Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Hauptverwaltung für Preßangelegenheiten wurde die Aufgabe gestellt, die in der letzten Zeit immer zahlreicher erscheinenden jüdischen Zeitungen in russischer Sprache und im Jargon genau daraufhin zu prüfen, welche von ihnen parteiisch und welche unparteiisch sind. Bei den Parteizeitungen soll auf ihre Tendenz geachtet werden. Es wird uns mitgeteilt, daß angesichts der nahenden• Osterfeiertage in allen von Juden bewohnten Städten Rußlands sowohl die Militärpatrouillen wie auch die Polizeiposten verstärkt werden sollen, um in der Lage zu sein, alle Unruhen sogleich zu unterdrücken. Im Petersburger „Neuen Theater" wurde vor wenigen Tagen das Drama von Schalom Asch „Der Gott der Rache" aufgeführt. Das Publikum bereitete dem Verfasser einen enthusiastischen Empfang. Der Ministerpräsident Stolipin hat am 23. ds. an die Generalgouverneure, Gouverneure und die Kreischefs in dem den Juden zur Ansiedlung eingeräumten Gebiet ein Rundschreiben erlassen, worin es heißt: Ich erhalte Meldungen, daß für Ostern (5. Mai) Judenhetzen verabredet w*ürden; ich bin fest überzeugt, daß die Ortsbehörden alle Maßregeln ergreifen, um jede Art von Gewalttätigkeit zu verhindern, und ordne an, daß zur Beruhigung der Bevölkerung öffentlich bekanntgegeben Jwird, daß jeder Versuch einer Ruhestörung sofort durch polizeiliche und militärische Gewalt unterdrückt werden wird. Ich gestatte in der gegenwärtigen Zeit auch nicht einmal den Gedanken an eine Schwäche der Verwaltung und führe auf ihre Festigkeit die Ruhe, die in den Dörfern wiederkehrt, zurück. Die Bevölkerung muß von der Überzeugung durchdrungen sein, daß die ordentlichen Behörden die Pflicht haben, Unruhen sofort ohne Verzug zu unterdrücken, da die Behörden selbst für die Folgen von Bauernunruhen und Hetzen gegen die Juden nach der vollen Strenge des Gesetzes aufzukommen haben werden, Der Jüdische Nationalklub Anfang April wurde in Warschau der Jüdische Nationalklub gegründet. Zu seinem Ziele hat der Klub die Durchführung einer selbständigen jüdischen Politik. Als erste Fragen kommen in Betracht die Frage der Sprache, der Sabbathruhe und des proportionalen Wahlrechts- Der Klub hat die Aufgabe, Abteilungen im ganzen Königreiche Polen zu gründen, Vorlesungen zu veranstalten und nationale Ideen unter den Massen zu verbreiten. Seine Tätigkeit hat der Klub mit der Behandlung der Frage der Sabbatruhe * eröffnet, der die letzte am 21. April stattgefundene Versammlung des Klubs gewidmet wurde. Die Versammlung eröffnete Dr. Davidsohn und charakterisierte die Tätigkeit des Klubs dahin, daß sie auf die Sicherung der Rechte der Minderheit gerichtet werden muß. Das Gesetz wegen Sonntagsruhe, welches von Anderen als Glück betrachtet wird, kann von den Juden nur als Unglück betrachtet werden, da es ihre ökonomische Lage vollständig untergräbt. Nach langen Debatten hat der Klub die folgende Resolution angenommmen: „In Anerkennung dessen, daß das Gesetz, welches die Juden nötigt Sonntag zu feiern, das ökonomische Leben des jüdischen Volkes untergräbt und die von den kaiserlichen Manifesten gesicherte Religions- und Gewissensfreiheit vergewaltigt, wendet sich die Versammlung an die Volksvertretung (Duma) mit der Forderung der Änderung des Gesetzes." Die Versammlung wählte eine Kommission von acht Personen, welche sich mit