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Die Welt · 1906-09-07 · 36 (7.9.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
36 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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wenn in verschiedenen Fällen, selbst auf hochzionistischer Seite, die Hülfe bei der Arbeit an diesem schwierigen Problem versagte. Allein, dies betrifft die Minderheit derer, an die die Aufgabe der Mitarbeiterschaft in irgend einer Form gestellt wurde; die Majorität der nationalen und zionistischen Elemente kam dem Vorhaben freundschaftlich entgegen. Großer Dank gebührt den Hunderten, die sich nach und nach in den Dienst der Sache gestellt haben, und es ist durchaus zu betonen, daß sehr viele Nichtzionisten dem großen Unternehmen ihr Interesse zugewendet haben. War doch der Zweck der Untersuchung ein mehrfacher. Zunächst sollte durch gründliche Informationen die Größe des Unglücks summiert und vor aller Welt in möglichster Genauigkeit kundgegeben werden. Hierbei sollten alle treibenden Kräfte der Pogrome auf Grund gesammelter Materialien festgenagelt und der Schande preisgegeben werden - ganz gleich, ob es sich um die russische Bureaukratie oder um dunkle und grausame Organisationen, die auf eigene Faust hin arbeiten, handelt. Die zweite Aufgabe bestand darin, an Ort und Stelle genau zu erforschen, in welcher Weise die jüdische Bevölkerung gegenüber dem übermächtigen Feind Stand zu halten vermochte; die Frage, wie weit eine wehrlose Menge in den Stand gesetzt werden kann, den grimmen Feind abzuwehren, sollte durch die Gesamtheit der hierfür in Betracht kommenden Tatsachen der traurigen Tage selber illustriert werden. Obwohl man sich dessen bewußt war, daß die jüdische Selbstwehr, auch wo sie in den Novembertagen betsand, meist unvorbereitet und fast überall unerwartet an ihre Aufgabe heranzutreten gezwungen war, da die Massakers zum größten Teil wie ein Blitz aus heiterm Himmel kamen, so' war doch die Hoffnung vorhanden, daß ein vollständiger retrospektiver Überblick über die Einzelheiten höchst lehrreiche Resultate ergeben muß. Eine dritte Aufgabe bestand darin, alle völkerpsychologischen Details festzuhalten, die bei den Pogromen in den Beziehungen zwischen den Juden und den sie umgebenden Völkern zutage traten. Daß gerade dieser Punkt am wenigsten auf Verständnis stoßen und als eine rein theoretische Betrachtung angesehen werden würde, wußten wir von vornherein. Ist es uns doch von jeher bekannt, daß die Juden immer noch nicht einsehen, von welch' entscheidender Bedeutung in ihrem Leben die volkspsychologischen Motive sind. Nicht als ob wir die Absicht gehabt hätten, ein gewaltiges Anklagematerial gegen die russische Gesellschaft anzuhäufen, wie es viele geglaubt haben, um festzustellen, daß es seitens Nichtjuden gegen Juden einen Antagonismus gibt. Eine solche Absicht haben wir keineswegs verfolgt. Auf Grund einer höchst lehrreichen Geschichte sind wir zur Geniige über die traurige Erscheinung informiert. Für uns war die nuanciertere Aufgabe von Wichtigkeit, festzustellen, bis zu welchen Formen dieser Antagonismus zutage tritt, in welchen Kreisen er zu einer gefahrdrohenden wird, und wo wir eventuell auf Freundschaft und Hülfe rechnen können. Nicht dem durch die abnorme Judenlage bedingten Antagonismus gegen uns wollten wir nachgehen, sondern die Verschiedenartigen Äußerungen dieser durch eine ganze Reihe von historischen und territorial-nationalen Vorgängen hervorgerufenen sozialen Anomalie in den mannigfaltigen Gruppierungen kennen lernen. Zu diesem Zweck war es geboten, nach Möglichkeit allerorts auf die herrschenden Gesellschaftsfaktoren und Parteiverhältnisse einzugehen und zugleich damit die politische Betätigung der Juden am öffentlichen Leben in Parallele zu ziehen. So wollten wir denn dasBlatt jüdischer Geschichte, das mit blutigen Lettern vor unseren Augen sich abgespielt hatte, allseitig festhalten und es der Judenheit übergeben tendenzlos, objektiv (soweit dies möglich war». Nichts verdrehen, nichts entstellen, aber auch nichts vertuschen! Also lautete das Prinzip für die unternommene Arbeit. Es darf Sie darum nicht wundernehmen, daß, um ein Gesamtbild zu erhalten und eine gewisse Einheitlichkeit in der Arbeit zu wahren, den in gründlicher Arbeit einzuholenden Auskünften ein Fragebogen zugrunde lag, der 81 Punkte umfaßte und alle Seiten der Sache berührte. Ohne Sie mit der Aufzählung dieser Fragen behelligen zu wollen, will ich bloß erwähnen, daß darin detaillierte Fragen über die Parteiverhältnisse, über das Verhalten der Administration und Ortsverwaltung vor dem Pogrom, über ehemalige Pogrome, über die Selbstwehr in ihrer Vergangenheit, über die Zeit unmittelbar vor dem Pogrom, über