Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRG. Köln, 29. März 1907 pnirfc nW** P'J "-p No. 13. DIE ALTE HAGADAH Aus dem Hebräischen von N. SOKOLOW*) Ein Weib, eine Mutter, in Gefangenschaft, die Hände rücklings gefesselt, gefesselt die Füße, der ganze Körper in Folterqualen, — und dieses W.eib beugt sich vornüber, um einem Säugling die dürre Brust zu reichen. Dieses Künstlerwerk Stefan Stindings, das die Macht der Liebe, die an äußerste Verzweiflung grenzt, versinnbildlicht, ohne die Linie der Schönheit zu überschreiten, ist uns kein neuer Vorwurf. Arm und unglücklich, welk und traurig ist unsere Hagadah. Nicht so erzählt ein glückliches Volk seine Geschichte, nicht so fliegen die Adler der Phantasie eines Volkes, welches emporschaut zur Sonne. Hier, in dieser Hagadah, flammen nicht die Blitze Jesaias auf, hier verspüren wir nicht den würzigen Zedernduft der Psalmen, nicht gähnt uns hier in schauerlicher Pracht der Abgrund Hiobs entgegen. . . Nachwuchs! . . . Wie der Wie Al-Charisi gegen einen Hier ist alles zwerghaft. Josiphon gegen Josephus! Ben Gabirol! Epigonen. Schweiß und Tränen finden wir hier und die uns bekannten Seufzer. Das Lied des Golus, das mit einem Male kasuistisch oder homiletisch wird, weil Schlauheit in ihm ist, die Schlauheit des Golus. Erst, wenn wir bei einigen Bibelversen anlangen, die zwischendrein zkiert werden, atmen wir frei auf. Sie stehen da wie ein Fels inmitten schlammigen Bodens. Perlen von Klassikern, eingestreut in die Langathmigkeit und den Wulst der späten Nachahmer. Und findet sie schon die Schwungkraft und den Ausbruch des Protestes, und schreit sie schon einmal auf: „Sch'foch chamosscho!" („Gieß aus deinen Zorn!"), dann beeilt sie sich, eine mystische Wolke darüber zu ziehen und schenkt schnell dem Elijohu Hanowi einen Becher ein. Gefangen und gefesselt ist unsere Golus-Hagadah, gefangen und gefesselt auch die Freiheit, die „Cheirus", wie sie sie versinnbildlicht. *) Aus dessen Ausgewählten Schriften (K'thabim Nibcharim), Jubiläumsausgabe. Warschau 1904. Trocken ist der Stil der Hagadah, und nur Spuren alter Schönheit, entschwundener Pracht finden wir in ihr. Aber in dieser Armseligkeit stillt sie den Säugling, das Volk, das Kind, Geschlecht nach Geschlecht. Denn das Volk kann nicht mehr den Tau einsaugen und den Eichensaft, gärenden und schäumenden Most, — höchstens Tropfen davon kann man ihm einflößen, in einem großen Maß lauwarmer und süßlicher Milch. Und das Volk wird entwöhnt, und es sieht seine gefangene Hagadah, wie sie sich, die Hände nach hinten gebunden, vornüberneigt, es zu kräftigen. Und manchmal regt sich in ihm der Gedanke, daß es vielleicht möglich wäre, auch ohne diese Hagadah Kraft zu finden. Aber, was wäre es ohne diese Hagadah? Und hätte es überhaupt leben können, wenn die Hagadah es nicht bis jetzt wenigstens mit der lauwarmen Milch gestillt hätte? Und wer weiß, ob es noch jetzt ohne diese Hagadah leben könnte? Ob es überhaupt schon entwöhnt ist? Hagadah, du unsere Hagadah! Daß du einen Lichtpfeil entsandt hast in unseren Ghettokerker, daß du einen dunklen, armseligen Wurm aufgerichtet hast, damit er wenigstens auf einen Augenblick hinaufstrebe aus dem schmutzigen Erdreich, ... sei gesegnet dafür! Gesegnet dafür, daß du das Gewebe warst, das unser Geist in Trübsal gewoben, der dunkel-liebliche Nebel, der die Golusluft dichter machte. Daß du der irrende Lichtstrahl warst, der über unserm Himmel schwebte, der Glanz eines fallenden Sternes, der hinabsank in den Grund des Meeres! Daß du uns gewiegt hast wie Kinder in der Wiege, daß du die Saiten berührt hast, die ewig stumm waren, weil keiner es verstanden hat, Laute aus ihnen hervorzulocken! Daß du uns das Geflüster stiller Bangigkeit gegeben hast, daß wir dank dir für einen Augenblick geglaubt haben, den Widerhall des Gesanges der goldenen Sonne zu hören, der zitternd hineinkiang ins Dunkel...... Sei uns dafür gesegnet! l*