allen die Frage der Sabbathruhe betreffenden Angelegenheit befassen soll. Der Jüdische Nationalklub bildet gegenwärtig das Zentrum des jüdischen nationalen Lebens in Warschau und erfreut sich in weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung großer Sympatien. Zur Frage der Sonntagsruhe Am 13. März fand in Wilna unter Vorsitz des Herrn Mischurski eine Versammlung der Handelsangestellten statt, um die Frage über den Normalruhetag und eine darauf bezügliche Resolution auszuarbeiten. Es wurde die folgende Resolution angenommen: „In der Frage über den normalen Ruhetag hat die gemischte Kommission zu bestimmen, daß die jüdischen Angestellten vom 1. September bis zum 1. April ihre Arbeit Freitag um 3.30 nachmittags und vom 1. April bis zum 1. September am Freitag um 7.30 abends endigen. Die Arbeit fängt für Juden am Sonntag um 9 Uhr morgens und für Christen am Montag um 9 Uhr morgens an. Auf diese Weise ergibt sich, daß sowohl Juden wie auch Christen über 40 freie Stunden wöchentlich verfügen. In Geschäften, wo Christen uud Juden zusammen arbeiten, werden zwei Tage, — Sonnabend und Sonntag, — von allen Angestellten gefeiert. Die Stadtduma von Zytomir beschloß, den Juden und Christen zu erlauben, ihre Geschäfte während der christlichen Feiertage offen zu halten, doch sind die letzten verpflichtet, den Handel ohne Teilnahme des Personals selbst zu verrichten. Die gemischte Kommissiou in Slonim hat nach langen Debatten beschlossen, die folgende Resolution über die Sonntagsruhe anzunehmen: „Da der ganze Stadthandel durchweg in jüdischen Händen konzentriert ist, so sollen die Geschäfte am Sonnabend geschlossen und am Sonntag geöffnet werden." In Hornel sprach sich die gemischte Kommission dagegen aus, daß die jüdischen Geschäfte am Sonntag geschlossen bleiben sollen, weil der ganze Handel sich in jüdischen Händen konzentriert. Ausstellung Pilichowski. Die Ausstellung unseres Freundes Leopold Pilichowski, die seinerzeit in London und Köln wegen ihrer vorzüglichen malerischen Qualitäten und des tiefinnerlichen jüdischen Empfindens, das aus den Bildern spricht, Aufsehen erregte, befindet sich zur Zeit in Frankfurt am Main. In der „Frankfurter Zeitung" schreibt der bekannte Kunsthistoriker Dr. Paul Ferd. Schmidt darüber folgendes: Ein interessanter Maler stellt seine Bilder bei Scham es aus, der in Paris lebende Pole L. Pilichowski, ein Schüler von Constant. Er nutzt die großen modernen Muster nicht nach der mitunter spielerischen Weise seiner Landsleute aus, die den Tyrannen so oft Übertyrannen, den Symbolismus übersymbolisieren möchten; er arbeitet mit zähem Ernst an seinen Problemen, mit der Zähigkeit des rassigen Juden. So eindringlich, wie seine trocken modellierende Technik ist, geht er der Erscheinung des Aeußern, der sprechenden Geberde, dem sozialen Charakter zu Leibe. Die wertvollsten seiner Bilder, die, in denen er sich am freiesten ausspricht und Ausdrucksmittel neuer Art hervorholt, sind Studien und Szenen aus dem polnisch-jüdischen Ritualleben, die uns mit orientalischer, fremd gewordener Innbrunst berühren. Hier eben liegt die Heimat seiner Seele, seines Denkens und Fühlens Mittelpunkt, und er ist darum so überzeugend. Die Ausstellung wird Anfang nächsten Monats in Wiesbaden zu sehen sein. Wie wir hören, beabsichtigt Herr Pilichowski auch auf dem VIII. Kongresse eine