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Die Welt · 1906-07-27 · 30 (27.7.1906) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
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18 DIE 3§EE LT No. 30 London. Anläßlich des Todestages Herzls wurde vorige Woche ein großes öffentliches Meeting von den vereinigten Sharesklubs in Verbindung mit der English Zionist Federation in der Wonderland Hall abgehalten, dem Mr. Joseph Co wen präsidierte. M. Cowen eröffnete den Abend mit einer kurzen Ansprache. „Wir haben uns versammelt", sagte er unter anderem, „um des Todestages Herzls zu gedenken. Vielleicht wäre es richtiger, wenn wir sagen, daß wir hier zusammen sind, um das Leben Herzl durch unser Andenken zu ehren." Herzls Wirkung im Leben war eine ungeheure. Aber er hoffe, daß seine Wirkung nach seinem Tode nicht geringer sein werde. In seinen weiteren Ausführungen sprach er von dem ehrenvollen Gedächtnis, daß alle Juden heute den Namen Herzls bewahrten. Herr David Wo 1 f f s o h n, der sehr warm begrüßt wurde, beantragte eine Resolution, in der die Versammlung zum Gedächtnisse Theodor Hsrzls ihre unauslöschliche Dankbarkeit für die Dienste, die er dem jüdischen Volke geleistet, ausspricht und dem Gefühle tiefer Trauer darüber Ausdruck gibt, daß es Theodor Herzl, der in der Blüte seines Lebens hinweggerafft wurde, nicht vergönnt gewesen sei, das große Werk, das er so erfolgreich begonnen, zu vollenden. „Vor zwei Jahren" sagte er unter andern, „als wir unseren Herzl auf dem Döblinger Friedhof bestatteten, haben wir einen Eid geschworen, den Eid, den jeder Jude kennt: „Wenn ich dein vergäße, Jerusalem, möge meine Rechte welken!" Dieser Schwur war in der großen Trauer ein Trost für uns, denn er gab uns Hoffnung und Mut. Wenn wir uns bemühen werden, diesen Schwur zu verwirklichen, , so werden wir imstande sein, den letzten Wunsch Herzls zu erfüllen, den einzigen, den er uns aufgetragen hat: seine Gebeine nach Palästina zu überführen, in das Land, in dem die Zuversicht und die Zukunft unseres Volkes liegt. Ja, wir müssen uns diesen Eid oft wiederholen, oft unsere Hände erheben, um ihn feierlich zu bekräftigen. Immer daran denken, imuier dafür wirken, ihn zu erfüllen. Wenn wir nicht ruhen werden, wenn wir alles für unseretSache hingeben, dann werden wir aber nicht nur die sterblichen Überreste Herzls nach Palästina bringen können, nein, auch alles, was an ihm unsterblich war, — sein Geist, seine Ideale werden vor uns einherziehen, wie einst die Feuersäule vor unsern Urvätern. Was sollte ich, fuhr der Redner fort, Ihnen von Herzl erzählen? Soll ich Ihnen von Herzl dem Dichter sprechen, dem Künstler, von seiner reichen Begabung! Sie kennen ihn ja zur Genüge. Noch besser aber kennen sie Herzl, den Juden. Herzl war nicht nur der erste jüdische Politiker, er war auch der erste erfolgreiche jüdische Politiker, der viel geschaffen, viel erreicht hat. . ." Übergehend auf die gegenwärtige Zeit sagte der Redner: „Ich möchte Sie nicht erinnern an die furchtbaren Ströme Blutes, die wir haben fließen sehen. Aber daran möchte ich sie erinnern, daß Herzl uns den Weg gezeigt hat, wie wir aus diesem Blutmeer herauskommen können. . . Nein, Herzl ist nicht tot, wir müssen das große Erbe, das er uns hinterlassen, aufnehmen, wir müssen sein Werk fortsetzen, es vergrößern, es bereichern, es erfüllen. Es gibt keinen Weg für uns nach rückwärts, — nur vorwärts und aufs Ziel los! f(Beifall). — Eines Abends nach hartem Tagewerk — es war in London — sprach