Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 7 WEDELT 19 desorganisiert Und so drang Sposobny durch. Es scheint, daß auch in diesem Wahlkampf dieselbe Taktik befolgt werden soll. In Simferopol waren die Juden ernstlich von einem Pogrom bedroht. Es wurde das Gerücht verbreitet, ein Fräulein namens Grankin, die Tochter eines echt-russischen Agitators, sei auf der, Straße überfallen und ernstlich verwundet worden. Sofort fügte; man in russischen Volkskreisen hinzu, diese Mißhandlung sei von jüdischen Revolutionären ausgegangen und man müsse dafür an den Juden Rache nehmen. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde haben nach genauen Informationen in Erfahrung gebracht, daß die ganze Sache eine Machination sei. Eine ärztliche Obduktion wurde veranlaßt und hat das Resultat ergeben, daß die Verwundung, die sich als die Spur einiger Ritze an dem Arm zeigte, fingiert war. Der teuflische Plan ist hierdurch vereitelt worden. Aus Kischinew wird berichtet, daß in den letzten Tagen mehrere jüdische Flüchtlinge aus Odessa, die aus Angst vor bevorstehenden Pogromen und nach den tatsächlich dort stattgehabten Exzessen entflohen waren, in Kischinew angekommen sind. Traurig genug, daß Kischinew jetzt als Zufluchtsort benutzt wird. In Alexandroivsk (Bessarabien) haranguiert der Rittmeister Buragowski die Menge mit antisemitischen Hetzreden und bedroht die Juden mit einem Pogrom, für den Fall, wenn sie für die Linken stimmen werden. Qegen die Liga zur Bekämpfung des Zionismus Die Herren L. Bramson (früherer Dumaabgeordneter), Alexander Braudo (Bibliothekar) und der bekannte radikale Publizist Grigorii Landau, erklären in einem an den „Jewrejskij Izbiratiel" gerichteten offenem Briefe, daß sie sich der neuen sog. Jüdischen Volksgruppe, wegen der, nach ihrer Ansicht, ungeeigneten und unstatthaften Kriegserklärung gegen die Zionisten, nicht anschließen können. Sie tadeln in der energischsten Form diese Handlungsweise, obwohl sie selbst, wie sie erklären, mit dem Zionismus nicht einverstanden sind. Die Preßkrise in Rußland Die Jargonzeitung „Der Weg" und die kleine hebräische Zeitung „Hajom" sind infolge materieller Schwierigkeiten in den letzten Tagen suspendiert worden. Es erscheint jetzt in Warschau kein einziges hebräisches und kein größeres jüdisches Blatt. Die Organe der jüdieschen Publizistik konzentrieren sich augenblicklich in Wilna. Es sind dies fast durchwegs (mit Ausnahme des „Hazman", der wieder zu erscheinen begonnen hat), Parteiblätter, und es ist ein offenes Geheimnis, daß ihre Existenz ausschließlich auf Parteisubventionen beruht. Es ist ein trauriges Zeichen der Verwirrung, der Verarmung und der Nervosität der gegenwärtigen Übergangsperiode, daß die russischen Juden kein größeres Preßorgan erlalten können. Die Judenfrage in Finnland Von unserem russischen Korrespondenten In Bjernborg in Finnland fand eine Versammlung statt, die von Herrn Santeri Jakobsohn, einem Finnländer, einberufen worden war mit der Tagesordnung: Verhandlung über die Lage der Juden in Finnland. Herr Santeri Jakobsohn erstattete in zwei längeren Referaten genauen Bericht über die gesetzliche Lage der Juden in Finnland im Vergleich zur Lage ihrer Stammesgenossen in den Ländern Westeuropas. Efie Versammelten beschlossen, an denjinniändischen Senat ein Gesuch zu richten, in dem sie ihrer Überzeugung Ausdruck geben, daß es an der Zeit sei, die Lage der luden in Finnland zu bessern. Obige Nachricht, die wir aus zuverlässiger Quelle erhalten laben, ist bezeichnend für die Judenfrage in konstitutionellen rändern. Nach der jetzigen Sachlage in Finnland wäre die russische £entralregierung nicht imstande, den finnländischen Senat zu verändern, den Juden eine Gleichberechtigung zu verleihen. Der rüher gebrauchte Vorwand, die russische Regierung sei an der Beschränkung der Judenrechte in Finnland schuld, ist jetzt nicht nehr stichhaltig. Es liegt an den Finnländern selbst, auf gesetzlichem Vege diese Gleichberechtigung zu erteilen. Dem russischen General- Gouverneur dient nur das Vetorecht. Da der jetzt funktionierende ieneralgouverneur Gerard alles vermeiden würde, was nur den Schein einer reaktionären Neigung" haben