größere Sammlung seiner Gemälde auszustellen. Ha'Olam Inhalt der Nr. 15 von „Ha'Olain": N. Sokolow: Das zionistische „Programm". — Cheiruthi: Von den Angelegenheiten der palästinensischen Kolonisation. — Dr. Jakob Nacht: Unsere Sprache und die jüdische Wissenschaft, —- Matisjahu Blechmann: Bekenntnisse. — Elijahu Lewin: Die böse Folge einer guten Tat (Schluß). — M. B. Lasabnik: Der Fluch (Gedicht). — Dr. S. A. Poznansky: Zwei neue Bücher aus Ungarn. II. — Die zionistische Bewegung. — Die zionistische Woche. — Nachrichten. Briefkasten der Redaktion I. Berk 1. Uns unbekannt. 2. Es ist kein Grund vorhanden, vom Abonnement abzuraten. Meyers Großes Konversationslexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148,000 Artikel und Verweisungen auf über 18,240 Seilen Text mit mehr als 11,000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Illustratiönstafeln (darunter etwa 190 Farbendrucktafeln und 3oo selbständige Kartcnbeilagen) sowie 130 Textbeilagen. 20 Bände in Halbleder gebunden zu je 10 Mark oder in Prachtband zu je 12 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Wir freuen uns, unsern Lesern den 14. Band vom »Großen Meyer« anzeigen zu können, der damit schon bis zum Stichwort »Ohmgeld« gediehen ist. Auch dem jüngsten Band ist die bereits bei seinen Vorgängern oft und gern hervorgehobene außerordentliche Sorgfalt in der Auswahl und Abfassung der Artikel, ihre meisterhafte Gruppierung, die Prägnanz der Ausdmcksweise und die geradezu glänzende Illustrierung in ganz hervorragender Weise eigen. Das zeigen uns z. B. die gerade in diesem Band stark vertretenen Artikel aus dem Gebiet der Länder- und Städtekundc. Wir verweisen hier nur auf die eingehenden Monographien von München und New York sowie auf die umfangreichen Abhandlungen über die Niederlande mit ihren Kolonien, über Nordamerika, das Norddeutsche Tiefland und Norwegen — sämtlich mit erweiterten oder ganz neuen Karten und Plänen. Fragen von allgemeinem, gewerblichem und volkswirtschaftlichem Interesse behandeln sachgemäß die Artikel »Möbel«, »Mode«, »Monopol«, »Münzwesen«, »Nahrungsmittel« (mit einer tabellarischen und graphischen Darstellung ihrer chemischen Zusammensetzung). »Nerven«, »Normalarbeitstag«;, »Nutzhöher«, »Obstbau« und »Obstverwertung«, Durchaus modern sind die durch instruktive Abbildungen veranschaulichten Artikel »Motorboote« und »Motorwagen«• Als eine willkommene Neuerung begrüßen wir die Übersicht der wichtigsten naturwissenschaftlichen Entdeckungen, und nicht unerwähnt bleiben sollen ferner die farbenprächtigen Tafeln der nearktischen und neotropischen Fauna sowie zwei sehr wohlgelungene Porträttafeln von bedeutenden Naturforschern aller Zeiten bis auf Haeckel. Damit kommen wir auf das biographischhistorische Gebiet, auf dem wir wohlgelungenen Abschnitten über Moltke, Mozart, Mukden, Munkacsi, Nansen, Napoleon begegnen. Erwähnen wir noch, daß aus der Rechtspraxis Begriffe, wie Moratorium, Mündelsicherheit, Musterschutz, Nachlaßansprüche, Nachlaßregulierung, Naclilaßverwaltung, Namensänderung, Nießbrauch, Öffentlichkeit, eine sehr durchsichtige Behandlung erfahren haben, so glauben wir in ausreichendem Maße die erschöpfende Vielseitigkeit des neuesten Bandes angedeutet zu haben, der sich mit 72 bunten und schwarzen Tafeln, 16 Karten und Plänen und 3 Beilagen würdig an seine Vorgänger anreiht.