Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316257--49162-3344088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
fT5^8 NACHRICHTEN Zwangsarbeit wegen Aufforderung zur Selbstverteidigung Am 23. März fanden, wie „Rjetsch" berichtet, in Odessa Gerichtsverhandlungen statt gegen sechs junge Juden, die im Juni vorigen Jahres während des Pogroms, mit Waffen und Aufrufen des Komitees des Selbstschutzes versehen, verhaftet worden waren. In den Aufrufen war die jüdische Bevölkerung Odessas zur energischen und mutigen Selbstverteidigung aufgefordert worden. Alle Angeklagten wurden als „Z u g e h ö r i g e einer verbrecherischen Gesellschaft" zu vier bis sechs Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Dr. Jollos — ermordet Moskau, 27. März. (Telegr.i Der Redakteur der Rußkija Wjedomosti, Dr. Jollos, bekanntlich einer der jüdischen Abgeordneten der ersten Reichsduma, ist heute, als er im Begriff war, seine Wohnung zu verlassen, durch Revolverschüsse ermordet worden. Der Mörder ist entkommen. Dr. Jollos war eine in Rußland und Deutschland sehr bekannte Persönlichkeit. Als in Rußland der politische Umschwung eintrat, kehrte er dorthin zurück und wurde schon für die erste Reichsduma zum Abgeordneten gewählt. Der Grund für den Mord, der vor der Redaktion des Blattes des „Schwarzen Hundert" erfolgte, ist zweifellos darin zu suchen, daß Dr. Jollos als Hauptbelastungszeuge im Prozeß gegen die Mörder Herzensteins auftrat. Amtlicher Antisemitismus in Ungarn Unter der Überschrift „Technische Wissenschaft auf konfes- „Budapesti Naplö" folgende sioneller Grundlage" veröffentlicht interessante Zuschrift: „Geehrter Herr Redakteur! Das Handelsministerium hat dieser Tage bekannt gemacht, daß bei den Staatseisenbahnen diplomierte Ingenieure zum Zwecke der' Bahnbauten und des Außendienstes gesucht werden. Bisher wäre die Sache in Ordnung. Allein das Ministerium verlangt bei Bewerbungen außer dem Diplom und einem Zeugnis über die bisherige Tätigkeit auch einen Taufschein. Gibt es villeicht in dieser national-demokratischen Ära eine christliche und eine jüdische technische Wissenschaft? Ich konnte dergleichen im Polytechnikum noch nicht lernen. Möglicherweise ist dort gegenwärtig der Unterricht so beschaffen. Mit einem Worte: Wenn das Geld der jüdischen Mitbürger zur Erhaltung der Kulturinstitutionen. also auch des Polytechnikums gut genug ist, so ist es eine Niederträchtigkeit, daß man die Kinder jüdischen Bitern von den Vorteilen, die diese Anstalten bieten, planmäßig ausschließen will. Achtungsvoll S. G., dipl. Ingenieur." Übergehung von Juden beim Schöffen- und Geschworenendienst Auf eine Eingabe des Verbandes der Deutschen Juden erhielt dieser vom Reichsjustizamt folgenden Bescheid: Berlin W. 9., den 15. März 1907. Voßstraße Nr. 4. Eure Hochwohlgeboren haben in der Eingabe vom 25. v. M. der Auffassung Ausdruck gegeben, daß in einzelnen Teilen des Reichs Staatsangehörige jüdischen Glaubens wegen ihres Glaubens vom Schöffen- und Geschworenendienste ausgeschlossen würden. Wenngleich Ihre Anführungen mich nicht davon überzeugt haben, daß in der Tat eine grundsätzliche Zurücksetzung von Juden bei der Auswahl der Schöffen und der Geschworenen stattfindet, so nehme ich doch keinen Anstand, zu sagen, daß nach meiner Meinung ein solches Verfahren mit dem Geiste der bestehenden Gesetze nicht im Einklänge sein würde. Im übrigen ist die Auswahl der Schöffen ' und der Geschworenen in das pflichtmäßige Ermessen der hierzu berufenen Ausschüsse gestellt, denen eine bindende Anweisung über die Grundsätze, welche sie zu befolgen haben, von keiner Seite erteilt werden kann. Soweit etwa eine Einwirkung auf ihre Entschließungen durch unverbindliche Belehrungen oder Empfehlungen in Frage kommen sollte, könnte sie jedenfalls nur von den Landesjustizverwaltungen ausgehen. Euer Hochwohlgeboren muß ich deshalb anheimgeben, sich mit Ihren Vorstellungen, sofern Sie die Angelegenheit weiter verfolgen