtsgewalt, unwürdige. Ranküne. Diese Liberalen, die vor Empörung und beleidigter Freiheitsliebe nicht genug scharfe Worte finden, wenn die Christlichsozialen fremde Meinungen knebeln und mit ihrer Macht gegen alle Andersgesinnte frechen Unfug treiben, zeigen sich im obigen Falle in ihrer ganzen Unduldsamkeit. Dr. Stern verweigert nicht nur die bereits bewilligte Subvention, er droht, den schon gefaßten Beschluß annullieren zu lassen! Auch die Aktion der jüdischnationalen Studentenschaft hat.es dem wutschnaubenden Zionistenhasser angetan. „Wir haben in Österreich nur für Glaubensfreiheit zu kämpfen, keine nationalen Interessen zu wahren" — der Herr Präsident hat paar Jahrzehnte verschlafen. Er erwartet wohl selbst nicht, daß die zionistischen Studenten reuig ihre Gesinnung abschwören und den Herren vom Kultusvorstand politische Gefolgschaft leisten werden. Russische Juden helfen den rumänischen Brüdern Aus Rußland sind dem Hilfsverein wiederum Gaben für die notleidenden rumänischen Glaubensgenossen, die den Exzessen zum Opfer gefallen sind, zugeflossen, und zwar sind überwiesen worden aus drei russischen Städten in Summa Mk. 6 544,85. Diese Spenden — das Erträgnis von Sammlungen — sind ein erneuter Beweis für das edle Solidaritätsgefühl der russischen Juden, die unter den Nachwirkungen der russischen Progrome selbst noch schwer zu leiden haben, aber trotz der für sie selbst so ernsten Zeiten ihren verfolgten Brüdern im Auslande zu Hilfe kommen. „OBS ERVER" Telephon Nr. 12 801. Unternehmen für Zeitungsausschnitte Concordiaplatz Nr. 4 * WIEN I * Concordiaplatz Nr. 4 liest sämtliche Wiener Tagesjournale, ferner alle hervorragenden Blätter der österreichisch-ungarischen Monarchie und des Auslandes (welche in deutscher, französischer, englischer und ungarischer Sprache erscheinen), sowie alle wichtigeren Fach- und Wochenschriften und versendet an die Abonnenten jene ZEITUNGSAUSSCHNITTE welche sie persönlich (oder sachlich) interessieren. Der „Observer" ist in der Lage, aus allen wichtigeren Journalen des Kontinents und Amerikas seinen Auftraggebern Preßstimmen (Zeitungsausschnitte) über jedes gewünschte Thema schnellstens zu liefern.