Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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f? . U'i 14 DIE^CLT No. 36 . - £ das des Lachens Ursache hätte sein können. Nach einer kurzen Frist lachte der Baalschem zum andern Male und ganz auf dieselbe Art, wie mit der unvermuteten Fröhlichkeit und Helle eines Kindes. Und dann ging eine kleine Weile hin, und sein Lachen erklang zum dritten Male. Die Schüler saßen schweigsam um den Tisch. In ihren Augen war dieser Vorfall ein seltsames und unbegreifliches Ding, denn sie kannten den Meister'wohl und wußten, daß seine Seele sich nicht leichtfertig solcher Bewegung hingab. So ahnten sie einen tiefen unbekannten Grund dieser Freudigkeit und hätten ihn gar gern gekannt, doch keiner fand den Mut, daß er den Meister darum angegangen hätte. Da richteten sie alle ihre Augen auf den Rabbi Wolf in ihrer Mitte, daß der vom Meister erfrage, aus welcher Ursache dieses Lachen erklungen sei. Denn so war der Brauch, daß der Rabbi Wolf am Sabbatausgang, wenn der Baalschem in seiner Stube saß und Rast hielt, zu ihm trat, um von ihm zu vernehmen, was im Laufe des Sabbats sich mochte zugetragen haben. So geschah es auch diesmal, daß dieser Schüler zum Meister kam und ihn fragte: „Laß uns wissen, was der Sinn des Lachens war, das gestern abend über dich kam?" Da sprach der Baalschem : „Nun wohl, so möget ihr wissen, woher mir die Freude kam. Haltet euch bereit, mit mir zu kommen und ihr sollt hören." Darauf hieß er den Knecht die Pferde einspannen, denn so hielt es derBaalschem, daß er jedesmal nach Ausgang des Sabbats für eine Weile die Stadt ließ, eine Fahrt ins . freie Land zu tun. Er bestieg mit seinen Schülern das Gefährt, und sie kehrten nicht wie sonst nach einigen Stunden in ihre Stadt zurück, sondern fuhren die ganze Nacht weiter schweigend durch die Dunkelheit. Am Morgen langten sie in einer Stadt an, und derBaalschem ließ bei dem Hause des Vorstehers den Wagen halten. Bald war seine Ankunft der ganzen Judenheit bekannt geworden, und alle kamen und umringten das Haus, um ihn zu ehren. Er aberachtete niemandes, sondern befahl dem Vorsteher, ihm den Rabbi Sabbatai rufen zu lassen, der Buchbinder sei. Da erwiderte der Vorsteher ein wenig unzufrieden: „Meister, was wollt Ihr von diesem, der ein kleiner unbeachteter Mann in unserer Gemeinde ist. Wohl weiß jeder von uns, — er ist ein redlicher Jude, aber nie habe ich ihn um der geringsten Wissenschaft willen rühmen hören. Was kann Euch der frommen?" „Gleichwohl," sprach der Meister, „ist es mein Wille, daß du ihn mir rufest." Man schickte um ihn, und er kam, ein bescheidener grauhaariger Alter. Der Baalschem sah ihn und sprach: „Auch deine Ehefrau möge kommen," und auch sie war alsbald zur Stelle. „Nun", heischte der Meister, „magst du mir erzählen, was ihr in der letzten Sabbatnacht getan habt. Aber sage die schlichte Wirklichkeit, habe keine Scham und verbirg uns nichts. „Herr," erwiderte jener, „nichts will ich vor dir verhehlen, und habe ich gesündigt, so siehst du mich bereit, aus deinen Händen die Buße zu nehmen, als käme sie von Gott. Siehe, alle Tage, die mir Gott gegeben hat, kam mir mein Erwerb aus meiner Arbeit. Einst war sie gesegnet, und ich war tätig und vermochte mir beizeiten ein kleines Gut zur Seite zu legen. Von Anfang an aber war es mein Brauch, daß am Mittag des fünften Tages in der Woche mein Weib hinging, um mit aller Sorglichkeit jene Dinge einzukaufen, die nötig sind, den Sabbat zu feiern, unser Bedürfen an Mehl, Fleisch, Fischen und Lichtern. Und wenn am Vortage des Sabbats die zehnte Stunde sich erfüllt hatte, so ließ ich meine Arbeit und ging zum Bethause, um dort bis nach dem Abendgebete zu verweilen. So habe ich von Jugend an getan. Jetzt aber, da ich zu altern anhebe, hat sich das Glücksrad über mir gedreht, mein Besitz ist mir aus den Händen geschwunden, und meine Kraft, mir aus meiner Arbeit Früchte zu schaffen, - ist gar gering. Nun lebe ich ein bitteres Sorgenleben, und gar oft ist es mir nicht