Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIESES ELT No. 51 Spezialbericht über die III. Allrussische Zionistenkonferenz in Helsingfors (Fortsetzung.) II. TAG Zu Beginn der Versammlung verliest der Vorsitzende Dr. Tschlenow die zahlreichen Begrüßungstelegramme, darunter die Telegramme des Zionistischen Zentralbureaus in Cöln, des Obmannes der deutschen Landsmannschaft Dr. Bodenheimer und des bekannten Rächers der jüdischen Ehre, Pinchas Daschewski. Dr. Tschlenow teilt der Versammlung gleichfalls mit, daß nach einem soeben erhaltenen Telegramm Dr. Sch. Lewin. der jetzt in Amerika eine Agitationstournee unternommen hat, vorn Präsidenten der Ven Staaten, Roosevelt, empfangen worden ist. Die Nachricht wird mit großem Beifall von der Versammlung aufgenommen. Daraufhin erteilte der Vorsitzende das Wort dem Vertreter der jüdischen Gemeinde von Helsingfors, der in hebräischer Sprache folgende Ansprache hielt: „Hochgeehrte Versammlung! Brüder und Schwestern! Die jüdische Bevölkerung von Helsingfors beauftragte uns, die hier tagende III. Allrussische Zionistenkonferenz zu begrüßen. Seitdem unser unvergeßliche Führer Theodor Herzl stolz und majestätisch vor aller Welt die Fahne des wiederauflebenden jüdischen Volkes entfaltet hat, sind über unser Volk Prüfungen gekommen, die in der Geschichte unserer Wanderung und unserer Zerstreuung einzig dastehen. Die Ereignisse der letzten Jahre, wie auch unser ganzes Leben, haben uns einen Beweis mehr dafür geliefert, daß die endgültige, ganze Lösung der Judenfrage nur auf dem heimatlichen Boden möglich sein wird, wenn das auferstandene jüdische Volk mit seinen eignen Händen sein Leben, seine Zukunft schmieden wird. Ihr, die Vertreter des erwachenden jüdischen Volkes, ihr habt durch langjährige, unermüdliche Arbeit das Volksbewußtsein geweckt, ihr habt im Herzen des Volkes den unaufhaltsamen Drang zu einem neuen, freien Leben, das der Vergangenheit unseres Volkes würdig wäre, wachgerufen. Die Helsingforser jüdische Gemeinde ist beglückt durch das Bewußtsein, daß es ihr beschieden war, euch in ihrer Mitte, in der Hauptstadt des freien finnischen Volkes zu begrüßen. Indem wir euch unser Gefühl der brüderlichen Solidarität und des Vertrauens entgegenbringen, begrüßen wir aufs wärmste eure Konferenz und wünschen von ganzem Herzen, daß eure Beratungen zu Resultaten führen, die die Wiedergeburt des jüdischen Volkes fördern sollen. Zusammen mit-der ganzen erwachenden Judenheit rufen wir aus: Es lebe der Drang des jüdischen Volkes zum freien Leben im Lande Israels, es leben die Abgesandten des jüdischen Volkes, es lebe das jüdische Volk!" Auf diese mit stürmischem Applaus aufgenommene Ansprache antwortete sofort im Namen der Konferenz Dr. Tschlenow in hebräischer Sprache: „Teure Brüder! Als wir unsere Schritte hierher lenkten, wußten wir nicht, daß wir seitens der Helsingforser Gemeinde eine so herzliche Aufnahme finden würden. Wir wußten zwar, daß unsere Idee auch hier ihre Wurzeln senkte. Bereits in den ersten Jahren unserer Bewegung stand ich im Briefwechsel mit einigen Gesinnungsgenossen, die hier wohnen. Aber unser Bestreben geht dahin, nicht bloß allüberall Gruppen von Gesinnungsgenossen zu haben, sondern in allen unseren Brüdern, die über die ganze Erde zerstreut sind, das Bewußtsein der Größe und der Notwendigkeit des zionistischen Ideals, dem wir unsere ganze Kraft widmen, zu wecken. Und darum ist uns der Gruß, den ihr uns von eurer Gemeinde brachtet, besonders lieb. Brüder! Ihr lebt unter einem Volke, das gezeigt hat, daß es weiß, wie man für die Freiheit kämpfen und wie man sie benutzen muß. Auch wir kosten jetzt die Früchte der Freiheit und die Gastfreundschaft dieses Landes. Wir wären euch sehr verpflichtet, wenn ihr unserem innigen Dank für die Hauptstadt Finnlands Ausdruck verleihen wolltet. Wir werden vor euch nicht verhehlen, daß wir das Überbleibsel des Mittelalters, die Gesetze, die in diesem freien Lande die Juden betreffen, als einen Mißton empfinden. Wir sind tief überzeugt, daß es weder dem Geiste noch den Überlieferungen des finnischen Volkes entspricht. Wir hörten, daß der finnische Landtag in der nächsten Zukunft über die jüdische Gleichberechtigung sich aussprechen wird. Wir sind überzeugt, daß die Antwort nur eine sein kann, eine Antwort, die dieses freien Volkes würdig wäre. Die Freiheit verliert ihren ganzen Zauber, wenn nicht alle Einwohner ihrer in gleichem Maße teilhaftig sind. Noch einmal, Dank euch, liebe Brüder, für euren Gruß. Er ist für uns der beste Beweis für das ewige