Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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16 DiE^ELT No. 51 ziehen Sie ihnen kein zionistisches Mäntelchen an. Wenn Sie aber agitatorisch wirken wollen und Sie haben nicht die Möglichkeit, ein agitatorisch wirksames Fest zu veranstalten, nun, dann machen Sie es doch anders! Halten Sie Vorträge, Diskussionsabende! Lassen Sie den Festredner einen guten, ernsten Vortrag halten. Die Leute, die Sie gewinnen wollen, kommen sicher eher dahin als zum Ball, und wenn sie nicht kommen, nun, dann hätten Sie sie auf dein Ball höchstens auch nur zu Schekelschenkern, nimmer aber zu Zionisten gemacht. Und ob das der Mühe und der Kosten lohnt, das wage ich zu bezweifeln. J. B. Stilisierte hebräische Buchstaben des Bezalel Aus meinem Notizbuch Ich atme auf! Professor Gumplowicz hat endlich herausgefunden, daß die Juden eine Nationalität sind. Wohlgemerkt: Keine Nation, sondern eine Nationalität. Meine Brüder im Osten und im Westen, ihr, die ihr auf allen Meeren gesegelt und an allen Türen pochet, ihr, für die man die Quarantäne abgeschafft — nicht abgeschafft hat, — ihr habt euch wohl recht bedrückt gefühlt durch die quälende Frage, was ihr eigentlich seid! Nun wird Rapport erstattet: ihr seid doch eine Nationalität. Masel Tow! Ich sah den gelehrten Professor, — noch bevor die Juden eine Nationalität waren, so ungefähr vor 16—17 Jahren .in Krakau. Ein scharfsinniger, feinfühlender Jude, ein Herrenmensch, frei von herdenmäßigem Denken, ein sich in Polen hineinempfindender und doch unstät irrender Geist, ein Mensch, in dem die große Seele des Orients noch lebt, — ringsum ausgeschmad't, aber er selbst Jude geblieben, polnisch-germanisierter Gelehrtentypus, national zerbröckelt und durch eine Philosophie zusammengehämmert, — wollte er nichts von einer jüdischen Eigenart wissen. Er war zu jener Zeit vorwiegend polnisch. Die polnische Presse war mit seinen Aufsätzen übersät. Jetzt ist er vorwiegend deutsch in Graz. Ich fürchte, wir erscheinen in den Augen der Polen und der Deutschen zuweilen wie der Hauptmann von Köpenick. Sind wir still, weich, sanfte Dulder, fromm wie die Lämmer, so geht es noch; regt sich hingegen eine Willenskraft in uns, so müssen wir hinaus, und wenn wir lange draußen sind, so streben wir nach einem Mittelpunkt, nach einer Wurzelkraft hin. und wir entdecken eine jüdische Nationalität. Et tu, Brüte, werden die polnischen Nationalisten mosaischer Konfession Gumplowicz zurufen. Um Gotteswillen! Schier Zionist geworden. Denn wie weit ist es von der Nationalität bis zum Zionismus? Ist eine Seele vorhanden, so ist sie auch unsterblich, Ist eine jüdische Nationalität vorhanden, so ist es doch natürlich, daß sie nicht in tausendfacher Zersplitterung und Zerfahrenheit, sondern mit erdenschwerer Kraft und mit einer Schaffensfülle sich konsolidieren will. Eine jüdische Nationalität muß auch eine gewisse Kultur haben, und wer eine jüdische Kultur ohne Boden will, will die Blume ohne Wurzel und Stengel; er will sie also vergebens. Aber lassen wir die Grillen und nehmen wir vorläufig fürlieb mit dem, was uns gegeben wird: Nationalitätstitel. Es ist ein „Titel ohne Mittel", doch steigt der Mut etwas . . . * * Ich höre von nichts als von Todesfällen, — und wieder ein schmerzlicher Verlust: Herr Gustav Cohen aus Hamburg! Er war eine integrale Kongreßgestalt. Ich kann mir einen Kongreß ohne diesen guten, alten Herrn kaum denken. Er hielt sich immer in der Nähe Herzls, aber immer im Schatten, unvordringlich, — nie gespreizt, aber immer still-feierlich, nie großtuerisch, aber immer lieblich. Wie ein guter Traum schwebt die Gestalt vor meinen Augen. Feinfühlig gab er mir schon zum ersten Kongreß „seine Broschüre", wo er tatsächlich den Zionismus schon dämmernd träumte: utopisch, undurchführbar, realpolitisch unmöglich, aber ein edler Entwurf, ein mächtiger Ansporn, eine scharf umgrenzte Definition des Volksbegriffs und — eine herrliche, sonnige Begeisterung! Während des zweiten Kongresses frug er mich schon diskret nach meiner Ansicht, und wir diskutierten leise. Seine Sprache war so weich wie die Berührung eines Blumenblattes. Und doch war Herr Gustav Cohen kein Schwächling. Er war zu seiner Zeit ein Dränger und Stürmer, von handelspolitischen Geschäftsproblemen durchwühlt, und er . war ein grundgescheiter Ichmensch, — gut deutsch, mit englischer Kultur (hatte lange in Südafrika gelebt) und im tiefsten Grunde jüdisch. Es ist eine Einseitigkeit grober Art, wenn man das Derbe und Zottige als die einzige Abspiegelung jüdischer Volksstimmungen betrachten will. Nicht alle Energien rauschen in platzenden Dampfkesseln, nicht alle Pulse hämmern donnermäßig, nicht alle Gemüter erhitzen sich und nicht alle Augen flammen bei der Lancierung irgendeines Stichwortes. Schon sind die Grazien ganz verpönt, und es. ist beinahe ein Verbrechen, gute Manieren zu haben, — aber immer noch wird das Schöne schön sein, und der gute Geschmack wird doch noch sein Recht behaupten. Herr Gustav Cohen war ein Gentleman, — ich möchte lieber sagen: Der Typus eines jüdischen Gwir, vereint mit dem ästhetisch-kulturellen Typus der Aufklärungsperiode in Deutschland. Ich beobachtete ihn oft und unterhielt mich mit ihm in den Momenten, als der Kongreß einem brandenden Ozean glich. Angesichts der heftigsten Auseinandersetzungen über die heiß umstrittenen Probleme wich die rosige Begeisterung nicht von seinem Gesicht, — nur zuweilen wurde sie ein wenig umdüstert. Und mochte irgendein heißgesottener Krakehler denken, daß Herr Gustav Cohen nur ein dekoratives Motiv sei, so täuschte er sich ganz gewaltig. Denn der alte Cohen war ein gebildeter und vielbelesener Mensch. Und sein innerstes Wesen, sein Herzblut, sein Pulsschlag war national-jüdisch. Nicht weil er behaglich oder gleichgiltig war, sondern weil er die düsteren Tiefen unserer Seelenkrisen in der harmonischen Perspektive, die ihm so ruhig und heiter blaute, nicht erblicken konnte, schien seine Gestalt den Jüngeren manchmal wie ein verblichenes Freskobild. Ich möchte die zerfließenden Züge zu einem festen Bilde verdichten. Herr Gustav Cohen war eine leutselige, beharrliche, vornehme Gestalt, und er war eine stillwebende Kraft im Zionismus. Er hat den Zionismus zu seiner Familientradition gemacht und ist dadurch ein Kräftespender für unsere Organisation geworden. Wir sind um e neu pflichttreuen und liebenswürdigen Freund ärmer geworden! N. S.!^ i' - . 1 \r i 1 1 " h ■ ■■- ■! £; .;■ . / v,j .i yj^i; .^-'x'. ^l Teppichmuster