Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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erhalten und verbreitet, daß die Progressive Vereinigung nur zum Schein Swientochowski und Krzywicki aufgestellt hat und daß sich hinter ihnen für den Fall ihrer Niederlage zwei nationalgesinnte Juden bergen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß am Wahltage auch kleine Exzesse vorkommen werden, da unter den National-Demokraten eine kampfbereite Stimmung herrscht und, wie verlautet, die nationalen Turnvereine („Sokoly") in Bewegung gesetzt worden sind, um bei den Wahllokalen, nach vorjährigem Muster, Wache zu halten, d. h. jüdische Wähler zu haranguieren. Auch ist die Verwaltung der Wahlbureaus und die Verteilung der Wahlzettel zum größten Teil in den Händen der Mitglieder der Nationalen Demokratie, die ihre Macht zugunsten ihrer Partei in rücksichtsloser Weise ausbeuten. Die Hauptrolle spielt bei diesen Funktionen ein Rechtsanwalt Namens Kijenski. Eine hochkoniische Rolle spielen während der jetzigen Wahlen die zwei getauften Juden: Rechtsanwalt Henrik Konic aus Warschau und Rechtsanwalt Sunderland aus Siedice, von denen Sie bereits in der letzten Nummer der „Welt" berichteten. Wie Sie ganz richtig mitgeteilt haben, wollten zuerst die Bauern des Kreises Mlawa von dem „Zyd" Konic nichts hören; sie stellten die Frage wegen der Stellung des Kandidaten zum Katholizismus und beruhigten sich erst, als der Örtspfarrer ihnen erklärte, daß Herr Konic zwar ein frischgebackener, aber ein nichtsdestowenger eifriger Katholik sei. Nun müssen wir aber das Interessanteste hinzufügen: es hat sich nämlich herausgestellt, daß sich der Herr Pfarrer in einem Irrtum befand: Herr Konic ist nicht Katholik, sondern Protestant. Freilich, hätte Herr Konic vor 10 Jahren gewußt, daß es nötig sein werde, Katholik zu sein, so hätte er sich gewiß anstatt vom Pastor Machlejd, vom katholischen Priester Chelmicki, einem bekannten Judenseelenfänger, taufen lassen, um so mehr, da Bischof Ruschkiewitsch soeben das ganze Programm der Nationalen Demokratie auf den Katholizismus aufgebaut hat. Auch die Situation des zweiten „Meschumed" bietet sehr viel humoristisches Interesse. Herr Sunderland hat die Parteien ganz so wie die Religionen gewechselt; er besitzt die richtige Meschumodim-Psychologie. Er war im Laufe einer einzigen Woche progressiv-national, progressiv-demokratisch und national-demokratisch, je nach dem Wachsen der Chancen nach dieser oder jener Richtung. Nun hat er sich in den Hafen der mächtigsten, antisemitischen Partei, der Nationalen Demokratie eingeschifft, um in unentwegter Gesinnungslosigkeit sicher in die Duma zu gelangen. Ein jüdischer Nationalverein in der Bukowina Wir erhalten das folgende Comrnuniqu6: Auf Grund der Beschlüsse der jüdischenParteikonferenzen in Krakau und Wien beschloß die Leitung der jüdischen Nationalpartei in Czernowitz die Gründung eines „Jüdischen Nationalvereins" für Czernowitz. Eine vor mehreren Wochen abgehaltene jüdische Versammlung hat diesen Beschluß mit lebhafter Zustimmung akzeptiert und den Statutenentwurf angenommen. Nachdem auch die k. k. Landesregierung denselben genehmigt hat, berief Abg. Dr. St rauch er für Samstag den 9. d. M. die konstituierende Generalversammlung und entwickelte in derselben das Programm des Vereins sowie auch der jüdischen Nationalpartei, das die Geltendmachung der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen der Juden als die Aufgabe der nationalen Partei bezeichnet. Hierauf erfolgte die Wahl des Vorstandes, der sich folgendermaßen konstituierte: Abg. Dr. Straucher, Obmann; OLGR. Dr. Albert Salter, I. Stellvertreter; Inspektor Dr. Neumann Wender, II. Stellvertreter; Dr. Max Diamant, Schriftführer; Jakob Riemer, Kassier; Filipp Fiillenbaum, Kontrollor; Abg. Wilhelm Tittinger, Moritz Stekel, Löbel Taubes und Doktor Mendel Kinsbrunner, Vorstandsmitglieder. Ein Verein für jüdische Kunst hat sich in Breslau gegründet. Er hat sich, wie es in einem vom Vorstande erlassenen Aufruf heißt, das Ziel gesteckt, die Schätze jüdischer Kunst einem größeren Publikum zu lebendigstem Genüsse darbieten, und ihre Schöpfer, die jüdischen Künstler, ideell und materiell zu fördern. Durch Vorträge, Rezitationen, musikalische Veranstaltungen, Ausstellungen von Werken bildender Kunst und Unterstützung jüdischer Künstler und Kunstanstalten will er seinem Ziele näher