Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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22 D1E5 hätten die Interessen der Juden vernachlässigt. Es läge die Gefahr vor, da(3, wenn überhaupt nur eine ungenügende Emanzipation zustande komme, wie etwa in Galizien. Die fünf bis sechs Millionen der jüdischen Bevölkerung in Rußland führten ein sehr kompliziertes Leben, sie hätten nur die negativen, nicht die positiven Merkmale eines Volkes, sie seien keine Nation, sondern nur Menschenstaub. Während Rußland ein Nationalitätenstaat sei, lebten die Juden unter allen Nationalitäten und wüßten nicht, mit welcher sie politisch zusammengehen sollten. Bei einer eigenen jüdischen Politik würden sie als die schwächeren Elemente stets aufgerieben werden, wie es in Polen geschehen ist. Aber selbst mit der Emanzipation wäre die russische Judenfrage noch lange nicht gelöst, denn das Ghetto sei nicht durch Gesetze, sondern durch innere Ursachen geschaffen und werde nicht so bald aufhören, wie die Judenstadt in Newyork mit ihren 800 000 Einwohnern beweise. Eine gleichmäßige Verteilung der Juden durch Rußland sei deshalb sehr unwahrscheinlich, was schon die Tatsache beweise, daß seit dem Jahre 1865 nur 12 000 jüdische Handwerker von der Erlaubnis, überall in Rußland zu wohnen, Gebrauch gemacht hätten. In Rußland besäßen sie auch kein Recht, gesetzliche Gemeinden zu bilden. Die heutige Auswanderung, die nur eine Flucht sei, werde ebenfalls nichts daran ändern, daß die Emigrierten ein Ghetto bildeten und an ihrer Sprache festhielten. Ganz anders sei das Bild in Amerika. Ihm, dem Redner, wäre es aufgefallen, daß die Juden dort einfache Menschen mit einfachen Äugen wären., ohne Ängstlichkeit im Sprechen und Handeln. Erst 1882 hätte die Emigration begonnen, und doch hätten die Juden es schon weit gebracht. Dort zeige man bezeichnenderweise zum Beweise dessen nicht etwa jüdische Generäle und Minister, sondern jüdische Schutzleute. Die zweite Generation spreche glänzend uud fast ausschließlich englisch. Der erste Staatsanwalt in Chicago sei noch vor sechzehn Jahren in Wilna ansässig gewesen. Trotzdem besäßen auch in Amerika die Juden noch keine gesellschaftliche Gleichberechtigung. Diese würden, so schloß der Redner, die Juden in der ganzen Welt erst erringen, wenn sie unter einheitlicher Firma auftreten würden. Nicht der Weg der Selbstverleugnung, sondern derjenige der Selbstbejahung sei der richtige. Der Vortrag, der in eine Empfehlung dös Zionismus ausklang, wurde mit lautem Beifall und Händeklatschen aufgenommen. Kolin. Am 9. März d. J. veranstaltete der hiesige Volksverein „Zion" einen Vortragsabend, bei dem Herr Baurat Oskar Marmorek aus Wien über „Juden und ihre Politik" sprach. Die gutbesuchte Versammlung fand im Wintergarten des Grandhotels statt. Nach der Begrüßung durch Präs. Rudolf Kobler hielt Baurat Marmorek seinen wirkungsvollen, mehr als zwei Stunden dauernden Vortrag. In demselben berührte er alle aktuellen Fragen und Vorkommnisse innerhalb der zionistischen Bewegung. Im Anschlüsse an -das glänzende Referat entspann sich eine lebhafte bis 2 Uhr nachts sich ausdehnende Debatte, an der sich die Herren Heinr. Polacek, J. U. Dr. Reim an n, J. U. Dr. Singer und J. U. Dr. Kafka beteiligte. Mit einer bewundernswerten Schlagfertigkeit verstand es der Referent, alle aufgeworfenen Fragen zu beantworten und die vorgebrachten Einwände und Vorwürfe zu entkräften. Vortrag und Diskussion waren gleich anregend und haben im Kreise der hiesigen Judenschaft ihre Wirkung nicht verfehlt. Bern. Am 27. Februar d. J. hat d e „Jüdisch-Nationale Studenten-Verbindung Ka di m a h" bei zahlreicher Beteüung der eingeladenen Gäste aus Stadt und Umgebung ihren Schlußkommers abgehalten. In seiner Eröffnungsrede wies der Präsident auf die Aufgabe hin, die einer zionistischen Studentenverbindung harren, und gedachte zugleich der im verflossenen Wintersemester geleisteten Arbeit der I N. St. V. „Kadimah", welche vorzüglich in der allwöchentlichen Abhaltung von Vorträgen auf jüd. Gebiete. Ausbildung der Mitglieder in hebr. Sprache und jüd. Geschichte, Sammlung für den Nationalfonds, Einführung der Selbstbesteuerung, Heranziehung neuer Mitglieder und dergl. besteht. Das in diesem Winter abgehaltene zehnsemestrige Stiftungsfest hat sich zu einer erhebenden Feier gestaltet. Ferner hat die „Kadimah" die Gründung eines „Weltbundes zionistischer Korporationen" vor kurzem in Angriff genommen, für dessen Zustandekommen sie auch das sympathische Interesse des Aktionskomitees gefunden hat. Weitere Schritte zur Verwirklichung dieses Planes sollen demnächst an die Öffentlichkeit gelangen. Die letzten Wahlen hatten folgendes Ergebnis: cand. ehem. Ludwig Friedmann, cand. phil. Samuel Büchler, stud. math. Ephraim Steuden Verbiudungslokal: Cafe Hackerbräu, Neuengasse. Wien. Jüd.