Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 — -D1E3 annehmen, zu welchen ihn sein Sehnen treibt, die Allüren der „Edelsten und Besten der Nation". Nicht zuletzt diese Entwicklung zeitigte das Werden und Vergehen der Parteiungen in den Grenzen des Liberalismus, dieser immer unnatürlicher werdenden Ehe zwischen Juden und Christen. Heute Sezession, morgen Nationalliberal, dann Fortschritt und Freisinn, Volkspartei und Vereinigung und schließlich das lächerliche Zerrbild von heute, bei dem die Juden und ihre parlamentarischen Vertreter eine Rolle spielen, für die die Geschichtsschreibung nur ein passendes Wort finden wird — erbärmlich! Die Stellung der Juden im parlamentarischen Leben ist augenblicklich vernichtet. Die paar Konzessionsjuden kommen nicht in Betracht; denn sie sind tatsächlich nur Ein- und Aufdringlinge, die man gar nicht gewünscht hat und die ihre Sesselchen nur dadurch sich erhalten, daß sie sich ihrer Mannheit auf Grund von Fraktionsbeschlüssen, die ihnen in Judensachen den Mund verbieten, entäußern. Das hätten die Jacobi, Lasker, Bamberger, Lowe erleben müssen! Bei aller Gegnerschaft gegen ihre parteipolitische Stellung wird man ihnen die Achtung niemals versagen dürfen: sie stellten stets und überall im Parlament ihren Mann als Juden! Wir haben somit heute ein ganz klares Bild vor uns: Die Arbeiterschaft rückt in Massen nach links zur Sozialdemokratie; der Mittelstand, der sich so gern vor der Proletarisierung retten möchte, die Beamtenschaft und die materiell und sozial gesättigte christliche Bürgerschaft rücken nach rechts. Es liegt für die Regierung gar kein Grund vor, an dem zum Wesensscheine gewordenen Parlamentarismus noch etwas zu ändern. Daher behält der freie, deutsche, christliche, biedere Bürgersmann sein Spielzeug und — bleibt ruhig, in dem Wahne, er habe etwas zu sagen. Den Juden kann er nicht mehr brauchen und hat ihn definitiv abgeschüttelt. Das bißchen Volkspartei hat den Eintritt der paar jüdischen Volksmänner nur notgedrungen gestattet, weil die willige Heeresfolge der Juden in Frage stand. Was also tun? Zur Sozialdemokratie werden sich die^ Massen der Juden nicht bekehren, in dem Sinne etwa, wie früher Fortschrittspartei und Judentum parteipolitisch identisch waren. Ihre wirtschaftlichen Interessen führen sie nicht zu ihr. Die Tage des Freisinns, vor allem der Volkspartei, sind gezählt, zumal die Juden sich von ihr verraten sehen. Programmlos und prinzipienlos siecht er dahin. Der große liberale Zusammenschluß, wofern er überhaupt zustande kommt, wird den Juden auch kein dauerndes und vor allem kein anständiges Asyl gewähren. Die einst für Ehre, Freiheit und Vaterland gefochten, die christlichen Kämpfer, sie haben ihre Ehre, ihre Freiheit, ihr Vaterland. Sie haben ihre Volksrechte, die ihnen von der grimmigsten Reaktion von rechts her nicht bestritten werden. Nur will man die Juden nicht mehr in seiner Mitte haben, das aufsteigende christliche Bürgertum wird also fortan immer judenrein bleiben, unter welcher politischen und sozialen Flagge es sich auch vereinigen möge. Auf diesen toten Punkt ist das Judentum gelangt dank der Politik der Freisinnsjuden, die in einer Zeit, in der durch positive Arbeit Werte zu schaffen waren, öden Negativismus trieben und der gesamten christlichen Gesellschaft einen leichten Vorwand gaben, sich von den Juden loszusagen und der Brandfackel antisemitischer Hetzer zu folgen. Um nun den Weg zu finden, den die Judenschaft in Zukunft wird zu gehen haben, ist es notwendig, daß sie sich über Wesen und Wert ihrer jetzigen politischen Führer und der Parteipolitik, die diese befolgen, völlig klar wird. Die politische Arbeit der letzten Jahrzehnte hat uns Juden in Deutschland nicht nur nicht gefördert, sondern sogar geschädigt. Und diejenigen Juden sogar, die in führenden Parteistellungen sich bewegen, haben nur ein politisches