wollen, an die Justizverwaltungen derjenigen Bundesstaaten zu wenden, welche Sie bei Ihfen Beschwerden im Auge haben. Der Staatssekretär: An den Vorsitzenden des gez. Nieberding. Ausschusses des Verbandes der Deutschen Juden Herrn Dr. Lachmann hier. Pogromschrecken in Rußland Der Deputierte Abramsohn erhielt folgendes Telegramm aus Elisabethgrad: „Am 24. Februar wurde das Mitglied der Kampfesorganisation des „Verbandes des russischen Volkes", Prochorow, der sogar von .seinen Gesinnungsgenossen gefürchtet und gehaßt war, von einem unbekannten Täter ermordet. Um den Pöbel aufzuregen, hat der „Verband des russischen Volkes" die Leiche des Getöteten vier Tage lang nicht bestatten lassen. Die Schuljugend hat die Bahre mit Kränzen geschmückt. Diese Zeit hat das „Schwarze Hundert" ausgenützt, um das lügenhafte Gerücht zu verbreiten, daß Prochorow von Juden getötet worden sei. Auf diese Weise hat man den Pöbel gegen die Juden aufgebracht. Es wird von Augenzeugen behauptet, daß die Verbändler in ihrem Vereinslokal Pläne der verschiedenen Anfälle ausgearbeitet haben und sogar zu diesem Zwecke Genossen aus Odessa haben kommen lassen. Im Vereinsklub haben die intelligenten Mitglieder des Verbandes ihre Vereinsbrüder zur Organisierung eines Judenpogroms aufgefordert. Nach dem Begräbnisse sammelte sich eine Menge unter der Führung der Verbändier, die mit den traditionellen provokatorischen Revolverschüssen und dem Rufe: „Die Juden schießen" sich auf den jüdischen Stadtteil warf, die Häuser und Geschäfte plünderte und die Juden schlug. Ein Jude wurde getötet, dreißig Juden mit Messern, Stöcken und scharfen Waffen verwundet. Der Pöbel wurde noch aufgehetzt durch den Beamten Bonkowski, der unaufhörlich schrie, daß die Juden schießen. Dank energischen Mitteln wurde der Pogrom bald unterdrückt. Der „Verband des russischen Volkes" und seine Kampfesorganisation bildet ein Nest von Provokatoren und Räubern, und bedroht beständig die Ruhe der Bevölkerung. Nur das Schließen des Verbandes und die vollständige Entwaffnung der „Druschinniki" könnte die erschrockene Bevölkerung beruhigen. Ich habe an den Premierminister Stolypin telegraphiert mit der Bitte um Schließung des „Vereines des russischen Volkes". In derselben Angelegenheit wandte ich mich auch an Pergament. Bitte um Annahme von Mitteln. Werfet diese Banden nieder!" Unterschr.: Rabbiner T e m k i n. Der aus Cherson nach Elisabethgrad zwecks Erforschung der Ursache des Pogroms entsandte Gouverneur Malajew wurde von vielen Personen besucht. Malajew erklärte, daß alle Schuldigen der gerichtlichen Strafe anheimfallen werden. Die Regierung hat beschlossen, die antisemitischen Ausschreitungen aufs energischeste zu unterdrücken. Im Rapport, den die Polizei dem Untersuchungsrichter Orlowsk i zugestellt hat, wird darauf hingewiesen, daß unter den am Pogrom teilnehmenden Pöbel sich besonders der Gehilfe des Vorsitzenden des „Vereines der echt russischen Leute", die Akzisenbeamten und die Bankangestellten besonderer Ausschreitungen schuldig gemacht haben. Letztere werden insbesondere beschuldigt, die Polizeibeamten in der Erfüllung der Pflichten gestört und sie beleidigt zu haben. Die Polizei hat den Gehilfen des Vorsitzenden des „Vereines der echt russischen Leute", Bonkowski, für seine provokatorische und hetzerische Pogromtätigkeit nunmehr vor Gericht stellen lassen. * Es wird mitgeteilt, daß das Ministerium des Innern nächstens an alle Gouverneure und Stadtkommandanten sowie an die Polizeimeister ein Zirkular versenden wird, worin diesen der Befehl erteilt wird, alle Ausschreitungen gegen Juden aufs energischste zu unterdrücken. Oberfall auf die Handwerksschule der Warschauer jüdischen Gemeinde Wir erhalten folgendes Telegramm: Warschau, 27. März. Gestern mittag fand ein räuberischer Überfall auf die Handwerksschule der hiesigen jüdischen Gemeinde statt. Durch Bomben und Revolverschüsse wurden drei Personen getötet und sechs verwundet.