Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 5 JIEl&ELT 19 C ooooooooooooooo ooo oo S"as NOTIZEN Moses Mirsky An Wunderkindern haben die Juden eine — fast wäre uns ein „Leider!" entschlüpft — überreiche Produktion: Pianisten, Geiger, Schachkünstler, Komponisten, Helden der Bretter mit kurzen Höschen und langen Locken — jede Saison bringt neue Vertreter der seltsamen Spezies vor die Rampen. Sicherlich der verwöhnteste Typus der jüdischen Emigranten, der seinen Weg gewöhnlich vom dunkelsten Städtchen des Ansiedelungsrayons über Paris und London nach New-York nimmt, umrauscht vom Beifall der Herren und Frauen <äSh^> ^ffr ** wc£ ~:# .. -i der großen Welt, beglückt durch das Lächeln hoher Gönnerinnen, und geschmückt mit den Ordenszeichen huldvoller Fürsten . . . Diesmal ist's eine neue Variante — und eine ganz und gar originelle.. Ein kleiner, feiner Junge, der ein Wundersänger ist und der — was vielleicht ein noch größeres Wunder ist — sich nicht Bronislaw oder Poldi oder Mischa nennt, sondern einfach: Moses. Der 12-jährige Moses Mirsky hat in Amsterdam, Leipzig, Frankfurt usw. gesungen, und erste Musikprofessoren und Kritiker waren förmlich hingerissen von dem Schmelz, der Kraft und Routine dieser kleinen Kehle, die die schwierigsten Übergänge bewältigt und alle Finessen spielend meistert. Sie haben lange Artikel darüber geschrieben und dem Wunderknaben eine glänzende Zukunft prophezeit. Was ihnen aber geradezu ein unlösbares Rätsel war, das ist der ganz unkindlich-innige Ausdruck, das Tief-Gefühlvolle, mit dem er seinen Gesang verklärt. Auch wir waren für den ersten Moment verblüfft von dieser Empfindungsreife —- aber wir haben bald des Rätsels Lösung gefunden. In dem kleinen Wundersänger lebt die Tradition unzähliger Sänger und Spieleute — und mögen es auch nur solche vom Typus des Chasen und Klesmer sein — und sie wirkt bei ihm in konzentriertester Reinheit Er singt den „Asra" oder „Erlkönig" wie die Chasonim „Kol Nidre" singen: eine süße, tränenperlende Melancholie liegt in seiner Stimme, eine uralte Wehmut, die zur Kunstform geworden ist. Der Kleine weiß nichts davon und auch die meisten. Zuhörer wissen nicht, was das ist, auch wenn er diese spezifische Kunst in hebräischen Melodien zum Höchsten steigert. Wer aber die Quellen kennt, den führt der Gesang des kleinen Moses für manche Augenblicke weit weg von sensationellem Wunderkindtum zu tiefen Ahnungen und Reminiszenzen, zum Mysterium der Synagoge, in der die gefesselte und doch hier freie jüdische Volkseele klagte und jauchzte in Melodien heißester Leidenschaft und in Rhythmen voll Extase .... Und das ist das Köstlichste, was Moses Mirsky zu geben hat, und das Feinste ist, daß es eben ein Kind ist, das absichtslos dieses Reife und Stärke gibt. Vom „Jewish Chronicle" Herr L. J. Greenberg hat die Londoner Wochenschrift „Jewish Chronicle" übernommen. Wie man uns mitteilt, wird die Zeitung unverändert als ein Organ für allgemein-jüdische Interessen geführt werden. Aber trotzdem wird dieser Übergang für den Zionismus von Bedeutung sein, da das Blatt bisher entweder antizionistische Interessen verfolgte oder bestenfalls der zionistischen Idee nur eine lauwarme Unterstützung hat zuteil werden lassen. Selbstverständlich kann unter der neuen Leitung kein Zweifel über die zuküftige Haltung des Blattes gegenüber zionistischen Angelegenheiten obwalten, und man darf daher den Übergang als eine bedeutende Förderung unserer Sache betrachten. (Der „Jewish Chronicle", der den meisten Lesern bekannt sein dürfte, ist eines der ältesten jüdischen Blätter -— er stammt aus dem Jahre 1841 — und nimmt seit vielen Jahren als eine der inhaltreichsten und bestinformierten Zeitschriften eine hochgeachtete Stellung ein.) Eine neue jungjüdische Komposition Bei der letzten Makkabäerfeier in Zürich wurde unter allgemeinem Beifall ein jungjüdisches Lied „Der Stern Judas" vorgetragen, das unseren wackeren dortigen Gesinnungsgenossen Maurice Färber zum Autor hat. Da unsere Festliteratur keinen Überfluß an passenden musikalichen Vortragsstücken aufweist, so müssen wir dem Dichterkomponisten sehr dankbar sein, daß er sich entschlossen hat, das Produkt seiner Muse — oder besser seiner Musen —■ durch den Druck allgemein zugänglich zu machen. Wir möchten deshalb nicht verfehlen, die Gesinnungsgenossen schon jetzt auf das Werk aufmerksam zu machen, das hoffentlich bald erscheinen wird und das berufen sein dürfte, eine stehende Programmnummer für zionistische Festlichkeiten zu werden. H Die Sprache ist edel und voll echter Poesie, während die Vertonung ein schönes musikalisches Talent verrät. Der erste Teil, breit und getragen, gedenkt in Wehmut der schmerzensreichen Vergangenheit und Gegenwart unseres Volkes, während der zweite Teil, anknüpfend an das Herzische Wort „Im Osten wird ein Stern erstehen", wie jubelnde Siegesfanfaren froher Zuversicht klingt. Wir haben die — technisch nicht allzuschwer zu beherrschende — Komposition, von einer vollen, schönen Altstimme vorgetragen, gehört und müssen gestehen, daß sie uns mächtig ergriffen hat. So möge sie denn hinaus ziehen in die zionistische Welt und überall Begeisterung wecken, sowohl für die jungjüdische Kunst, wie für Judas heiß ersehnte, glückliche Zukunft. Dr. Wormser-Basel^ Vom Hilfsverein der deutschen Juden Am Sonntag den 20. Januar fand eine Sitzung des Hilfsvereins der deutschen Juden statt, in der eine Reihe Fragen, die gegenwärtig weite jüdische Kreise interessieren, zur Verhandlung kamen. Auf Grund eines Antrages von Herrn Faitlovitsch-Paris, der nach Abessinien gereist war, um die Verhältnisse der dortigen jüdischen Bevölkerung, der Falaschas, zu studieren,' und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, derselben die Sympathien und die Hilfe der ausländischen Glaubensgenossen zuzuführen, wurde Herrn Dr. Nathan ein Dispositionsfonds zur Verfügung gestellt, der dazu dienen soll, eine Unterstützung zu gewähren, um die nötige Verbindung dieser afrikanischen, völlig isolierten Glaubensgenossen mit dem Judentum der zivilisierten Welt wieder herzustellen. Herr Professor Philippson, der auf besondere Einladung der Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der deutschen Juden beizuwohnen die Güte hatte, hielt einen außerordentlich fesselnden, lehrreichen Vortrag über die Lage der Juden im Orient, speziell in der asiatischen Türkei. Er wies auf die Notwendigkeit hin, die Besserung der vielfach traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung daselbst durch Ausgestaltung des Bildungswesens, Eröffnung von Fachschulen für Handwerker und technische Berufe wie höherer Bildungsinstitute, allmählich anzubahnen. Der Hilfsverein der deutschen Juden, der entsprechende Bestrebungen verfolgt und im gewissen Umfange in Palästina bereits realisiert, sprach Herrn Professor Philippson seinen lebhaftesten Dank für die wertvollen Informationen und Anregungen aus; und es wurde beschlossen, in der von Herrn Professor Philippson bezeichneten Richtung tätig zu sein. Zur Unterstützung der Jeschiboth in Rußland, die unter der Ungunst der Verhältnisse ganz außerordentlich zu leiden haben, wurden 10 000 Mk. bewillig.