Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X, JAHRG. KÖLN, 20. JuÜ 1906 p^rf? lWc* TIQH'V'd No. 29. ZUR NATURGESCHICHTE DER DEUTSCH-JÜDISCHEN PARTEIPOLITIK Von Dr. Karl Kassel (Posen) Solange die Juden im vorigen Jahrhundert für ihre formale Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern kämpften, fanden sie sich mit demjenigen Teile der christlichen Bürgerschaft zusammen, der auch einen Kampf für seine bürgerliche Gleichstellung gegenüber den Standesvorrechten führte. Der Bürgerstolz bäumte sich in dem einen auf, die Sehnsucht nach Menschenwürde in dem andern. Hatte doch der gute schwache Friedrich Wilhelm III. unseren Vorfahren versprochen, ihnen das Bürgerrecht zu verleihen, ein Versprechen, das zu brechen er sich zwingen ließ durch den Widerstand der christlichen Großen. Doch nur wenige Jahre dauerte es, bis Juden und christlichdeutsche Bürger sich zur Revolution eng aneinander schlössen, — alles für das Volk, alles durch das Volk. Die Interessengemeinschaft hatte sie zusammengeführt: der deutsche Volkskaiser, in der Revolution geschaffen als Repräsentant des gesamten freien, einigen Volkes, war ihr Ideal. Doch freilich fand dieses gar bald eine arge Einschränkung, als das Proletariat auf dem Plane erschien. Hand fort! So hieß es für dieses. Und dieser Fehler, diese Kurzsichtigkeit rächte sich bitter. Gerade heute, wo der Gedanke des Sozialismus die weitesten Kreise ergriffen hat, der als rein bürgerlicher Sozialismus gar keine Zukunft hat, ist man berechtigt, rückblickend zu sagen, daß eine Interessen Verbindung des Bürgertums und des Proletariats damals der ganzen heutigen Parteientwickelung der Reaktion 'gegenüber ein ganz anderes, gesünderes Gepräge gegeben hätte. Die bürgerliche Revolution siegte. Der gute biedere, deutsche Bürgersmann blieb unter der Fahne des Liberalismus und trat in seine eben erlangten Rechte. Für das jüdische Anhängsel fiel auch etwas ab: die papieme Verfassung hatte die Gleichstellung aller Bürger ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses festgelegt. Es wäre doch zu undankbar gewesen, wenn der deutsche Patriot seine jüdischen Mitstreiter für die Einheit und Freiheit Deutschlands so verkauft hätte, wie anno 13—14. Die Kampfgenossen blieben also treu zusammen. Und die Juden stellten ihre tüchtigsten Köpfe in den Dienst der konstitutionellen Parteien. — An dem wirtschaftlichen Aufschwünge, welcher namentlich nach dem letzten Kriege eintrat, hatten nun Juden und Christen gleichen Anteil, beiden floß Gold in Massen zu. Das Lied von der Proletarisierung der Massen gilt längst als veraltet: wir beobachten in allen Kreisen Deutschlands eine Besserung des Lebenshaushalts. Eine scheinbare — und nur eine solche — Ausnahme macht der Beamtenstand, welcher durch erhöhte gesellschaftliche Pflichten, die in keinem Verhältnis zu seinem Einkommen stehen, vielfach auf ein gewisses Verpoverungsniveau gedrückt ist. Aber auch hier greift der Staat helfend ein durch weitgehende Versorgung der Kinder in Beamten-und Beamtinnenstellung, in Offizierskörpern, durch Stipendien beim Studium, Bevorzugung bei Anstellungen usf. Dieser ganze, nicht zu unterschätzende Kreis ist die Kerntruppe der Judenhasser und Judenneider. Ihr schließt sich die große Masse der kleinen Handwerker und Kaufleute an, welche nicht in der fortschreitenden Entwickelung der Industrie und des Handels den Grund für ihre Proletarisierung finden, sondern ausschließlich in dem Vorhandensein der bösen Juden. Beide Gruppen, die die Erhaltung ihres Lebens nur von der Regierung erwarten, sind die natürlichen Bundesgenossen aller der Parteien, denen die konstitutionelle Regierung ein Dorn im Auge ist und die in den Juden die wesentlichsten Förderer und Erhalter des konstitutionellen Gedankens sehen. Inzwischen ist neben der materiellen Besserung eine außerordentliche soziale Hebung des christlichen Bürgerstandes eingetreten. Der Beamtenapparat wuchs ins Riesenhafte. Heer und Marine stellten immer größere Ansprüche für den Unteroffiziers- und Offiziersersatz. Zur Befriedigung der Bedürfnisse des wachsenden Reiches, namentlich an Letztgenannten, mußte das veraltete Privileg des Amts- und Heeresadels durchbrochen werden. So trat der christlich-deutsche Bürger in engere Beziehung und Interessengemeinschaft zu den früher exklusiven Kreisen. Offiziers- und Beamtenstand sind also, trotzdem in ihnen die alte Kaste des Adels noch immer die bevorzugte ist, demokratisiert worden, aber rein christlich demokratisiert. Die jüdische Konkurrenz ist ausgeschlossen und wird es bleiben, da der Staat die Mittel besitzt, die Lücken, welche sich heute etwa zeigen (Richter, Lehrer, Militärärzte) im Laufe weniger Jahre durch genügende Subvention auszufüllen. Der christlich-deutsche Bürger, der für Freiheit und Einheit des Vaterlandes gekämpft, ist also in jeder Hinsicht gesättigt und rückte allmählich gesellschaftlich und parteipolitisch von seinen ehemaligen Bundesgenossen ab. Er stieg empor und mußte die Allüren derer