Scheindasein: sie haben tatgELT - No.29 sächlich keinen Einfluß auf den Gang der Parteigeschäfte. Und selbst in den Kommunen, in denen sie zu herrschen glauben, versteht man es, sie beiseite zu drücken. Im Parteileben weist man ihnen die niederen Botendienste zu, man macht sie wohl auch zu Vorstandsmitgliedern. Der jüdische Kassenwart ist zur ständigen Ehrgeizbefriedigungsfigur geworden. Der Jude darf den auswärtigen Parlamentsredner von der Bahn abholen, er darf Resolutionen verlesen und wohl auch einmal in ihrer typischen Langatmigkeit verfassen. So nährt man die Eitelkeit kleiner Naturen und hält ihr Interesse für die Partei wach. Die höchste Bewunderung aber erregen die Juden in ihrer Gefolgschaft, wenn sie durch irgendwelche scharfe Kritik anderer Parteien sich die Finger verbrennen, dann stehen sie da als volle und ganze Männer! Diesem bedeutungslosen Treiben gegenüber, das nur solche verkennen, die den Kern von der Schale nicht zu unterscheiden vermögen, muß das aufstrebende Judentum betonen, daß es seine erste Aufgabe ist, diese Hemmnisse, diese Karikaturen von Politikern zu beseitigen. Nur vorübergehend soll die absolute politische Abstinenz sein, bis die Reste des antisemitischen Liberalismus und ihre jüdischen Schleppenträger verschwunden sind. Die große Erziehungsstätte der heranwachsenden Jugend, der Zionismus, sorgt für eine bessere Generation, als es die jetzt herrschende ist. Die Entsagung von der politischen Agitation wird zwar manchem Bezirksvereinsredner hartankommen und manchen, der von der neu-israelitischen Krankheit des „Sichbetätigens" erfaßt ist, schmerzen, aber ihrer harrt eine bessere, segensreichere Arbeit, die für das Judentum. Auch sie werden in der Zeit der Muße erkennen* daß ihre Stellung bisher keine beneidenswerte war, daß sie keine Achtung verdient, und sie werden, selbst wenn sie den national-jüdischen Standpunkt nicht billigen, einsehen, daß nur der aufrechte, selbstbewußt-stolze Jude ein guter, brauchbarer Staatsbürger sein kann. Auf Kreaturen ist kein Verlaß. Und Kreaturen bleiben die, die ihre Mannesehre nicht selbst verteidigen. Auch wenn wir, das ewige, auserwählte Volk, eine Reihe von Jahren keinen jüdischen Vertreter in unseren Parlamenten haben werden, wird diese Zeit, eine Zeit der Sammlung, für uns fruchtbringender sein, als der jetzige kranke Zustand es ist. Sehen wir doch ein wenig über die deutschen Grenzen hinweg! In allen Parlamenten der Welt — mit Ausnahme eben des deutschen — hat man nach Bjelostok Sympathie für das Judenvolk empfunden. In allen Parlamenten der Welt traten Juden für unser Volk auf, — nur die deutschen Freisinnsjuden schwiegen. In diesem Schweigen liegt ein Programm, das uns, die anderen Juden, dazu führen soll, den ganzen Parteischutt fortzuräumen. Judenpolitik müssen wir treiben, wie — wenn wir z. B. das konfessionelle Moment heranziehen — die Protestanten und die Katholiken ihre Politik treiben, ohne dabei auch nur im entferntesten ihr Deutschtum zu opfern. Es werden sich Wege finden, einen oder zwei Vertreter des Judentums in die Parlamente zu bringen, wenn erst die Judenmasse zeigt, daß sie bei dem heutigen Tanze nicht mehr mittut. * * * Die Juden aller Parlamente der Welt aber sollten ferner sich vereinigen, ihre Regierungen zu bewegen, die so brennend gewordene Judenfrage gelegentlich der nächsten Haager Konferenz zur Sprache zu bringen. Das deutsche Parlament und vor allem die deutschen Parlamentsjuden werden sich naturgemäß auch von einer derartigen Bewegung fernhalten. Denn was in Österreich und Rußland, in Holland, England und Amerika Juden als Ehrenpflicht für ihr Volk betrachten, kann unseren deutschen jüdischen Volksvertretern nie und nimmer als solche erscheinen, weil sie den Juden in sich nicht so fühlen, wie die parlamentarischen Vertreter anderer Konfessionen und Nationen den Christen und Nationalen in sich fühlen.