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Die Welt · 1906-11-23 · 47 (23.11.1906) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 16)
Language
German
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und der bourgeoise Zionismus reguliert die Übertragung des jüdischen Kapitals nach Palästina. Diese beiden Kräfte sind unzertrennlich im Realisationsprozesse des Zionismus, doch stützen sie sich auf verschiedene Elemente des jüdischen Volkes, und auf diesem Boden besteht zwischen ihnen bei dem Streben nach territorialer Autonomie ein Klassenkampf. vLt_^\L NACHRICHTEN Militär-Pogrome in Tanger Tanger, 21. Nov. (Telegr.) Zehn Milizsoldaten, die mit einem Vertreter Raisulis von diesem nach Arsila entsandt waren, plünderten mehrere Läden von Juden und versetzten die Bevölkerung in Aufregung. Iii Arsila wird neuerdings eine Schreckensherrschaft ausgeübt Das schwedische Kriegsschiff Dristigheten ist hier eingetroffen. Zur Wahlbewegung in Warschau Das jüdische Wahlkomitee in Warschau hat sich bereits konstituiert. Die erste Initiative dazu gaben die Zionisten. Nach den ersten Versammlungen des provisorischen Komitees wandten sich zwei Mitglieder desselben an den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde und machten ihm den Vorschlag, sich der Wahlagitation anzuschließen, bekamen aber eine ablehnende Antwort. Die jüdische Gemeinde, die sich, wie bekannt, an den ersten Wahlen beteiligte und die ganze Wahlagitation fast selbständig führte, erklärte nun, daß sie keine separatistischen Tendenzen unterstützen könne. Wie bereits früher gemeldet wurde, erklärte sich die ganze Warschauer jüdisch-polnische Assimilation gegen die Aufstellung eines jüdischen Kandidaten. Das jüdische Wahlkomitee wird seine Tätigkeit in der Provinz konzentrieren. Höchstwahrscheinlich wird es in Warschau keinen jüdischen Kandidaten aufstellen. Dafür sind aber die Chancen der Juden in der Provinz und zwar in den Gouvernements Warschau, Lublin, Petrikau und Lomza nicht ungünstig. In den hiesigen Blättern wurden statistische Angaben veröffentlicht, die das Verhältnis der jüdischen Urwähler zu den christlichen Urwählern in Warschau klarlegen. Die Zahl der Urwähler, die das Stimmrecht in Warschau besitzen, betrug bei den ersten Wahlen 105000, unter diesen waren 45000 Juden. Wenn man bei den jetzigen Wahlen 20000 Fabrikarbeiter, die eine besondere Kurie bilden, abzieht, so zeigt sich, daß die jüdischen Urwähler eine Mehrheit bilden werden. Bei dem gegenwärtigen Wahlsystem ist aber nicht die Gesamtzahl der Wähler, sondern ihre Verteilung auf die Reviere entscheidend. Die Juden besitzen ein Übergewicht in sechs Revieren, die fast ausschließlich von Juden bewohnt sind. * * * Während die Juden bei den letzten Wahlen eine Einheit darstellten, haben sie sich im gegenwärtigen Wahlkampfe in drei Gruppen geteilt. Die erste Gruppe rechnet auf den Großmut der polnischen Nationaldernokratie, die im Falle eines Blocks der progressiven Demokratie mit den linken Parteien ihre Gegner auf diese Weise schwächen will, daß sie, um die Juden für sich Zu gewinnen, ihnen drei Mandate überlassen wird. (1 in Warschau und 2 in der Provinz.) Die zweite Gruppe vertritt die Ansicht, daß die Juden nicht die Nationalität und den Glauben des Kandidaten, sondern sein politisches Programm in Betracht ziehen sollen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die progressive Demokratie im letzten Wahlkampfe deswegen eine so schmähliche Niederlage erlitten hat, weil sie einen jüdischen Kandidaten auf ihre Liste gestellt hat. So sollen denn im Interesse des „Fortschrittes" die Juden diesmal alle ihre Stimmen der progressiven Demokratie überlassen, ohne von ihr die Aufstellung eines jüdischen Kandidaten zu verlangen. Einen Block mit der Nationaldemokratie hält diese Gruppe für unmöglich, weil die Juden sich nur den progressiven Parteien anschließen sollen; die Vereinigung mit gemäßigten oder konservativen Parteien erachtet sie prinzipiell für unmöglich und unerlaubt. Die dritte Gruppe bilden die Zionisten. Sie führen den Wahlkampf nach den von der Konferenz der zionistischen