ich mit Theodor Herzl über die Fortschritte des Zionismus. Herzl sagte mir die prophetischen Worte: „Ich werde nicht mehr lange mit Euch sein; ich werde Euch nicht weiter führen." Nein, sagte ich darauf, er dürfe uns nicht verlassen, er stehe erst am Beginne des Werkes. Und darauf bekam ich eine Antwort, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. „Die Sache steht nicht so. Dh Bewegung ist begründet, wir haben unsere Organisation, unseren Kongreß, unsere Bank. Nicht ich bin es, den Ihr jetzt braucht, das Werk zu vollführen, nein, es steht alles bei Eurem Willen. Ihr selbst müßt den Willen für das Werk aufbringen. Und das, meine Damen und Herren, soll auch so sein, da uns Herzl verlassen hat. Nicht einer darf beiseite stehen, nicht einer müßig sein. Alle müssen helfen, alle arbeiten, Hand in Hand. . . Es gibt viele Wege, die nach Palästina gehen. Dieser Abend ist Herzl geweiht, und nur von Herzl will ich sprechen. So lassen Sie mich denn noch ein Wort hinzufügen. Wenn wir ernstlich und in Wahrheit das Werk, das er begonnen hat, zu Ende führen wollen, so kann es nur so geschehen, daß wir uns immer vor Augen halten, daß er wünschte, seine Gebeine sollten in dem Lande ruhen, nach dem sich seine Seele so sehr sehnte — in Palästina. (Lebh. Beifall). Nach Herrn Wolffsohn sprach Mr. Zangwill, der, mit Beifall begrüßt, sagte: „Die Resolution, die Herr Wolffsohn vorgeschlagen hat, ist von der Art, daß ich mit ihr übereinstimmen kann, obwohl es gerade in diesem Saale war, wo ich nach der Rückkehr vom letzten Zionistenkongreß das, was dort geschehen ist, einer Kritik unterzog." Aber Herzl, führt Redner fort, sei ein Name, den sie beide ehrten und der sie beide bei dieser Gelegenheit zusammenbrächte. Viele Leute sagten jetzt, was Herzl für ein wunderbar großer und edler Mann gewesen sei. Eine Persönlichkeit von Bedeutung aus der Londoner jüdischen Gemeinde hätte ihm jüngst bemerkt, was für ein großer Verlust doch Herzls Tod sei. Mr. Zangwill habe geantwortet: O ja, aber Sie haben geholfen, ihn zu töten, denn Sie haben sich seiner Bewegung nicht angeschlossen. Aber außer diesen seien noch andere dagewesen, die zu Herzls Tod beigetragen hätten. Er ziehe es jedoch vor, von denen zu sprechen, die Herzl geholfen hätten, zu leben. Der Redner widmet dann den persönlichen Beziehungen des Chairman Mr. Cowen zu Herzl warme Worte und fährt fort: Er könne sich des Gedankens nicht erwehren, daß auch manche von den eigenen zionistischen Freunden geholfen hätten, Herzls Tod zu beschleunigen. Er erinnerte an die Szene auf dem 6. Kongreß, wo Herzl um 1 Uhr morgens nach einer Sitzung, die den ganzen Tag gedauert hatte, auf der Tribüne stand und zu einer heulenden Menge sprach, die ihm „Verräter!" zuschrie, und wie Herzl versuchte, die Menge zu überzeugen, daß er für das Wohl des jüdischen Volkes arbeite. Es war ein großes Verbrechen des jüdischen Volkes, dem Führer nicht zu vertrauen, ihm nicht Zeit zu lassen, etwas vollständig auszuführen. Die Politik eiues Führers müsse immer diplomatisch sein und er müsse freie Hand haben. . . . Herr Wolffsohn und er repräsentierten verschiedene Ideen, aber ein großer Mann hinterlasse nicht eine, sondern oft mehrere Schulen von Anhängern, weil die eine Schule einen Teil, die andere einen andern Teil verstehe und beide erklärten, daß ihre Schule das lehre, was der Meister gefordert hätte. Ein großer Jude habe gesagt, daß ein Mensch nicht zwei Herren dienen könne, aber ein Herr könne zwei Diener haben. Dr. Herzl hätte