Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316235--48769-3343712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
beizulegen. Die Stellen werden mit 1. Dezember 1. J. besetzt. Die Anstalt versendet an, die jüdischen Gemeinden Zirkulare, damit dieselben ihr zur Krankenpflege geeignete Personen empfehlen und dieser — in unserer Monarchie einzigen — derartigen Anstalt Unterstützung angedeihen lassen. Statistik der jüdischen Gemeinden Deutschlands Das vom Verbände für Statistik der Juden begründete Bureau in Berlin-Iialensee wird demnächst mit Unterstützung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums eine umfassendt Arbeit über die jüdischen Gemeinden in Deutschland herausgeben. Es werden darin auf Grund des Materials, welches das Bureai von den Gemeindevorständen erhalten hat, zum ersten Male zahlenmäßige Angaben für ganz Deutschland über Häufigkeit de^ Gottesdienstes, Benutzung von Orgel und Chorgesang, über du Kultusbeamten, die Besteuerungsverhältnisse, sowie über die Agglomeration der Juden gegeben werden. Man darf dem Erscheinen der Schrift mit Interesse entgegen sehen. fooooooooo k\__ 2^sr NACHRICHTEN oooooooool Zur Demokratisierung der jüdischen Gemeinden in Rußland Die demokratischen Tendenzen, welche sich jetzt überall geltend machen, kamen auch in der letzten Zeit in den jüdischen Gemeinden in ganz Polen zum Vorschein. Es wurde schon bereits darauf hingewiesen, daß verschiedene jüdische Parteien und Organisationen auf dem Fundament der Institution der Gemeinde eine neue jüdische Organisation in Rußland bauen wollen. Besonders stark ist die reformatorische Tendenz in der Warschauer Gemeinde zum Vorschein gekommen. Seit längerer Zeit fanden in dem Gemeindegebäude Versammlungen statt, in denen über die Gemeindereform heiß debattiert wurde. Einer der Vertreter des progressiven Judentums, Herr Emil Peretz, hat ein umfassendes Projekt der Demokratisierung der jüdischen Gemeinden ausgearbeitet, welches eine lebhafte Diskussion hervorgerufen hat. Dieses Projekt erschien vor einigen Tagen als Broschüre und enthält ein umfangreiches und interessantes Material. Es wird vor allem darauf aufmerksam gemacht, daß seit 1871 keine einzige Reform in den Statuten der Gemeinde zu verzeichnen ist. Die Gemeindeangelegenheiten, mit Ausnahme der Steuer- und Friedhofsverwaltung, sind für die Mehrheit der üemeindemitglieder ganz gleichgültig. Die wahre Ursache dieses Indifferentismus liegt darin, daß die Mehrheit der Gemeindemitglieder kein Stimm- und folglich auch kein Wahlrecht besitzt. Das Recht, den Gemeindevorstand zu wählen, besitzen nur diejenigen, die eine Jahressteuer von 15 und über 15 Rubel zahlen. Der Vermögenszensus in einer so bedeutenden konfessionellen Institution, wie es die Warschauer Gemeinde ist, ist eine so wichtige Frage, daß man seine Herkunft prüfen muß. Die Juden bildeten immer eine demokratische Gemeinschaft Dieses demokratische Prinzip sollte durch den vielhundertjährigen Golus befestigt werden. Der Zensus von 15 Rubel entstand vor verhältnismäßig kurzer Zeit Er wurde eingeführt auf Grund einer administrativen Verordnung vom 18. März des Jahres 1871 dank den Bemühungen der „Gemeindeverwaltung". Zu derselben Zeit fing in Frankreich die neue Freiheitsära an, in Deutschland eröffnete das neue deutsche Parlament seine Sitzungen, und in Warschau führten die „progressiven" Juden den Zensus von 15 Rubeln ein. Dieser Zensus ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, weil mit gleichen Pflichten auch gleiche Rechte verbunden werden sollten. Die Gemeindeverwaltung bestimmt Steuern im Verhältnis zum Vermögen. Für ein Unvermögen des Mitglied ist aber eine Steuer von 2 Rubeln ebenso schwer, wie für ein vermögendes eine von 750 Rubeln. Auf 7000 Mitglieder, die in Warschau Gemeindesteuer bezahlen, kommen gegen 4200, d. h. 60°/o, die weniger als 15 Rubel bezahlen und kein Wahlrecht besitzen. Unter diesen befinden sich Juristen, Ärzte, Techniker, Handwerker und Handelsangestellte, also Personen mit höherer Bildung und oft erfüllt von großer Liebe für das Volk. 2800 oder 40°/o der Kontribuenten, meistens reiche Kaufleute, Kapitalisten, Großindustrielle und eine kleine Gruppe von Intellektuellen, die mit dem Judentum nichts gemein haben, wählen die 14 Vorstandsmitglieder. 