Presse angenommenen allgemeinen Prinzipien, die jedoch hier in Warschau eine gewisse lokale Färbung bekommen haben. Das Organ der Warschauer zionistischen Partei „Zycie Zydowskie" veröffentlicht folgende Wahllosung des zionistischen Wahlkomitees: 1. Die Demokration der Staatsform; 2. Gleichberechtigung der Juden; 3. Dezentralisation der Regierung; 4. Polnische Autonomie mit Garantie der Rechte des jüdischen Volkes als einer Volksminderheit: * a) Proportionale Wahlen in allen konstituierenden und gesetzgebenden staatlichen und Landesinstitutionen, b) die Anerkennung der jüdischen Sprache, c) die Sabbatruhe, d) die nationale Selbstverwaltung in den inneren jüdischen Angelegenheiten. Zur Wahlbewegung in Lodz Im Lokal der Wohltätigkeitsgesellschaft fand am 14. November eine Sitzung der Mitglieder des jüdischen Wahlkomitees unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Joseph Sachs statt. Anwesend waren gegen 40 Personen, die verschiedene Strömungen der jüdischen Gesellschaft repräsentierten. Das Komitee übernahm die Leitung der Wahlaktion bis zur Konstituierung eines neuen Komitees. Auf der Sitzung wurde die folgende Resolution angenommen: „Die Interessen der jüdischen Bevölkerung der Stadt Lodz kann nur ein Progressist par excellence repräsentieren, welcher das Recht auf Selbstbestimmung eines jeden Volkes anerkennt." NOTIZEN Von der Tätigkeit der Orden in Palästina Wie ernst die Bestrebungen der katholischen Orden zu nehmen sind, in Palästina zu kolonisieren, beweist im Anschlüsse an eine früher von uns gebrachte Mitteilung folgende neuerliche Korrespondenz des Wiener katholischen „Vaterlandes". Der Missionar Gatt schreibt aus Asdud, im Lande der Philister: „Asdud hat eine auffallend zentrale Lage. Jaffa, Ramie, Lydda, Jerusalem, Bethlehem, Hebron, Beersabe, Gaza liegen im Halbkreise um Asdud herum. In vier Stunden erreicht man Sedsched, die nächste Bahnstation nach Jerusalem, und Jerusalem selbst in sechs Stunden, Ramie in fünf Stunden, Gaza in sechs Stunden, Jaffa in sieben Stunden, Medschdel-Askalan, wo ebenfalls Markt ist, in zweieinhalb Stunden. Der Verkehr zwischen Jaffa und Gaza gehl über Asdud; täglich fahren bis fünf Wagen hin und her. Grund und Boden ist in Asdud von bester Qualität für Getreidebau, füi Obstbaumkultur, Gemüsebau und teilweise auch für Weinbau. Die Bewohner verkaufen mir Grundbesitz lieber als anderen, und zwar zu verhältnismäßig billigen Preisen, namentlich ferne von Asdud. Das Klima ist gut, gesund, die Luft rein, Wasser im Überfluß, vier Brunnen stehen zur Verfügung, von denen einer Eigentum der Mission ist. Man kann noch mehr Brunnen graben, wenn man will. Hier gibt es weder Schnee, noch Reif noch Frost, und aucl die Sicherheit ist hinreichend. Mit der Regierung, den Steuerein treibern und den Zehentpächtern werde ich leichter fertig als andere: dem Missionar gegenüber wagt man nicht, was man den Fellachen, gegenüber wagt. So will ich denn daran gehen, Asdud und Umgebung eine Ackerbauschule zu errichten, womöglich nur Katholiken beschäftigen und Obstbaumkultur und Gemüsebau vorzüglich berücksichtigen. Der Ertrag davon soll zur Gründung und zum Unterhalte der im Lande der Philister und im südlichen Palästina notwendigen Missionsanstalten verwendet werden. Ab gesehen von Gaza und Asdud sind solche auch für Beersabe, die Marina von Gaza und el Arisch projek tiert. Man könnte vielleicht auch von Asdud aus dem Pilgerhause in Jerusalem billiger Proviant liefern, als er sonst zu haben ist Hier handelt es sich um etwas Praktisches, um ein Unternehmen ohne Risiko, um ein Unternehmen, das keineswegs große Summen erfordert, um ein Unternehmen, das dem Heiligen Lande und seinen katholischen Bewohnern zum Heile gereicht. Ich bemerke ausdrücklich, daß ich keineswegs in Geldverlegenheiten bin; das Anwesen der Mission in Asdud ist vollständig schuldenfrei und gibt trotz der Konkurrenz der Juden und anderen eine kleine Rente. . ." Des für Deutschland eingesetzten Bußtages wegen gelangt die vorliegende Nummer einen Tag später in die Hände der Leser.

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