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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 16)
Language
German
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18 DIE ELT No. 41 Die Kommission zur Untersuchung des Pagroms in Siedice unter Vorsitz des Generals Nowosilcow hat ihre Arbeiten beendigt. Das neue Material soll in diesen Tagen von den speziell nach Siedice gesandten Beamten des Justizministeriums der Kommission vorgelegt werden. Das Beweismaterial der Kommission von Nowosilcow konstatiert zwar den Mißbrauch der Macht seitens einiger Beamten, findet aber mildernde Umstände: die Abwesenheit der höheren Beamten und die Notwendigkeit eines sofortigen Eingreifens. Nach den letzten Mitteilungen wurde der Oberst Tichanowski seiner Stelle enthoben und an seiner Stelle der Oberst des Dubninski-Regiments zum Kommandanten der Ochrana ernannt. Chelm. Seit einigen Wochen zirkulieren in Chelm Gerüchte, daß während einer kirchlichen Prozession ein Judenpogrom stattfinden soll. Die jüdische Bevölkerung verließ in großer Zahl die Stadt. In den letzten Tagen wurde aber die Stimmung ruhiger, weil die lokalen Behörden der Bürgerdeputation erklärt haben, daß alle Maßregeln zur Verhütung des Pogroms getroffen wurden. Siedice. Das Material, welches die Untersuchungskommission über den Siedlcer Pogrom gesammelt hat, hat erwiesen, daß unter den Personen, welche Läden und Geschäfte plünderten, sich auch Soldaten der Siedlcer Garnison befanden. Einen großen Eindruck machte die Szene, die sich am Jomkipur in der Stadtsynagoge abspielte. Während des Kol Nidre wandten sich alle dort anwesenden Juden an den Rabbiner Anulik und ersuchten ihn, mit allen zu schwören, daß weder sie noch ihre Nachbarn während der Schreckenstage in das Militär geschossen haben. Beim Schwören erhob sich in der Synagoge ein allgemeines Jammern und Weinen. Von den Verhafteten im jüdischen Krankenhause wurde niemand befreit, da man sie beschuldigt, in das Militär geschossen zu haben. Odessa. Der Stadtarzt Lissner dementiert in allen Zeitungen die Insinuation von „Wietsche", nach welcher im Sanatorium des Doktor Triger Blut von einem christlichen Kinde benutzt wurde, um eine von einer Krankenpflegerin zufällig vergiftete Jüdin zu retten. Diese lügenhafte Mitteilung hatte einen tendenziösen Charakter und wollte die Bevölkerung gegen die Juden aufbringen. Die Militärpatrouillen wurden verstärkt. Die jüdischen Feiertage wurden von der jüdischen Bevölkerung mit großer Unruhe erwartet. In den lokalen Zeitungen wurde der Aufruf des Odessaer Rabbiners an die jüdische Bevölkerung veröffentlicht. Der Rabbiner war mit einer jüdischen Deputation beim Stadtoberhaupt und beim Generalgouverneur, und nun wandte er sich an die Juden, um sie zu beruhigen. Aber die Stimmung wurde dadurch nicht ruhiger. Aus den beruhigenden Worten des Stadtoberhauptes ließ sich seine vollständige Ohnmacht den Ereignissen gegenüber heraus hören. Die jüdischen Deputierten verließen ihn mit dem Gefühl, daß die ganze Macht sich in den Händen des Militärs befindet. Wir erhielten folgendes Telegramm: Warschau, 8. 10. 