gegeben, alles Bedürfen des Sabbats am fünften Tage einzuschaffen, wie es unser Hausbrauch in guter Zeit war. Mein Trost ist, — was auch über mich kommen mag, eines brauche ich nicht zu lassen: um die zehnte Stunde des Sabbatvortages ins Bethaus zu gehen und so das Meine zu tun. Nun vernimm, Meister, es war die zehnte Stunde am Vortage dieses Sabbats, und in meiner Hand lag auch nicht ein Heller, die Bedürfnisse des Sabbats zu erstehen, und mein armes Weib hatte kein Stäubchen Mehl mehr in der Truhe. Nun aber hatte ich alle Tage meines Lebens nie eines Menschen bedurft, so wollte ich auch diesen Tag ohne Almosen bestehen und nicht bittend eine Schwelle überschreiten. Und es war in meinem Herzen beschlossen, daß es besser sei, am Sabbat zu fasten, denn eine Gabe zu begehren von Fleisch und Blut. Aber ich fürchtete, daß es meiner Frau allzusehr das Herz bedrücken würde, am Sabbat auch nicht eine Kerze auf dem Tische brennen zu sehen, und daß sie eine oder etwa ein Sabbatbrot oder ein wenig Fisch annehmen möchte, wenn ihr's eine Nachbarin in Güte anböte. Darum redete ich zu meinem Weibe und verlangte ihr es ab, daß sie verspräche, von keinem Menschen eine Hilfe zu nehmen, sei es auch, daß wer in sie dränge; denn verstehe. Meister, die Juden, unter denen wir leben, sind gut von Gemüt und möchten es schwerlich besehen, daß uns der Tisch am Sabbat leer stünde. Und meine Frau sagte mir's zu. Ehe ich zum Bethaus ging, sprach ich zu ihr: „Heute werde ich säumen und mich im Gebet verweilen, bis der Tag sich neigt. Denn wenn ich mit den andern vom Bethause heimginge und sie sähen in meinem Hause kein Licht, so würden sie mich um die Ursache fragen, und ich wüßte nicht, was ihnen antworten. Wenn ich aber dann komme, mein Weib, so wollen wir in Liebe empfangen, was der Himmel uns bescheiden wird." So sagte ich meiner alten Ehefrai' zum Tröste. Sie aber blieb und kehrte und säuberte das Haus in allen Ecken und Winkeln, und da der Herd kalt war und sie keine Speist vorzubereiten hatte, blieb ihr viel Zeit, die sie nicht anders hin zubringen wußte, als daß sie einen alten Schrein öffnete und 6k vergilbten, verblichenen Kleider aus unserer Jugend herausnahm. um sie zu bürsten und reinlich wieder einzubreiten. Da fand sii unter all dem alten vertragenen Zeug einen Ärmel, den wir v< : Jahren einmal vermißt hatten und der seither nimmer aufzufinder. gewesen war. Auf dem Kleidungsstücke aber saßen etliche Knöpk. wie Blümlein geformt, aus Gold- und Silberdrähtlein, wie man de gleichen lieben Zierat auf altem Zeug wohl antrifft. Die schni.: mein Weib gar eilig ab und trug sie dem Goldschmied hin, uv<\ der gab ihr so viel an Münze, daß sie erstehen konnte, was ai. Speisen für den Sabbat not tat, auch zwei gute, starke Lichte: und sogar noch, wessen wir für den nächsten Tag bedurften. Am Abend, als alles Volk gegangen war, schritt ich langsan die Gäßchen lang unserem Hause zu und sah schon von weiten:, daß ein Licht brannte, und der Kerzenschimmer ließ sich gar festlich und traulich an. Ich aber mochte dessen nicht in mir achte" und dachte: Siehe, meine alte Frau hat getan nach Weiberart uivJ mochte sich nicht enthalten, etwas anzunehmen. Ich trat ein hin; fand den Tisch wohl gedeckt und bereitet' mit Sabbatbrot un Fischen, und auch den Wein fand ich vor, den Segen darüber zw sprechen. Aber ich verwehrte mir, mich zu erzürnen, weil ich den Sabbat nicht zerreißen wollte. So hielt ich mich zurück und sprach den Segen und aß vom Fische. Darnach sprach ich, aber ich tat es mit sanfter Rede, weil mich ihrer armen bekümmerten Seele erbarmte, zu meiner Frau: „Nun erweist es sich, daß dein Her/; nicht bereit und stark ist, das Harte zu empfangen." Sie aber liei'< mich nicht zu Ende reden, sondern sagte mit heller Stimme: „Mein Mann, entsinnst du dich noch des alten Zeugs mit den Silberknöpfen, das uns seit Jahren mangelt. Als ich heute die große Truhe ausfegte, habe ich es vorgefunden. Die Knöpfe gab ich dem Goldschmied, und für das Geld habe ich den Sabbat bestellt.*