den Anlaß oder Vorwand zu diesem, über die Stadien des Pogroms, über die Zusammensetzung der Exzedentenmenge, über ihre Organisation, über die Förderung der Pogrome oder Anteilnahme an deselben seitens der bureaukratischen Kreise, über das Verhalten des Militärs, über das Verhalten der Ortsverwaltung während des Pogroms, über das Verhalten der gesamten Bevölkerung, der Intelligenz, Geistlichkeit, der öffentlichen Institute, der nichtrussischen Völker, über die Selbstverteidigung und die Tätigkeit des Selbstschutzes mit Berücksichtigung der nichtjüdischen Hülfe, über die Daten der Pogrome, die Schäden, die Schreckenstaten, die Resultate und Folgen usw. usw. Selbstverständlich sollten alle Antworten mit zahlreichen Angaben versehen sein und sich nicht etwa auf ein einfaches „Ja" oder „Nein" beschränken. Mit diesem Fragebogen versehen und mit mannigfaltigen mündlichen Instruktionen ausgestattet, reisten zwölf Gewährsmänner sechs bis zehn Wochen in den Pogromorten zu diesem Zweck umher, während außerdem acht andere an mehreren Punkten, an denen sie selbst ortsansässig sind, Untersuchungen vornahmen. Es wäre zu weitläufig, auseinanderzusetzen, welche äußeren Schwierigkeiten mit diesen Arbeiten unter ganz abnormen Zuständen verbunden waren, wo die zugereisten Personen sich fortwährend unter dem Damoklesschwert der herrschenden Gewalten befanden und sich auch nicht mit dem Vorwand des Rechtsschutzes decken konnten, so daß trotz aller Vorsicht verschiedene Unannehmlichkeiten zutage traten, wo auch die jüdische Bevölkerung in gewaltiger Angst und Nervosität sich befand. Trotz alledem sind von unsern Leuten gegen neunzig Punkte untersucht worden, so daß sich ein sehr großes, z.T. sehr wertvolles Material angehäuft hat. Dieses zu Beginn des Sommers konzentrierte Material mußte unbedingt auf Grund anderer Untersuchungsmaterialien und durch lebhafte briefliche Erkundigungen überprüft, durch ein großes Preßmaterial, durch Angaben aus verschiedenen Komitees und zahlreichen Quellen ergänzt werden, worauf an die Bearbeitung geschritten wurde. Leider wurde diese durch die zum Teil trotz aller drängenden und wiederholten Mahnungen verspätet eingelangten Berichte der Untersucher aus mehreren höchst wichtigen, sozusagen „erstklassigen" Pogromorten in hohem Maße hintangehalten. Vor kurzem ist jedoch dieser Übelstand endlich behoben worden. Daß noch außer der allgemeinen Enquete eine andere Spezialenquete vorgenommen wird, die sich in vier charakteristischen Punkten an mehrere tausend Juden richtet und in dreizehn eigenartig formulierten Anfragen die individuellen Erlebnisse dieser Leute während des Pogroms, soweit es sich um das Verhalten ihrer Nebenmenschen handelt, festhalten will, dies Spezialexperiment wird vielleicht später als Ergänzung dienen, wird indes die Arbeit nicht aufhalten; denn die Materialsammlung ist vorläufig abgeschlossen. Gegenwärtig sind nun die einzelnen Artikel und Monographien in Bearbeitung. Das Ganze soll aus zwei Teilen bestehen, aus einem allgemeinen, 5 6 Kapitel umfassenden, und einem zweiten, der die Monographien der einzelnen Orte enthalten wird. Die Veröffentlichung der Ergebnisse wird nun in wenigen Wochen begonnen und in den Wintermonaten beendet werden. Das Werk wird demnach trotz aller Kürzungen und möglichst gedrängten Zusammenfassung ........gerade dies ist eine kolossale Schwierigkeit — sich doch auf ca. 50 Druckbogen ausdehnen. Wir glauben, daß das ganze Werk, in das zionistischer- und auch nichtzionistischerseits so viel Mühe und Arbeit hineingelegt wurde, für das gesamte Judentum und natürlich für die Zionisten, die am Schicksale des jüdischen Volkes am stärksten interessiert sind, von Wert und unter anderem auch ein Hilfsnnd Abwehrmittel sein wird. Es wird nicht nur einen Überblick über das gewaltige Unglück, das die russische Judenheit in den Novembertagen getroffen hat mit Einbeziehung der vorherigen und nachherigen fürchterlichen Schicksalsschläge, geben, es wird auch die permanente Pogromstimmung unter den'russischen Juden wiederspiegeln, die Feinde feststellen, die Bedeutung des Selbstschutzes nach Maßgabe des Vorgefallenen illustrieren, somit zugjeich unwillkürlich einen Blick in das Leben und Treiben großer Judenmassen gewähren und ein Blatt völkerpsychologischer und politisch-nationaler Beziehungen beleuchten. DIE ACKERBAUSCHULE IN JAFFA Der Bericht der „Alliance Israelite Universelle" über das Jahr Das landwirtschaftliche Jahr in Mikweh-Israel ist leidlich gut 1905 enthält folgende, die Ackerbauschule in Jaffa betreffende Mitgewesen. Herr Loupo, der Nachfolger des Herrn Niego in der teilungen: Leitung der Schule, hat sich schnell mit seinen verschiedenen Dienst-

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