Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316218--48387-3343313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 31 DIEIaKELT 17 sich mit Gott zu vereinigen. Jede Handlung, die in sich geweiht ist, mag sie noch so niedrig und sinnlos erscheinen dem von außen Herankommenden, ist der Weg zum Herzen der Welt. In allen Dingen, auch in den scheinbar völlig toten, wohnen Funken des Lebens, die in die bereite Seele fallen. Was wir das Böse nennen, ist kein Wesen, sondern ein Mangel; es ist „Gottes Exil", die unterste Stufe des Guten, der Thron des Guten; es ist, in der Sprache der alten Kabbala, die „Schale", die das Wesen der Dinge :imgibt und verhüllt. Es gibt kein Ding, das böse und der Liebe unwürdig wäre. Auch die Triebe des Menschen sind nicht böse; „je größer ein Mensch, desto größer ist sein Trieb"; aber der Reine und Geheiligte macht aus seinem Trieb „einen Wagen für Gott", er löst ihn von iller Schale ab und läßt seine Seele sich daran vollenden. Der Vlensch soll seine Triebe in ihren Tiefen fühlen und sie besitzen. „Er soll den Stolz lernen und nicht stolz sein, den Zorn kennen :ind nicht zürnen. Der Mensch vermag sich mit allen Wonnen zu kasteien. Er vermag zu blicken, nach welchem Ort er will, und ich nicht über seine vier Ellen hinaus zu verlieren; Worten des Scherzes zu lauschen und sich zu betrüben. Und so geschieht es, laß er hier sitzt und sein Herz ist oben, er ißt und vergnügt sich n dieser Welt und genießt aus der Welt der geistigen Seligkeit." •)as Schicksal des Menschen ist nur der Ausdruck seiner Seele: der, dessen Gedanken an unreinen Dingen umherstreifen, erlebt Jnreines; wer sich ins Heilige versenkt, erfährt das Heil. Des Menschen Denken ist sein Sein: wer an die obere Welt denkt, ist n ihr. Alles äußere Gesetz ist nur ein Aufstieg zum inneren; ,1er letzte Zweck des einzelnen ist, selbst ein Gesetz zu werden, n Wahrheit ist die obere Welt kein Außen, sondern ein Innen; os ist die „Welt des Gedankens". Ist demnach das Leben des Menschen in jedem Punkt und in eder Tätigkeit dem Absoluten geöffnet, so soll er es auch in Weihe eben. Jeder Morgen ist eine neue Berufung. „Er erhebe sich ■ilend und in Eifer von seinem Schlaf, denn er ist geheiligt und in anderer Mensch worden und ist würdig, zu erzeugen, und ist wie Gott, der die Welten erzeugt." Auf allen Wegen findet der Mensch Gott, und alle Wege sind voll der Einung. Aber der reinste ind vollkommene ist der Weg des Gebetes. Wer in seinem Feuer )etet, in dessen Kehle redet Gott selbst das innere Wort. Dieses st das Erlebnis; das äußere Wort ist nur sein Gewand. „Wie von trennenden Hölzern der Rauch emporsteigt, aber die schweren Teile im Boden haften und zu Asche werden, so steigt vom Gebet nur ler Wille und die Inbrunst empor, aber die äußeren Worte zerfallen /u Asche." Je höher die Inbrunst, je gewaltiger die Intentionskraft, \awwana, desto unbedingter ist die Vereinigung. „Es ist eine <roße Gnade von Gott, daß der Mensch nach dem Gebet am .eben bleibt; denn nach der Natur müßte er sterben, weil er seine (raft begraben und in sein Gebet eingetan hat wegen der Kawwana, iie er hegt. Er denke vor dem Gebet, daß er bereit ist, zu sterben im der Kawwana willen." Aber das Gebet soll nicht in Pein und ' Suße, sondern in großer Freude geschehen. Freude allein ist '/ahrhafter Gottesdienst. War die Ekstase der ^abbala nur ein Mittel, wandernde Seelen u lösen, dem Messias zg^ufen, der oberen Welt zu befehlen, so >t sie hier im Grunde sich selbst Sinn und Ziel geworden. Die Lehre des Baalschem fand bald Eingang ins Volk, das iirerldee nicht gewachsen war, aber ihr Gottesgefühl mitschwingend mpfing. Die Frömmigkeit dieses Volkes hatte von jeher einen Hang zum mystisch Unmittelbaren; sie nahm die neue Botschaft auf wie einen erhobenen Ausdruck ihrer selbst. Die Verkündung der Freude in Gott wirkte nach einem Jahrtausend freudenbarer, freudenfeindlicher Gesetzesherrschaft wie eine Befreiung. Dazu kam, daß das Volk sich bisher einer durchaus unfruchtbaren, der Wirklichkeit fremden, tatenlosen, aber nie angezweifelten „geistigen Aristokratie" von Talmudgelehrten gegenüber gesehen hatte. Nun wurde es mit einem Schlage von diesem Gegensatz erlöst und auf den eigenen Wert gestellt. Nun wurde ihm gesagt, nicht das Wissen entscheide über den Rang eines Menschen, sondern die Reinheit und Weihe seiner Seele; das ist: seine Gottnähe. Die neue Lehre kam wie eine Offenbarung dessen, was man bisher nicht zu ahnen wagte. Sie wurde wie eine Offenbarung aufgenommen. Natürlich sagte die Orthodoxie der neuen Ketzerei, der Chassidut, den Krieg an und führte ihn mit allen Mitteln, Bannspruch, Synagogenschließung und