könnte, so unterliegt es meinem Zweifel, daß er von seinein Vetorecht keinen Gebrauch machen würde. Übrigens wäre das auch ein Trumpf in den [landen der russischen liberalen Partei, denn im Falle eines Protestes seitens des russischen Generalgouverneurs könnte die iberale russische Partei in der Duma diese Frage aufrollen und die russische Regierung für die reaktionäre Einmischung in die inneren Angelegenheiten Finnlands zur Verantwortung ziehen. Es ist an der Zeit, die Aufmerksamkeit der Finnenfreunde in Westeuropa auf diese Frage zu lenken. Die Vorsicht in der Fassung der Bjernborger Resolution, die nur von einer Besserung der Judenlage in Finnland spricht, ist übrigens charakteristisch. Eine „Besserung der Lage" wird ja auch von Stolypin und wurde doch auch von seinen Vorgängern, Plehwe nicht ausgenommen, als „wünschenswert" anerkannt und gewisse Zugeständnisse entweder bereits gemacht oder in Aussicht gestellt; die liberalen Russen hingegen und die Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung wollen von Zugeständnissen und Besserungen nichts "hören und machen auf eine einmalige gründliche Gleichberechtigung Anspruch, und dies zu einer Zeit, in der die Konstitution in Rußland erst angestrebt und bei weitem noch nicht erreicht worden ist. Und dabei handelt es sich doch um eine gewaltige Judenniasse, während es sich in Finnland nur um ein kleines Häuflein handelt. Es ist also von ungeheuerer Tragweite für die weitere Entwicklung der Judengleichberechtigungsfrage in Rußland, daß Finnland mit seinem Beispiele vorangehe. Der Judengleichberechtigungsverband in Rußland ist augenblicklich mit der Wahlagitation zu sehr beschäftigt, um sich mit dieser Frage befassen zu können, aber sofort nach der Erledigung der Wahlkampagne wäre es Pflicht dieses Verbandes, auf die Judenfrage in Finnland sein Augenmerk zu richten. Sollte es vielleicht unpolitisch sein, daß der Verband von seinem Zentrum aus sich in die inneren Angelegenheiten Finnlands mischt, so wäre es gut, eine Anregung zu geben für die Gründung eines Zweigverbandes unter den Juden Finnlands, der diese Angelegenheit in loyaler und den Ortsverhältnissen entsprechender Form in Angriff nehmen könnte. Verein zur Förderung jüdischer Kunst Berlin. Der Verein zur Förderung jüdischer Kunst veranstaltete gestern einen interessanten Vortagsabend im Bechsteinsaal. Da als Rezitatoren Emil Milan und Gertrud Eysoldt gewonnen worden, so konnte es nicht fehlen, daß das Haus bis auf das letzte Plätzchen besetzt war. Das Thema des Abends war: „Jüdische Märchen und Legenden". Herr Dr. Martin Buber, der die Dichtungen bearbeitet hat, führte die Zuhörer in den eigenartigen Geist dieser Volkspoesien ein. Dr. Milan las die „Geschichte vom Meister des Gebetes". Frau Eysoldt „Das Gericht", „Die Vogelsprache" und „Die Wiederkehr". Sie trugen herrlich vor, und das Publikum spendete enthusiastischen Beifall. Redaktionelle Mitteilung* Unser Freund und Kollege A. Coralnik ist seit kurzem aus dem Redaktionsverband der „Welt" ausgeschieden, um sich speziellen literarischen Arbeiten und Studien widmen zu können. Mit dem Ausdruck des lebhaften Bedauerns über seinen Austritt verbinden wir die Versicherung unseres aufrichtigen Dankes für die wertvollen Dienste, die er der „Welt" geleistet. Es wird die vielen Freunde, die sich Herr Coralnik in unserem Lesepublikum erworben hat. gewiß freuen, daß sein Ausscheiden aus dem Redaktionsverband nicht den Abschluß seiner schriftstellerischen Beteiligung an der „W7elt'k bedeutet, daß vielmehr Herr Coralnik auch in Zukunft als einer unserer ständigen Hauptmitarbeiter regelmäßig an unserem Blatte mitwirken wird. Ebenso wird es unsere Leser freuen, daß Herr Dr. Moritz Zobel, der bereits durch mehrere Jahre in der Redaktion der „Welt" tätig war, nunmehr — nachdem er sich in der Zwischenzeit gründlichen philologischen und philosophischen Studien gewidmet hatte — wieder in die Redaktion unseres Blattes eintritt. Für die Redaktion der,AVeit": Berthold Feiwel Briefkasten der Redaktion A. R. in B. 1. Herr Sokolow weilt zur Zeit in Rußland. 2. Herr A. Cor. (A. Coralnik) Berlin-Charlottenburg, Goethestr. 12. 3. Köln, Ubierring 23.