2800 oderl% der jüdischen Bevölkerung wählt den Gemeindevorstand, der die Interessen aller in Warschau lebenden Juden repräsentieren soll. Daraus ergibt sich, daß die erste Bedingung zur Weiterentwickelung der jüdischen Gemeinde in der Einführung einer Wahlreform besteht Jedes Gemeindemitglied, das wenigstens ein Jahr in Warschau wohnt, soll das Wahlrecht besitzen. Jedes Mitglied hat die Pflicht, einen Beitrag von mindestens 50 Kop. pro Jahr zu zahlen. An der Leitung der Gemeinde soll außer dem Vorstande auch eine Versammlung von Vertretern verschiedener Bevölkerungsklassen teilnehmen. Diese Versammlung soll ein integrierender Tei der Gemeinde werden, und ihre Resolutionen sollen als Ausdrucl der öffentlichen Meinung betrachtet werden. Die Zahl der Repräsen tanten hängt von der Zahl der Kontribuenten ab. Diese repräsen tative Behörde fungiert auch als Aufsichtsrat über die Tätigkeit de Vorstandes. Die Besteuerung soll auf Grund sicherer Angaben ge schehen. Die Grundlage bildet daher das Einkommen der Kontri buenten. Die Bearbeitung der Prozentskala soll dem Aufsichtsrai und den Steuerkommissionen übergeben werden. Die Skala mui gleitend sein. Die existierende Maximalnorm von 750 Rubeln soll abgeschaft werden. Die allgemeine Tendenz aller dieser Reformen ist die Demo kratisie-rurig der Gemeinde und das Streben danach, daß ihre Ver waltung in die Hände der Volksvertretung übergeben werden sol Die polnische Selbstverwaltung und die Juden Vor einigen Tagen fand in Petersburg die Konferenz über di Einführung der städtischen und Semstwo-Selbstverwaltung im Könii reiche Polen statt Bei der Behandlung der Frage über die Wahlrechte in dt Organisation der polnischen Selbstverwaltung stellten einige Ve: treter des Ministeriums des Innern den Antrag, daß man die Tei nähme der Juden an der Selbstverwaltung beschränken soll, w es in den inneren Gouvernements des Reiches geschieht. Die polnischen Delegierten erklärten sich aber gegen jede Beschränkuii der Juden, sowohl in den Dörfern wie auch in den Städten. S erklärten, daß ein neues Recht zu keinem Unrecht im Verhältnis.^ zu anderen Nationalitäten führen darf, und folglich auch keine B schränkungen für Juden enthalten kann. Was bedeutet dieser große Umschwung im Verhältnisse d< Vertreter der polnischen Nationaldemokraten zu den Juden? Woh< dieser Liberalismus? Wenn man nun die Sache näher betrachtet, so sieht sie etw; anders aus. Man lehnte den Antrag über prozentuale Beschränkte: der Juden ab, aber — man nahm einen anderen — über die Verleihung der Wahlrechte an nur diejenigen, welche lesen und schreibt, i können, an. Es wurde nicht gesagt, welche Sprache obligatoris>:'\ ist, um die Wahlrechte zu bekommen. Es ist aber ganz sich«. daß der Jargon nicht berücksichtigt werden wird. Auf diese Weise wurden viel mehr als 50 °,o Juden von d Teilnahme an der Selbstverwaltung ausgeschlossen. Die Regiert!,; wollte die Teilnahme der Juden auf 50 % reduzieren, und die V ~ treter der polnischen Gesellschaft drückten sie bis auf 90 "/o neunter..... Die jüdische Auswanderung aus Warschau Die jüdische Auswanderungsbewegung hat in der letzten Z einen sehr beträchtlichen Umfang angenommen. Nach zuverlässig s; Quellen sind im letzten Jahre aus Rußland nicht weniger : ' 250000 Juden ausgewandert. Der zwanzigste Teil der ganzy jüdischen Bevölkerung! Die Mehrzahl dieser Bedauernswerten gi den letzten, oft erbettelten Groschen, dahin, um nach Amerika erlangen zu können, von wo sie aber, da sie die Einwanderung Vorschriften nicht kennen, vielfach mit demselben Schiff zurückgeschickt werden. Um nun diesen Ärmsten beizustehen, wur^ hier ein „Warschauer Informations-Bureau für Auswanderer" ei gerichtet. Die Gründer dieses Bureau sind: Dr. Heinrich Nußbaum Dr. Samuel Goldflam, Dr. Siegmund Srebrny, Dr. Julius Muttermilch Rechtsanwalt Bronislaw Koral, Julian Endler, L. Dawidsohn, Augn Minkowski, Michael Kleinmann, Hermann Poznanski, M. Rundstem- Simon Neumann, Dr. Adam Wizel und Bernard Lauer.