Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Auf Antrag'des Herrn •Silberbusch' wurde folgende Resolution gefaßt:; »Die am 7. April hier im Saale der jüdischen Kultusgemeinde versammelten Bürger begrüßen die Aufstellung eines jüdisch-nationalen Kandidaten mit größter Freude und werden nur die Kandidatur des Herrn Adolf Stand unterstützen", Stellungnahme der galizischen oppositionellen Juden Lemberg, 8. AprÜ. Unter Vorsitz des Advokaten Dn Butter' fand heute abend hier im jüdische« fheätersaaie eine große Wähierversämmlung def jüdischen öppösitiönöileri Parteien" statt, ßas Referat übef die Stellung der juderi zum polnischen Natiönäirat Und über die bevorstehenden Reichsratswählen erstattete def aus Krakau eingetroffene Führer der dortigen oppositionellen Juden, Advokat Dr. Groß, welcher u. a. ausführte, daß sämtliche oppositionell gesinnten Juden steh gegeri den polnischen Natioriälrät organisieren und die demselben angehörenden jüdischen Vertreter ablehnen mögen. Die oppositionell gesinnten Juden mögen bei den Wahlen, soweit sie nicht eigene Kandidaten habe«, für die dem Polenklub Opposition machenden demokratischen und fortschrittlichen Parteien eintreten. Eine in diesem Sinrie gefaßte Resolution wurde einstimmig angenommen. Oer Polenklub hatte bekanntlich den Juden Galiziens sowohl die Vertretung irri Zentral- Wahlkorrtitee als auch die Einräumung Von Mandaten iii den Wahlbezirken, wo die Majorität der Wähler jüdisch ist, verweigert. Aus diesem Grunde sind die Juden, die, abgesehen vön den Zionismen, bisher den Polenklub unterstützten, in die Opposition getreten. Das „Schwarze Hundert" in Palästina ^HäsrHäri" teilt irlit, daß iii Jaffa eine ganze Abteilung der russischen „Schwarzen Bande", mit Dr. Dubrowiri ari def Spitze, angekommen ist und daß der russische Konsul, nach einer aiis Petersburg zugegangenen Instruktion, eine Kompagnie Soldaten für deren Empfang abkommandiert hat. . So findet demnach die in der russischen Presse erschienene Mitteilung von einem neuen in Vorbereitung begriffenen „Kreuzzuge" der Schwarzen Bande ihre Bestätigung. Bekanntlich verfolgt Dr. Dubrowin den Zweck, für sich und seine Scharen den Segen des Jerusalemer Patriarchen zu empfangen. Pogromschrecken Aus dem Süden Rußlands kommt eine ganze Reihe beunruhigender Nachrichten über in nächster Zeit zu gewärtigende Aktionen des „Verbandes des Russischen Volkes". Die Mitglieder des Verbandes verbreiten allerlei hetzerische Meldungen, z. B., daß der Einsturz des Plafonds im Taurischen Palaste durch eine von Juden geworfene Bombe verursacht, daß Kruschewan von Juden in Petersburg ermordet worden sei, und ähnliches mehr. Noch symptomatischer ist die überall offen betriebene Geldsammlung zur Bewaffnung des Verbandes. Ritualmordmärchen Man schreibt aus Kiew : Der „Kiewskij Goloß" veröffentlichte einen Bericht des Kreispolizeichefs von Taraschtschanso, des berüchtigen Löwendal, tder in Kischinew während des Pogroms Chef der Geheimpolizei war), an den Gouverneur des Kiewschen Gouvernements. Es hieß in diesem Berieht, daß die Stadtbevölkerung sehr erregt ist, aus Anlaß des Verschwindens zweier Schüler der Stadtschule, von denen man sagt, daß sie als Opfer eines Ritualmordes gefallen seien. Die Lage, sagt der Kreispolizeichef, ist noch ernster geworden, da die Schutzleute einen Streik machten, weil die jüdische Gemeinde sich weigerte, einen Teil der zu Wohltätigkeitszwecken bestimmten Summen zum Unterhalte der Polizei zu geben. Jetzt ist die Leiche des einen von den verschwunden Schülern in einem Teich gefunden worden. Unter dem Verdacht, den Mord begangen zu haben, stehen jetzt der zusammen mit dem Ermordeten verschwundene zweite Schüler und der Sohn des Bürgermeisters, welche beide verhaftet sind. Die Legende des Ritualmordes ist aber zu demselben Zweck erfunden worden, wie der Streik der Schutzleute, nämlich um von der jüdischen Gemeinde Summen zum Unterhalte der Polizei zu erpressen. Der letzte Zweck ist erreicht worden: die Versammlung der Gemeinde beschloß am 20. März, zum Unterhalte der Polizei 1000 Rubel von den Wohltätigkeitssummen zu geben. Von den Unruhen in Lodz, Das deutsche Bureau der „Alliance Israelite Universelle" stellt uns folgenden Bericht zur Verfügung; Lodz, IL ApriL in der Vorstadt BalutL die hauptsächlich von der armen christlichen .und jüdischen Bevölkerung bewohnt wird und an die sich der vorwiegend jüdische Stadtteil anschließt, befindet sich ein Laden, der von der christlich - n-a t i o n a l e n Patt ei gegründet worden ist ürtd ihr wahrscheinlich auch gehört, Diese Partei ist hier wie in gätiz Polen mit der antisemitischen Partei identisch, die bei den jüngste« Wahlen zur Reichsduma gesiegt hat. Die Partei führt (Jen anziehen Namen „Nationaldemokratische Partei" j ihr gehört, besonders in Lodz, der größte Teil der polnischen Arbeiter ari. Seit zwei Jahren, also seit Beginn der Revolution, steht diese Partei im Streit mit den sozialistischen Gruppen, nämlich der Polnisdheri Sozialen Partei, dem sozlaldemo-- kratisehen Bund und dein Proletariat. Der Grund des Streites Söll bei deri nationalen Arbeitern in der Abneigung gegen den Ausstand liegen. Tatsächlich Werden die nätionaldemokrätiscriefl Arbeiter durch den reaktionären Vorstand der Partei geleitet und gegen die Sozialisten urid Juden aufgehetzt. Kein Tag' Vergeht, ohne daß auf offener Straße ein oder mehrere Arbeiter von der Gegenpartei niedergeschossen werden. Iii der letzten Zeit sind es ausschließlich Nationalisten, die ihre Gegner morden. Die Parole dazu ging von der Leitung der Partei aus. Reichsdumaabgeofdrieler Dmowski, der Führer der nationalen Partei, sagte iii einer öffentlicher! Wahlversanimlung in Warschau : „Im Kämpf gegen die Feinde des polnischen Volkes waren wir gezwungen, das Blut unserer Brüder zu vergießen." Solche Morde gehören zu den täglichen Erscheinungen; man hat sich längst an sie gewöhnt. Die Polizei kümmert sich um nichts. Vor einigen Wocheii wurden zwei Offiziere und mehrere? Soldaten am hellen Tage auf der Straße niedergeschossen. Auch hier entkamen die Täter. In der vorigen Woche drangen mehrere Leute in den Laden der christlichen Partei ein und errnordeteri die? darin anwesenden Personen. Wiederum entkamen die Mordet Jetzt begannen fortgesetzte Greueltaten. Binnen zwei Tagen wurden gegen 40 Personen niedergeschossen und noch mehr verwundet; darunter auch viele Juden, Der Schauplatz dieser Mordtaten ist hauptsächlich die Vorstadt Balufj, aber auch andere Stadtteile blieben nicht verschont. Unter den Getöteten sind Kinder von 14 bis 15 Jahren. Die hiesige antisemitische polnische Zeitung „Rozwoi" schrieb nach dem Mord in dem Laden : „Das hat die Konkurrenz getan, der unser Laden ein Dorn im Auge war; wir" werden uns rächen!" Infolge dieser Ereignisse ist eine Panik namentlich unter der jüdischen Bevölkerung ausgebrochen. Ein Offizier erzählte, daß am 7. ds. Mts. der Ausbruch von Unruhen erwartet wurde und die Truppen die ganze Nacht über sich bereit halten mußten. Am 5. wurden in einem Monopol* (Branntwein-)Laden ein Schutzmann und zwei Soldaten getötet und am 9. zwei Bomben geworfen, die glücklicherweise niemanden verletzten. Wie dies enden wird, weiß kein Mensch. Vielleicht tritt endlich doch Ruhe ein. Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit Frankfurt a. Main ♦m&y not? Der soeben zur Versendung gelangende Jahresbericht pro 1906 kann erfreulicherweise von einer gedeihlichen Weiterentwicklung sämtlicher Vereinsinstitutionen berichten. Die Stellen Vermittlungsabteilung konnte 118 Stellen besetzen, darunter 17 mit Gehältern von Mk. 2000—3000. Die Versicherungskasse zahlte an Entschädigungen für Stellenlose Mk. 1148. -; im ganzen wurden bisher aus dieser Kasse über Mk. 12000 gezahlt. Gleichzeitig wurde der Sicherheitsfonds des Vereins auf nahezu Mk. 28000 gebracht. Seit Anfang 1907 nimmt der Verein auch Gehilfinnen als ordentliche Mitglieder auf, die dadurch jetzt Gelegenheit erhalten, sich gegen die Gefahr der Stellenlosigkeit zu sichern. Der Beitrag der ordentlichen Mitglieder beträgt "in der untersten Klasse nur Mk. 6. - p. a. Die Stellenvermittlung erfolgt für Prinzipale und Gehilfen kostenfrei. Dem Verein, der seine Tätigkeit über ganz Deutschland erstreckt, gehören jetzt gegen 700 Mitglieder an; es ist dringend zu wünschen, daß auch die noch außentehenden Prinzipale wie Gehilfen, soweit sie am Sabbat festhalten, die Mitgliedschaft -baldigst erwerben und so die Ziele des Vereins erreichen helfen.