9.24 abends. Alle Verhafteten in Siedice mit Ausnahme von dreien sind freigelassen. Aufruf! Das Hinmorden jüdischer Volksmassen scheint in Rußland nicht aufhören zu wollen. Immer wieder liest man, daß wehrlose Greise, unschuldige Kinder unter grausamen Qualen vernichtet werden, daß vertierte Menschen Leib und Leben jüdischer Mädchen und Frauen in verbrecherischer Gier zerstören. Weit und breit keine Hilfe! Wohl sucht man der Not des Augenblicks zu steuern; es sollte jedoch mehr geschehen, als die Gabe des rasch verflüchtenden Mitleids zu bieten vermag. Wir wollen den verfolgten Juden eine dauernde Zuflucht gründen; wir wollen in Palästina an schon bestehende und gedeihlich arbeitende jüdische Kolonien neue Heimstätten für Ackerbauer und Gewerbetreibende angliedern, ein Streben, das uns mit den „Palästinakolonisationsvereinen" der ganzen Welt verbindet. Dort sollen unsere unglücklichen Stammesgenossen endlich nach blutiger Verfolgung, nach jahrtausendlanger Unrast ein sicheres Heim, eine dauernde Heimat finden. Hier handelt es sich nicht um Zukunftsideen, nicht um Parteifragen. Hier gilt es rasche und dauernde Hilfe zu organisieren. Wir wenden uns daher an alle Edelgesinnten; wir ersuchen jeden, der noch einer Empfindung des Mitleids zugänglich ist und unschuldige Menschenbrüder vom drohenden Untergange retten will; wir flehen alle jene an, denen die Ehre unseres Stammes am Herzen liegt, treten Sie unserem „Jüdischen Kolonisationsverein" bei! Ein ordentliches Mitglied zahlt jährlich mindestens 5 K., ein immerwährendes Mitglied einmal für immer mindestens 250 K. und ein Stifter einmal für immer mindestens 2000 K. Beitrittserklärungen und Geldsendungen erbitten wir uns an das Sekretariat 11/3, Gredlerstraße 9. Spenden nimmt auch die Administration dieses Blattes entgegen. Das Zentralkomitee des Jüdischen Kolonisationsvereins: Baurat Wilhelm Stiaßny, Emil Horner, Dr. Siegmund Zins, Hof- und Gerichtsadvokat, kaiserlicher Rat Leopold Sachs. Licco Adutt, Dr. Josef Bloch, Professor Dr. S. Ehrmann, Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann, David Ritter v. Gutmann, Dr. Edmund Kohn, Baurat Oskar Marmorek, Prof. Dr. Josef Pollak, Richard Rappaport, Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl, Ignaz Schiff, Heinrich (York) Steiner, Präsident Dr. Alfred Stern, Doktor Bela Taussig, Hofrat Siegmund Taussig. Aus Anlaß einer Familienfeier hat Herr David Wolffsohn Mk. 205 gespendet zur Eintragung seiner Gattin Fanny Wolffsohn in das Goldene Buch des Nationalfonds. Wegen der Feiertage entfiel für diese Nummer der Nationalfonds- Ausweis und die Rubrik: Aus der Bewegung. Zur Agitation für die Schekeltage! Ende dieses Monats erscheint, herausgegeben vom Zionistischen Zentralbureau, im Verlage der „WELT", Köln, Ubierring 23r eine Broschüre: — Zehn Jahre Zionismus Diese Broschüre, die in populärem Tone gehalten, ein zusammenfassendes Bild der Geschichte, Entwicklung und der Institutionen des Zionismus gibt, wird hervorragend geeignet sein, die zionistische Agitation zu unterstützen. Im Hinblick auf die für die Chanukawoche angesetzten Schekeltage haben wir eine Massenauflage, und zwar in deutscher, englischer und jüdischer Sprache vorgesehen. Der Preis stellt sich bei Abnahme von 100 Exemplaren auf Mk. 5.— 1000 „ „ „ 45.— 2000 Exemplaren auf Mk. 85. 5000 „ „ M 200. exklusive Porto. Vorbestellungen sind zu richten an: Verlag „Die WELTES Köln, Ubierring 23. Redaktion: Berthold Feiwel, A. Coralnik. — Verantwortlicher Redakteur: Julius Berger. — Druck von M. DuMont Schauberg, Köln.

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