kommen. Ende Februar wird der erste Abend: „Moderne jüdische Dichter" stattfinden. Weitere Abende sind in Aussicht genommen und werden folgende Themen tragen: Die Sagen und Märchen der luden. Das jüdische Volkslied. Palästina in der Kunst. Die spanischjüdische Lyrik. Biblische Geschichten. Walter Cale. Anfragen und Beitrittserklärungen sind an Herrn Franz Landsberger, Breslau, Tauentzienstraße 7, zu richten. Aus der jüdischen Wahlbewegung in Rußland Kruschewan gewählt In Kischinew ist der erste Pogromheld Rußlands, P. Kruse h e w a n, gewählt worden. Es hat sich allerdings jetzt herausgestellt, daß Kruschewan hauptsächlich von den Toten gewählt worden ist. Es sind nämlich viele längst Verstorbene in die Listen aufgenommen worden, während man eine Masse lebender Juden einfach gestrichen hat. Gegen die Wahlen ist Protest eingelegt worden, und sie werden vielleicht kassiert werden. Die Wahlkampagne in Kischinew kann in Wirklichkeit eine Schlacht genannt werden. Aus einer Masse von Zuschriften, von denen ein Teil auch in den russischen Blättern abgedruckt worden ist, entnehmen wir, daß sich dort ein Wahlpogrom nach allen Regeln der Kunst abgespielt hat. Nicht nur einzelne Juden wurden auf den Straßen überfallen, die Hooligans drangen auch in die von Juden besuchten Lokale, schlugen nach rechts und links und richteten förmliche Verheerungen an. Infolgedessen haben sich viele Juden der Wahl enthalten, und so und mit den Toten ist der Sieg der Schwarzen, allerdings mit einer sehr geringen Majorität, erreicht worden. Petersburg. Unter den Kandidaten des „Linken Blocks" wurde auch der Redakteur des zionistischen Organs „Rasswjet" (früher „Jewrejskij Narod"), Dr. A. Idelsohn, aufgestellt. Aus Riga wird berichtet daß der dortige Rabbiner Dr. Michelsohn sich in einer ganz sonderbaren Weise politisch betätigt. Er hat nämlich von sämtlichen Schulgabaitn und Schamoschini verlangt, daß sie ihm schriftlich erklären, daß sie keiner oppositionellen Partei angehören werden. Der Täufling als antisemitischer Organisator Die Hauptagitation der monarchistischen Parteien während der Wahlen wurde von einem getauften Juden, namens Gurland, geleitet. Vor einigen Wochen hieß es in den Zeitungen, Gurland solle in Anerkennung seiner Verdienste zum Gouverneur in einer größeren Gouvernementsstadt ernannt werden. Jetzt, nachdem die für die Reaktionäre traurigen Resultate der Wahlagitation bekannt geworden sind, ist dieser Plan rückgängig gemacht worden, und nun soll Gurland „nur" zum Mitglied des Ministeriums des Inneren ernannt werden. Von den Chersoner jüdischen Kolonisten Die jüdischen Kolonisten im Gouvernement Cherson haben an den Ackerbauminister ein Gesuch gerichtet, in dem sie ihn bitten, bezüglich des Ankaufes und des Pachtens von Grundstücken ihnen gewisse Erleichterungen zu machen. Sie motivieren ihr Gesuch mit dem Hinweis auf die ganz besondere Notlage, in der sie sich, gleich allen andern Ackerbautreibenden in Rußland, befinden. Da sie bis jetzt keine Antwort erhalten haben, entsändten sie einen Delegierten nach Petersburg, um über die Stimmung in den Regierungskreisen und über das Schicksal ihres Gesuches sich zu erkundigen. Der Delegierte kehrte in diesen Tagen aus Petersburg mit dem Bescheide zurück, daß das Ministerium nicht daran denkt, sich jetzt mit der Lage der jüdischen Kolonisten zu beschäftigen, und daß die sie betreffende Rechtsfrage von der weiteren Entwicklung der allgemeinen Judenfrage abhängig ist. Vorläufige Wahlergebnisse in Rußland Telegramme, die wir in letzter Stunde erhalten, berichten uns, daß diesmal leider die Chancen für die jüdischen Kandidaturen sehr ungünstig sind. Wilna (früher Dr. Lewin), Minsk (früher Rosenbaum), Witebsk (früher Bruck) und Grodno (früher Jakobsohn und Ostrogorski) dürften diesmal keinen Juden in die Duma entsenden. In Polen siegte auf der ganzen Linie die Nationale Demokratie, die im letzten Moment wieder mit antisemitischem Terror arbeitete. Bisher sind drei Juden gewählt worden, und zwar Abramsohn in Kowno, Rabbinowitz in Jekaterinoslaw und der Zionist Schapiro in Mi tau. Der Umfang des Pogroms in Odessa Ein vor Abschluß unseres Blattes eingelangtes Telegramm meldet, daß anläßlich des viertägigen Festes der Fahnenweihe der „Echt-Russeir* unaufhörlich Exzesse gegen Juden stattfanden. Bis jetzt zählt man 2 50 Verwundete. Der jüdische Selbstschutz wurde von der Polizei verhaftet.