Band, das alle zerstreuten Teile des jüdischen Volkes vereint." Nach der Antwort Tschlenows schritt man zum Tagesprogramm. Als erster erhielt das Wort Herr B. Goldberg zum Referat über die praktische Arbeit in Palästina M. H.! Die übertriebenen Hoffnungen, die in die diplomatischen Erfofge des genialen Führers der Bewegung, Theodor Herzl, gesetzt wurden, haben bekanntlich seinerzeit zum Ugandakonflikt, zu . einer Krise in der Bewegung geführt, die sogar unsere Reihen für einen Moment ins Schwanken brachte. Wir sind dadurch zur Erkenntnis gelangt, daß die reindiplomatische Methode für uns unbrauchbar sei, daß wir unsere Taktik ändern müssen. In dieser Erkenntnis ' liegt nun nichts Demütigendes für uns, denn in jeder Bewegung ist die Taktik nie etwas Unerschütterliches, sie wird vielmehr immer den Verhältnissen angepaßt und auf sie zugeschnitten. Der Kern der Bewegung aber bleibt unverändert. Der Mißerfolg <Jes diplomatischen Zionismus, des „Charterismus", war eigentlich vorauszusehen. Um einen Charter, d. h. einen Vertrag zwischen einem Volke und dem Oberhaupte eines Landes zu bekommen, müssen die realen Bedingungen dafür geschaffen werden. Diese Vorbedingungen wären in unserem Falle die ausgedehnte Einwanderung jüdischer Massen nach Palästina, der Zufluß jüdischen Kapitals in das Land usw. Solange diese Bedingungen fehlen, bleibt die Theorie des Charters eine schöne, aber unfruchtbare Theorie. Es ist wahr, die politische Tätigkeit Dr. Herzls hat dem jüdischen Volke einen großen Nutzen gebracht, indem er vor den Machthabern der Welt die Judenfrage lüftete und ihre zionistische Lösung klärte. Aber er überschätzte den Wert der Diplomatie für die Erlangung des Charters. Ja, ich gehe noch weiter und behaupte, daß, wenn wir auch den Charter auf irgendeine Weise bekämen, wir ihn nicht hätten verwerten können und zu einem vielleicht noch traurigeren Resultate gelangt wären, wie es das von Uganda war, da wir noch nicht die aufgespeicherte Kraft besessen hätten, um die uns gebotenen Rechte zu realisieren. Daraus folgt, daß ich zwar nicht gegen die diplomatische Arbeit als solche bin, sondern gegen eine Diplomatie, die nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen rechnet. Ich werde des weitern darauf hinweisen, welche unaufschiebbaren Aufgaben für uns auf diplomatischem Wege zu lösen sind, um die Entwicklung der Palästinaarbeif zu fördern. Die neue Richtung, die vom VII. Kongress sanktioniert wurde, geht dahin, den Schwerpunkt der zionistischen, politischen Tätigkeit auf die praktische Palästinaarbeit zu übertragen. In diesem letzten Jahre ist in dieser Beziehung mehr geschehen als in den vorangegangenen fünf Jahren. Ich werde nur die Hauptmomente dieser Arbeit berühren: 1. Es ist ein Informationsbureau in Palästina gegründet worden. 2. Bedeutende Landkäufe sind mit Hilfe der Anglo-Palestine Bank sowohl für die Rechnung des Nationalfonds wie auch für den weiteren Verkauf gemacht worden. 3. Dis dritte Filiale der Anglo-Palestine Bank in Beirut hat ihre Tätigkeit eröffnet. 4. Die Arbeiten der von Prof. Warburg geleiteten Palästinakommission haben zu bedeutenden Resultaten geführt, wie die Erforschung des Jordantales vom Standpunkte des Land- und Wasserbaues, dann auch zum Studium einiger Gegenden im Nordosten Palästinas, wobei von Aronson die wissenschaftlich interessante Entdeckung des Emmers gemacht wurde. Auch sind Vorarbeiten für Versuchsfarmen zwecks Einführung neuer Kulturen in Palästina, wie Baumwolle usw., im Gange. 5. Es ist ein sogenanntes Vermessungsbureau gegründet, das beim An- und Verkauf von Boden große Dienste leistet. 6. In Jerusalem ist die Kunstgewerbeschule ,Bezalel" ins Leben gerufen worden, die voraussichtlich eine Umwälzung im gewerblichen Leben der palästinensischen Juden mit sich bringen wird. 7. Mit Hilfe der zionistischen Organisation sind dank der Initiative einiger jüdische Unternehmer einige industrielle Etablissements gegründet worden, wie die Mühlen bei Jerusalem, Ölfabrikeh bei Haiffa usw. 8. Es ist der Grund für einen Pflanzungsverein und ein Palästina-Industriesyndikat gelegt worden. 9. In Palästina selbst ist aus Mitgliedern des A.-C. eine Agrar- und Kolonisationskommission gebildet worden. 10. Auch auf dem Gebiete der Erziehung ist manches geleistet worden durch die Gründung des ersten jüdischen Gymnasiums in Jaffa, die Förderung der Lehrerorganisation in Palästina usw. ( ß Aber dies alles sind nur Vorarbeiten. Ich würde die Aufgabe unserer praktischen Arbeit in Palästina folgendermaßen formulieren: