Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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, DIE ELT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 V/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG INTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG fr&f^vV 1 irelTO——- %V JAHRG. KÖLN, 18. Januar 1907 \^nb r6nnV No. 3. ■Hl REVUE DER WOCHE 1 Ii—ii ,Piü forte che 1'amore" Jn unserem Hause ist Nathan der Weise ein täglicher Gast, da wir alfe Konfessionen in der eigenen Familie vertreten haben: katholisch, protestantisch und orthodox, ebenso im Hause auch einen Juden als Sekretär haben! Und gerade ein Israelit ist es, der meine Hauptstütze in allen Wohltätigkeitssachen ist. .." Will man wissen, wer diese Zeilen geschrieben hat, wer uns diese Nathan-der-Weise- Philosophie vorsetzt? Es ist die Königin Elisabeth von Rumänien, Carmen Sylva genannt. „Die Juden sind das einzige Volk, das keinen Verfall erlebt. Sie bleiben fest und stark und einig in sich geschlossen, einander hilfreich, gesund und kinderreich und mächtig. Und das alles verdanken sie einem Manne, dem größten Herrscher, den die Welt gesehen, dem König der Könige, dem weisesten Arzte, dem größten Psychologen und Physiologen, den es je gegeben: Moses. Wer könnte auf dem Throne leben, ohne vor Moses in Anbetung niederzuknien?" Nicht wahr, ein feines Zeugnis, von königlicher Hand ausgestellt? Die Juden, ein gesundes, wohlerhaltenes, einiges, ja mächtiges Volk! Solch ein Volk, nicht wahr, müßte für alle Länder der Welt einen wahren Segen bedeuten; ein delirium humani generis geradezu müßten die Juden sein! Carmen Sylva muß nun allerdings nicht allzuweit in die Ferne schweifen, sie muß sich nur umschauen in ihrem eigenen Lande, im BQiarenl^nde Rumänien, da gibt's ja jüdisches Volk genug, das Itigung ihrer Theorie liefern könnte. Sie kann sich z. B. Blick davon überzeugen, wie „mächtig" dieses Volk sei. Sie Serzeugen, was dieses Volk trotz seiner ganzen intellektutrotz seiner Ausdauer dem verstockten, feindlichen, ilieu gegenüber auszurichten vermag. König Carol und Königin -Elisabeth haben bereits mehr als fünfundzwanzig Jahre Gelegenheit, das Leben der rumänischen Juden zu betrachten, das wahre, wirkliche, nackte Leben des jüdischen Volkes. Hier ist es nicht ein Jakob Barnays, ein Gelehrter, Resignierter, Jude bloß aus Pietät gegen die Vergangenheit, hier sind es nicht Nathantypen, die vor ihren Augen erscheinen, nicht Abstraktionen und nicht Ideale, sondern einfache Menschen, lebende* Juden. Und wie hat sich die hohe Meinung der Carmen Sylva von den Juden in die Wirklichkeit übersetzt? Es gibt keine bessere Gegenüberstellung der „Wahrheit" und,.dser., „Dichtung" in diesem Falle, als ein kleines Poem, das [t der Königin-Dichterin gewidmet wurde: lt?r „Es lallen zitternde Greise Gebrochen an Leib und Seel', $M:rifa Die alte hebräische Weise, Das „Höre, o Israel"! Mitunter kommt so ein Jüdchen Durch Kolbenstöße zu Fall — Die Königin dichtet ein Liedchen Vom Schlag der Nachtigall. Die Wächter sich erbosen, Sind ungeduldig schon, Sie bringen die Heimatlosen Zur nächsten Leidensstation. Die Anker werden gelichtet, Die Fahrt ins Elend geht — Und Carmen Sylva dichtet Ein Lied an die Humanität!" Oskar Wilde sagte einmal, ein Dichter dichte nicht, wenn und weil er fühlt — sondern wenn und weil er dichten will. Es mag ein arges Paradoxon sein — im Falle der Carmen Sylva trifft es wohl zu. Sie ist keine Dichterin von Gottes Gnaden, deren Schöpfungen Visionen sind, die aus dem Unterbewußtsein hervorquellen, in dem Unendlichen sich verlieren. Sie ist eine Herrscherin von Gottes Gnaden, die dichterische Anflüge hat — und die ihre höchstrationalistische Lebensanschauung in eine mehr oder weniger poetische Form einzukleiden versteht. Ein echter Dichter ist für seine Taten und Dichtungen unverantwortlich. Manche zartesten, tiefsten Lyriker waren ungenießbare, unverträgliche Menschen. Willens-Dichter sind für ihre Dichtungen verantwortlich. Warum predigt Carmen Sylva Humanität, wenn sie nicht das mindeste tut, um dem Elend, dem unverdienten Elend der Hunderttausende von Juden, die in ihrem Lande wohnen, irgendwie abzuhelfen? Ist es nicht ein Hohn, wenn die Königin Elisabeth jetzt, einige Wochen nach einem argen Judenexzeß in Rumänien, wo einige lose, rohe Jungen, die „jeunesse dor6e" des Landes, in barbarischer Weise über die Juden herfielen und dafür vom ganzen Lande, ja von den Behörden öffentlich belobt oder wenigstens im stillen begrüßt wurden, einen Hymnus auf die Juden vom Stapel läßt? Carmen Sylva begeistert sich an der Bibel, Aber an den Bibelspuch: „Und des Armen sollst du nicht spotten" hat sie vergessen____ Spott? O nein, wir glauben an die Aufrichtigkeit Carmen Sylvas. Sie meint es ehrlich mit den Juden. Sie meint es ehrlich mit ihrer Begeisterung für Moses. Aber gerade dies ist der Grund ihrer Doppelstellung in der Judenfrage. Sie hegt eine Liebe für den „Juden" als Typus, als Idealgestalt, als Abstraktion, aber „piü forte che l'amore", viel stärker als ihre abstrakte Liebe ist ihre 1*