solche zwei Schüler, Herrn Wolffsohn und ihn, die beide ihr Bestes täten, die großen Ideen, die Herzl in das jüdische Leben gebracht habe, auszuführen. Soviel man auch über die Differenzen zwischen ihm und Herrn Wolffsohn gehört habe, wären sie doch beide darin einig, daß das jüdische Problem keine philanthropische Behandlung, sondern eine politische erfahren muß und daß das nur durch einen großen Kolonisationsplan geschehen könne....... Herr Zangwill erging sich dann in Ausführungen über die gegenwärtige Lage der Juden, die die Begründung eines Gemeinwesens notwendig machten. Er schloß mit folgenden Worten: „Herzl ist gekommen, um die Würde des jüdischen Volkes, wo immer es auch sei, aufzurichten. Er sei gekommen, um die Juden mit dem Schall der Posaune aufzuwecken, sie aufzuwecken, um sie zu einem freien Volke zu machen. Und darum sollte man sich immer bei der Wiederkehr seines Todestages an diesen Posaunenschall erinnern und ihn im Gedächnisse bewahren. (Lebhafter Beifall). Hierauf sprach Mr. Greenberg. Er möchte an diesen Abend wieder einmal, wenn es überhaupt nötig wäre, seine Treue zu den Prinzipien Dr. Herzl's bezeugen. Das fiauptprinzip, dem Herzl vor allem gedient habe, sei das Prinzip der Einigkeit und Einigung des jüdischen Volkes gewesen. Mr. Greenberg habe sich bemüht dieses Prinzip zu fördern, als er bei seinen Kollegen im A. C. beantragte, die Brüsseler Konferenz einzuberufen. Was war das Resultat? Alle fast ohne Ausnahme, die geladen worden seien, der gemeinsamen Organisation beizutreten, hätten sich bemüht, Gründe zu suchen nicht für den Anschluß, sondern für die Verweigerung des Anschlusses. Ein Rechtskundiger, der Leiter einer jüdischen Organisation, hätte einen alten Paragraphen entdeckt, wonach der Anschluß für seine Organisation unmöglich sei. Ein anderer, der Präsident des Board of Deputies, fand darin, daß die Reisekosten für den Delegierten nach Brüssel gezahlt werden müssen, einen Stein des Anstoßes. (Entrüstungsrufe) Was könne man von solchen Männern erwarten?... Wenn ihn noch etwas mehr hätte bestärken können, zu dem heutigen Meeting zu kommen, so sei es die Tatsache, daß auch Mr. Zangwill heute da sei. Er begrüße die Ge: legenheit der Welt zu zeigen, daß, so sehr er und Mr. Zangwill sich unterscheiden mögen, doch jedes persönliche Moment ausgeschlossen sei — und er wünschte, daß diese Lehre sich auch Personen in andern Lagern zunutze machen. Er sei auf dieser Tribüne mit Mr. Zangwill zugleich erschienen, nicht weil die Zionisten ihre Prinzipien geändert hätten, sondern, weil sie hofften, daß sie infolge der Umstände jetzt in der Lage seien, ihre Praxis zu ändern und daß sie Mittel finden würden zusammen zu arbeiten, anstatt Gelegenheiten zum Streit zu suchen. Das bedeute nicht, daß die Zionisten ein Jota von ihrer Überzeugung aufgegeben hätten, es heiße nur, daß sie eine gemeinsame Platform zu finden hoffen, gemeinsame Mittel, die sie in den Stand setzen würden, Schulter an Schulter für die Sache des bedrückten Volkes zu arbeiten. (Beifall.) Es sprachen noch einige Redner, worauf die Resolution mit enthusiastischem Beifall angenommen wurde. Die Versammlung hatte ein kleines unangenehmes Vorspiel. Es wurde einer Anzahl von Zionisten von einem territorialistischen Ordner der Eintritt zu der von Zionisten veranstalteten Gedenkfeier verwehrt. (!) Erst das Dazwischentreten von Mitgliedern der zionistischen Leitung machte dieser ganz seltsamen S?ene ein Ende.

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