Bücherverbrennung, Gefangennahme und öffentlicher Mißhandlung der Führer, schrak auch vor Denunziationen an die Regierung nicht zurück. Dennoch konnte hier der Ausgang des Kampfes nicht zweifelhaft sein: die religiöse Starrheit konnte der religiösen Erneuerung nicht standhalten. Ein gefährlicherer Gegner erstand dieser später in der Haskala, der jüdischen Aufklärungsbewegung, die im Namen des Wissens, der Zivilisation und Europas gegen den „Aberglauben" auftrat. Aber auch sie, die die Gottessehnsucht des Volkes widerlegen wollte, hätte der Bewegung, die diese Sehnsucht stillte, nicht eine Fußbreite Bodens abzuringen vermocht, wenn nicht im Chassidismus selbst eine Zersetzung begonnen hätte, die ihn zu der maßlosen Entartung brachte, in die er heute versenkt ist. Ihre erste Ursache bestand darin, daß der Chassidismus auch nach außen hin eine Forderung des Unmöglichen war: daß er vom Volk eine seelische Intensität und Sammlung verlangte, die es nicht besaß. Er gab ihm die Erlösung, aber um einen Preis, den es nicht zahlen konnte. Als die Brücke zu Gott wies er eine Reinheit und Geklärtheit des Blickes, eine Spannung und Konzentration des geistigen Lebens, deren immer nur wenige fähig sind; er aber sprach zu vielen. Und so entstand aus der Seelennot des Volkes eine Institution von Mittlern, die Zaddikim (Gerechte) genannt wurden. Die Theorie des Mittlers, der in beiden Welten lebt und das Bindeglied zwischen ihnen ist, durch den das Gebet emporgetragen und der Segen herabgebracht wird, entwickelte sich immer üppiger und überwucherte zuletzt alle andere Lehre. Der Zaddik machte die chassidische Gemeinde reicher an Gottessicherheit, aber unendlich ärmer an dem einzig Wertvollen: dem eigenen Suchen und Eifern. Dazu kam der widerlichste äußere Mißbrauch. Zuerst wurden nur wirklich Würdige, meist Schüler und Schülersschüler des Baalschem, zu Zaddikim erhoben. Aber weil der Zaddik von seiner Gemeinde reichlich Lebensunterhalt bekam, um sich ganz seinem Dienst ergeben zu können, drängten sich bald niedrige Menschen zur Pfründe; und weil sie nichts anderes bieten konnten, verschafften sie sich durch allerlei erbärmliche Wundertuerei ein Anrecht. Allmählich entstanden richtige Dynastien von Zaddikim. Mochte deren Prachtliebe auch zuweilen der Größe nicht ermangeln, so riß doch zugleich eine unsägliche Gauklerei und Heuchelei ein, die die Reineren abstieß, die Bestimmbaren erniedrigte und die dunkelste Menge herbeizog. So artete der Chassidismus zuletzt in wüstes, lichtloses Sektenwesen aus. o o o o o o o : o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG m o o o o o ^ooooooo^ 1 alb j ahreskonf erenz der English Zionist Federation Die Halbjahreskonferenz des Zentralkomitees der English Zionist :ederation fand kürzlich unter Vorsitz des Sir Francis Montefiore ■tatt. Es waren 26 Vereine vertreten. — Da uns ein direkter Bericht icht zugegangen ist, folgen wir in unserer Darstellung den darauf ezüglichen Mitteilungen des „Jewish Chronicle". Die Sitzung nahm einen stürmischen, teilweise sehr erregten Verlauf. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, vorin er zunächst auf die traurigen Ereignisse in Rußland hinwies, ür die er sein tiefes Mitgefühl äußerte. Er fügte die Bemerkung hinzu, daß die Zionisten bei ihrer Beurteilung der schweren Leiden ihrer Brüder nichts sagen dürften, was diesen irgendwie schaden könnte .... Mehr denn je sei er gefestigt in seiner zionistischen Uberzeugung, in dem Vertrauen auf die industriellen und kulturellen Möglichkeiten Palästinas und seiner Zweckmäßigkeit für die Lösung der Judenfrage. Es sei sehr wichtig, hervorzuheben, wie absurd die Behauptung sei, die Zionisten machten keine praktischen Fortschritte und daß angesichts der Haltung des Sultans Palästina den Juden immer verschlossen bleiben müßte. Es sei allerdings wahr, daß Dr. Herzl zu keinem Übereinkommen mit dem Sultan gelangt sei, aber die Differenzen seien nicht so sehr aus dem Prinzip, als aus Details hervorgegangen. Nach seiner Meinung wäre der Zionismus noch nie in einer so günstigen Position gewesen wie gerade jetzt. Mit einem Appell zur Anspannung aller Kräfte schloß der Redner. Mr. Joseph Co wen als Berichterstatter des Exekutivkomitees erklärt, daß der Plan der Gründung eines zionistischen Blattes, eines East-End-Zentrums und die Anstellung eines honorierten Sekretärs aus Mangel an Geldmitteln unausgeführt bleiben mußten. Hierauf beantragte Sir Francis Montefiore eine Resolution, worin das Gefühl des Entsetzens über die schrecklichen Massaker in Rußland zum Ausdruck gebracht und das Exekutivkomitee aufgefordert A*0 v ■ H ii

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.