Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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20 DIE ELT No. 31 Heldenmut der jüdischen Selbstwehr, auf deren Tapferkeit und Todesverachtung alle Juden stolz zu sein das Recht haben. 3. Sie verhehlt sich aber nicht, daß durch Sympathien allein .keine wirkliche Hülfe geschaffen werden kann. Sie gibt ihrer Überzeugung Ausdruck, daß nur die Schaffung einer gesicherten Heimstätte Rettung für die Verfolgten darstellt. New-York. Die dritte „Jahrzeit", d. i. die dritte Wiederkehr des Todestages Theodor Herzls, wurde in Cooper Union in eindrucksvollster Weise gefeiert. A. H. Frommenson, der Präsident des Zionisten-Councils von Groß-New-York, führte den Vorsitz. Ansprachen hielten die Rabbiner Dr. Juda Leon Magnes vom Tempel Emanu-El, H. L. Masliansky von der Peoples Synagogue und H. Orleansky. Abraham Ornstein, ein erst unlängst aus Krementschug vertriebener Vorsänger, trug das ergreifende Lied, den Totengesang „El Mole Rachamim" vor, und Herr Egon Brechert zwei von dem großen Toten in deutscher Sprache geschriebene Gedichte. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß der eigentliche Todestag Dr. Herz's, der gestern, — nach dem mit Sonnenuntergang endenden Sabbath — gefeiert wurde, mit dem Tage zusammenfällt, an welchem der französische Kassationshof den Hauptmann Dreyfus in seine Ehrenrechte als französischer Offizier wieder einsetzte. (Aus der New-Yorker Staatszeitung.) Alexandrien. Am 15. Juli d. J. fand hier eine stark besuchte Trauerversammlung anläßlich des Todestages Dr. Theodor Herzls statt, in welcher die Herren Präs. J. Rosenfeld, Davidsohn und Herr Rabinowitsch aus Rußland Ansprachen hielten. Herr Rabinowitsch hielt auch eine Rede über die Pogrome in Rußland, und zum Schlüsse wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: Die vom Verein „Bnei Zion" einberufene Versammlung spricht ihren tiefen Abscheu über die Judenverfolgungen in Rußland aus und erblickt in denselben einen neuen Beweis für die Notwendigkeit des Zionismus. Storozynetz. Der Verein „Poalei Zion" veranstaltete ein großes Gartenfest, welches gleichzeitig als Gründungsfest des Vereins galt. Das Fest nahm einen in jeder Beziehung glänzenden Verlauf und brachte einen Reingewinn von K. 499.23. Tarnopol. In unserer Stadt hat sich ein neuer jüdisch-akad. Studentenverein konstituiert, der den Namen „Libanonia" trägt. Gewählt wurden ins Präsidium cand. ehem. Wolf Unterberg, stud. jur. Mendel Koppel, cand. ehem. Hirsch Wischnowitzer. Leipnik. Die jüdisch-akad. Ferialverbindung „Massada", die heuer in das XIX. Semester ihrer Tätigkeit tritt, hielt am 26. d. ihren Konvent in Prerau ab. Der abtretende Ausschuß stattete einen sehr befriedigenden Tätigkeitsbericht ab. In die Leitung wurden gewählt: med. E. Horner als Präses, jur. Alfr. Donath als Vizepräses und ing. Arnold Hindls als Schriftführer. Göding. Am 22. d. fand im hiesigen Tempel eine Trauerfeier für Theodor Herzl statt, die einen sehr würdigen Verlauf nahm. Herr Rabb. Dr. Julius Reach aus Gaya hielt die Trauerrede, die auf alle Versammelten einen tiefen Eindruck machte. NACHRICHTEN Ein durch Bauern vereitelter Pogrom Bachmut. Am 21. vorigen Monats fand hier eine religiöse Prozession statt. Die Stimmung der Juden war sehr aufgeregt, da man bestimmt einen Pogrom voraussagte. Als der Zug ein paar Straßen passierte, wurde plötzlich auf dem Markte aus dem Hofe eines Wirtshauses geschossen. Es entstand eine fürchterliche Panik und Leute schrien: „Die Juden schießen!" Glücklicherweise stand in der Nähe des Wirtshauses eine Gruppe von Bauern und Arbeitern, die sich zum Tore warfen, das Schloß erbrachen und den Schutzmann Poljakow, der geschossen hatte, hervorzogen. Die wütende Menge wollte ihn in Stücke zerreißen, aber die Arbeiter ließen das nicht zu, damit man vom Schutzmann erfahren könnte, wer ihn angestiftet habe. Man führte den Gefangenen auf den Markt, um ihn dort in Anwesenheit des ganzen Volkes einem Verhör zu unterwerfen. Unterwegs traf man eine Abteilung Polizisten an, die den gefangenen Schutzmann befreite. Während des Handgemenges wurden vier Leute aus der Menge verwundet. Vom Odessaer Pogrom Alle Augenzeugen des „kleinen" Odessaer Pogroms vom 23. und 24. v. Monats erzählen, daß die Panik unter den Juden diesmal viel größer war als während des schrecklichen Pogroms in den Oktobertagen. Damals kamjder Pogrom ganz unerwartet, so daß man noch nicht viel Zeit hatte, sich dem Schrecken hinzugeben. Jetzt aber, nach den schrecklichen Erfahrungen vom Oktober des vorigen Jahres und des Pogroms von Bjelostok, nach