Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE EKELT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23^^ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRO. KÖLN, 7. Dezember 1906 pnrü nWtf £dd "d No. 49. PERSPEKTIVEN Der politische Zionismus — wir meinen nicht Tändeleien an dem Qewebe eines Riesenproblems, sondern politische Arbeit auf eine breite Basis gestellt — stand noch nie in einem so engen Zusammenhange mit den Zeitereignissen und zwischenvölkerlichen Entwickeungen wie jetzt. Die asiatische Türkei hat aufgehört, in „Rührmichnichtan" zu sein. Fremdländische Interessen- und Einflußsphären, konkurrierende Kapitals-;iassen, grandiose industrielle Unternehmungen, rapid achsende Bahnbaupläne, Kultivierungs- und Besiede- I mgsprojekte schneiden sich immer tiefer in die weiten uebiete des nahen Ostens ein. Die an diesem gewaltigen; rozeß sich beteiligenden Großmächte und großkapitalistischen Gesellschaften zeigen nicht nur eine rastlose igsamkeit, sondern auch eine Hast, als ob es ihnen ,:f die Nägel brennen würde. Man braucht, um das greifbar vor sich zu sehen, nur die Konflikte und Spannungen, die Reibungen und Widerstände zu beobachten. Gegensätze entstehen nur dort, wo Interessen vorhanden sind, und wo Interessen sich entfalten, muß ein zukunftsreicher Boden vorhanden sein. Weder sind die Großmächte noch die Großkapitalisten phantastische Don-Quichots. Man kämpft nicht um die Leere, und man vergräbt nicht Geld in Wüstensand. Die Anatolische Bahngesellschaft soll eine Konzession erwirkt haben, eine neue Linie von Adana nach Bulgurlu zu bauen. Es soll eine Zweiglinie sein, die Konia mit dem Mittelländischen Meer und Adana mit der Bagdadbahn verbinden soll. Eine Frankfurter Gesellschaft, die mit einem französischen Syndikat und einer Gruppe englischer Kapitalisten in Verbindung steht, soll das Werk unternehmen. Deutsche Ingenieure sind nach Kleinasien entsandt worden, um Untersuchungen an Ort und Stelle durchzuführen, ob man bei dem Mersina-Hafen am Alexandrette-Meerbusen bleiben, oder Youmourtaliv als Mündungshafen für das neue asiatischtürkische Bahnnetz ausbauen solle. Dieses Gerücht hat einen tiefen Eindruck in Frankreich gemacht, und der Temps-Korrespondent aus Konstantinopel dementierte es in einer Weise, die eher als eine Bestätigung zu betrachten ist. Auch der Times-Korrespondent in der türkischen Residenz beschäftigt sich mit dieser Frage. Er gibt zu, daß die Deutschen Aussichten haben, die Konzession zu erlangen, nur versichert er, daß die Konzession noch nicht erteilt worden ist. Die Franzosen hingegen bemühen sich ihrerseits, die Herren der Situation zu werden. Ein anderer Korrespondent aus Konstantinopel berichtet, daß die neuerdings bemerkbar gewordene Regsamkeit der Franzosen nicht so sehr eine Folge des Ministerwechsels in Paris ist, als eine schon seit einiger Zeit vorbereitete Aktion der interessierten Kreise, die der Ministerwechsel höchstens beschleunigt hat. In letzter Linie sollen dafür zwei Gründe maßgebend gewesen sein. *Der Weiterbau der Bagdadlinie über den Taurus ist beschlossene Sache, die Arbeiten sollen in etwa drei Monaten wieder aufgenommen werden, und es ist der Sultan selbst, der den Bau so schnell wie möglich beschleunigt sehen möchte. Dann kommt noch hinzu, daß die Verbindung zwischen dem Südpunkte der zu erbauenden Strecke der Bagdadbahn und dem gegenwärtigen Endpunkte der Hedschasbahn im Norden, Damaskus, die französische Aleppobahn ist, deren Weiterführung nordwärts eben jetzt beraten werden soll. Das ist „ein Trumpf in der Hand der Franzosen". Die Engländer ihrerseits haben einen andern Erfolg erzielt. Die Eisenbahn Smyrna-Aidin soll nach Konia verlängert werden, was sowohl die Interessen der deutschen anatolischen Bahn wie die der französischen Smyrna-Kassaba-Bahn bedroht. Die „Pall Mall Gazette" fordert England und Frankreich zu einer Verständigung auf. Anderseits betreibt der Sultan mit aller Energie den Bau der Hedschasbahn. Bis zum 1. September 1906 waren 853 Kilometer, einschließlich der 161 Kilometer von Haifa nach Dera, fertiggestellt worden. Die Hauptdepots der Eisenbahnlinie wurden in Damaskus und Haifa angelegt, und jetzt beabsichtigt man, die Hedschaslinie .durch die Bagdadlinie mit den Petroleumquellen von Mossul, die Heiz- und Beleuchtungsmaterial liefern könnten, in Verbindung zu bringen. Sollte dies gelingen, so wird die Frage des Heizmaterials auch für Palästina gelöst werden. Dazu kommt das neuerdings vom Sultan bestätigte, große Projekt der Bewässerung Mesopotamiens für Kolonisation und Baumwollpflanzungen usw. 1*