-Akad. Ferial-Verbindung „Zephyra", Verbindungslokal VIII., Josefstädter-Straße 91, Gasthaus. Ergebnis der Chargenwahlen der neugegründeten jüd. akad. Ferialverbindung für Nied.- Österr. „Zephyra": J. U. C. Karl Bony, Med. Alfred Grünspann, Med. Bernhard Kohn. gE LT ~ - NO. 15 Wien. „Espsranza", Sociedad academica de los judios espanoles: Präsidend: cind. med. Raphael Alfandary, Vizepräsident: cand. med. Raphael Margulies, I. Sekretär: stud. ing. Leon Leonovits, II. Sekretär: stud. iur. Vytal i Refetoff, Bibliothekar, stud. med. Isak Eskenasy Kassierer: stud. med. Isak Isahar. Tarnopol. (Akad. Verbindung „Libanonia"). Die Chargenwahl für das Sommersemester hat folgendes Resultat ergeben: Ing. Aron Sommerfeld X Cand. ehem. Hirsch Wischnowitzer XX Stud. ing. Jacob Goldberg XXX Cz ern o w itz. (Jüd. akad. Leseverein „Emunah".) Die Chargenwahlen für das laufende Sommersemester hatten folgendes Resultat: cand. jur. Josef Wagner, Präses; cand. jur. Moses Honig, Vizepräses; stud. jur. Adolf Trommer, Schriftführer. Czernowitz. Akademische Verbindung „Hebronia". Ergebnis der Chargenwahlen für das laufende Sommersemester: Cand. pharm. J. Gertler, stud. iur. J. Druckmann, stud. iur. L. Billig. — Jüd.-nat. akad. Verbindung „Zephirah": Cand. iur. Salonion Stecher, Präses, cand. phil. Pinkas Hilferding, Vize-Präses, cand. iur. Leonhard Ekstein, Schriftführer. Czernowitz (Verein jugendlicher Arbeiter und Praktikanten „Jung-Juda"). Dieser Verein hat zum Zwecke der Belehrung seiner Mitglieder eine jüdische Bibliothek eingerichtet. Bücherspenden beliebe man an den Präsidenten des Vereines, Herrn L. Steinmetz in Czernowitz, zu adressieren. ^-"^7f-10^-^) o°o NACHRICHTEN °°o\ iv.---- -J>^--4 Die Ernennung eines neuen Chacham=Baschi für Jerusalem An Stelle des im vorigen Jahre dahingeschiedenen Chacham- Baschi von Jerusalem, R. Jakob Saul Aljaschar, war im verflossenen Herbst nach heftigem Wahlkampfe R. Jakob Meir zum religiösen Oberhaupt der palästinensischen Juden gewählt worden. Diese Wahl wurde jedoch von der Gegenpartei angefochten, und es wurde bei der Regierung Berufung gegen die Wahl eingelegt. Daraufhin hat die Regierung des Wahl des R. Jakob Meir annulliert und auf Vorschlag des Chacham-Baschi in Konstantinopel einen neuen Kaimakani-Chacham-Baschi für Jerusalem in der Person des R. Elijahu Panigel ernannt. Dieser hielt am 9. Nissan (24. Mäi\zi d. J. seinen Einzug und wurde zwei Tage darauf durch den Pascha von Jerusalem offiziell in sein Amt eingesetzt. Zwischen den streitenden Parteien herrscht noch immer große Erbitterung. Wohltätigkeit nach zweierlei Maß Die „Liberal, Korr." schreibt: „Über ungerechtfertigte Zurücksetzung der Juden bei der Verteilung der Entschädigungen an die durch die Roburitexplosion schwer getroffenen Einwohner von Annen wird lebhafte Klage geführt. Von den insgesamt eingegangenen Hilfsgeldern im Betrage von 650000 Mark sind neuerdings wieder 200 000 Mark der Gemeinde Annen überwiesen worden. Es hätte vielleicht genügt und wäre wirksamer gewesen, wenn nur die Bedürftigen Unterstützung erhalten hätten. Aber man ist weiter gegangen und hat fast allen Beschädigten eine Entschädigung von 10 bis 30 Prozent des taxierten Schadens zukommen lassen. Ausgefallen sind jedoch, wie das „Dortm. Tagebl." schreibt, sämtliche Israeliten, mit Ausnahme eines Althändlers, dem man einige Mark gegeben hat. Dies hat allgemein unangenehm berührt, aber im besondern noch deswegen, weil die christlichen Geschäftsleute, die teils in gleichen, teils in viel besseren Vermögensverhältnissen als ihre Kollegen leben, sämtlich, selbst notorisch reiche Leute, eine Entschädigung von 200 bis 1000 Mark erhalten haben. Eine bei dem Amtmann eingereichte Beschwerde hatte keinen Erfolg; der Amtmann verwies die Unzufriedenen auf den Beschwerdeweg an die Regierung, der auch beschritten werden wird. Dieser Fall der Zurücksetzung jüdischer Mitbürger ist um so ärger, als gerade die jüdischen Einwohner sich ganz besonders an dem Hilfswerk beteiligt haben. Zunächst sind Berge von Wäsche und dergleichen für das evangelische und das katholische Krankenhaus von jüdischen Frauen, die selbst die Pflege der Verunglückten übernommen hatten, beschafft worden. Obdachlos gewordene christliche Familien sind von Juden aufgenommen und beherbergt worden, zum Teil findet diese unentgeltliche Beherbergung auch heute noch statt." Verlag: „Die Welt", Oes. m. b. H. — Verantwortlicher Redakteur: Julius Berger. — Druck von M. DuMont Schauberg, Köln.