den Ergebnissen der Regierungsuntersuchung von Kusminsky und Frisch, nach der ungeheuren Agitation der „echt russischen Leute" und der „Trost"rede des Baron Kaulbars, war die jüdische Bevölkerung dermaßen terrorisiert worden, daß das entsetzliche Wort „Pogrom" die ganze Stadt wie ein Donner getroffen hat. Und sie hatten allen Grund zur Verzweiflung. Schon waren Hooligans mit Kosaken gemeinsam an der Arbeit, schon waren einige Dutzend jüdischer Geschäfte und Privatwohnungen demoliert, schon klirrten zerbrochene Scheiben in den jüdischen Wohnungen, über die Straßen flog ein Regen weißer Federn aus Kopfkissen, schon fielen die ersten Opfer, zwei Ermordete und neun schwer Verwundete. . . . Aber diesmal wollte die Bureaukratie zeigen, was sie kann. Es kamen Militär und Polizei an, die im Nu die Ruhestörer zerstreuten. Materiell war der Schaden verhältnismäßig nicht groß — was bedeuten bei einem Pogrom einige Dutzend zerstörte kleine und größere Geschäfte und sechs Opfer an Ermordeten und Verwundeten! Aber was das der jüdischen Bevölkerungen Gesundheit, Nervenkraft und Lebensmut gekostet hat— das wird sie lange nicht zurückgewinnen können. Ein anderer Augenzeuge schreibt im „Weg": „Während der Panik haben wir gesehen, was für einen Wert wir Juden besitzen. Jedem Juden ist das Leben verekelt und verhaßt geworden. Man schien sich selbst überflüssig, man haßte den Tag, an welchem man zur Welt kam, und man war überdrüssig seiner selbst, daß man in einer solch schrecklichen Zeit leben muß...." Noch einen großen Schaden fügte der Pogrom den Juden von Odessa zu — der Oberkommandierende verlangte von den Juden die Auslieferung der Waffen vom Selbstschutz. Wie das enden wird, weiß man noch nicht. Er hat ihnen zuerst eine dreitägige Frist, dann noch einen Tag zur Überlegung gegeben. Indessen aber sind von den Mitgliedern des Selbstschutzes viele verhaftet worden, und ununterbrochen finden Haussuchungen statt. Pinchas Daschewsky — frei PinchasDaschewsky, der seit 1903 wegen seines Attentates gegen Kruschewan im Zuchthaus saß, ist am 25. v. Mts. aus der Haft entlassen worden. Dadurch ist ihm die Gefängniszeit um ein Jahr verkürzt worden. Abermals — rückwärts! Die „Rjetsch" teilt mit, daß Juden, die sich um Aufnahme in die Militär-medizinische Akademie verwendeten, zur Antwort erhielten, daß für Personen jüdischen Glaubens der Zutritt gesperrt ist, während noch vor zwei Wochen solche Gesuche mit der Bemerkung entgegengenommen wurden, daß in diesem Jahre Juden alle Chancen hätten aufgenommen zu werden. Für die Waisenkinder Die „Alliance Israelite Universelle" hat für die Bjelostoker Waisen in der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover fünf Freistellen gestiftet. Als Erziehungsbeitrag für diese Waisen hat die Alliance zunächst 16000 Mark bestimmt. * * * Wien, 30. Juli. Heute trafen neunzehn Waisenkinder, Opfer der Judenmassakers in Rußland, hier ein, um nach kurzem Aufenthalt in die Pflege nach Frankfurt, München und Florenz weiterbefördert zu werden. Nach Frankfurt werden vierzehn, nach München zwei und nach Florenz drei Waisenkinder befördert. Die Beförderung der Kinder nach Florenz erfolgt im Laufe der nächsten Woche in Begleitung eines Vertrauensmannes der „Israelitischen Allianz" in Wien. Briefkasten M. E. in Sniatyn. Wir sind darüber leider nicht informiert. M. W. in R. Herr Coralnik befindet sich noch auf Urlaub. Gruß. Alle eingesandten Gedichte dankend abgelehnt (Ein modernes Panorama.) Aus Reichenberg schreibt man uns: Eines der originellsten Ausstellungsstücke ist das Panorama einer kolossalen Fabrikanlage im kleinen. Das Landschaftsbild ist nach Art der bekannten Schlachtkolossalgemälde gearbeitet, so daß man mit unbewaffnetem Auge nicht zu unterscheiden vermag, wo die Wirklichkeit aufhört und das plastische Gemälde anfängt. Das sind die bekannten Schichtwerke. In Schaukästen sehen wir die verschiedenartigsten Zwischenprodukte, Fabrikate und Halbfabrikate der Seifen-, Kerzen- und Ölindustrie, die Pflanzen und Früchte, welche bei diesem Industriezweige zur Verwendung gelangen, darunter zahlreiche Exoten. Vor allem spielt die Kokosnuß dabei eine große Rolle, und wir lernen die Bereitung des Ceres-Speisefetts kennen, das in den Nährmittelwerken Ceres aus frischen Kokosnüssen hergestellt wird. Wie bekannt, gehören die Nährmittelwerke Ceres ebenfalls der Firma Georg Schicht, die vor kurzem in eine Aktiengesellschaft mit einem Kapitale von 10 Millionen umgewandelt wurde. Redaktion: Berthold Feiwel, A. Coralnik. — Verantwortlicher Redakteur: Julius Berger. — Druck von M. DuMont Schauberg, Köln.