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Die Welt · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Neue Pogrom-Agitationen Die „Rjetsch"teilt mit, daß in Rostow am Don sich eine gesteigerte Agitation, die auf neue Judenhetzen abzielt, bemerkbar macht. Die Flugblätter der schwarzen Bande „Medjwedj" und „Wersche" werden unter dem Volke mit Unterstützung der Polizei verteilt. Nachts hört man Schüsse von Provokatoren. In Kischinew explodierte eine Bombe im Hause eines Juden. Kruschewan predigt daraufhin in seiner Zeitschrift „Drug" den Rachezug gegen alle Juden. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht wieder Panik. Der Ministerrat in Petersburg erhielt die folgende Depesche von der jüdischen Bevölkerung der Stadt Hornel: „Die Polizei und die Kosaken schlagen in den Straßen die friedlichen Einwohner. Einen unschuldigen jungen Mann von 21 Jahren haben sie getötet. Während der Untersuchungen schlägt man die Verhafteten und auch Unschuldige, und schont auch Kinder und Greise nicht. Da das Benehmen der Polizei an die Schreckenstage vom Januar erinnert, wo die ganze Stadt vernichtet und geplündert wurde, bitten wir Eure Exzellenz, die ungesetzliche Tätigkeit der Polizei zu unterdrücken." Petersburg, 15. Mai. Der „Birshewija Wjedomosti" wird gemeldet, daß in Reschitza Unterschriften für die Beteiligung an einer Juden vertreib ung gesammelt werden. Juden im ungarischen Parlament Das neue ungarische Abgeordnetenhaus wird viel weniger jüdische Mitglieder haben als das vorige. Während das vorige Abgeordnetenhaus 21 jüdische Reichstagsdeputierte zählte, besitzt das neue nur 15 Juden. Der Parteistellung nach gehören von ihnen 10 zur Kossuthpartei, einer zur Verfassungspartei, 3 bilden die Demokratenpartei und einer ist der einzige neuorganisierte (nationale) Sozialist des ungarischen Parlaments. Ministerpräsident Prinz Hohenlohe hat unter anderen Persönlichkeiten auch den Reichsratsabgeordneten Dr. Straucher empfangen und von ihm die Wünsche der Bukowina entgegengenommen. Dr. Straucher hat bei diesem Anlasse den Ministerpräsidenten auch über die Forderungen der Juden informiert. Bei dieser Gelegenheit weist die Wiener „Nationalzeitung" auch auf die Blättermeldungen hin, wonach zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Obmann des Polenklubs, Grafen Dzieduszicky in der Beurteilung des Zionismus Differenzen beständen. Da man nach der Erklärung des Abgeordneten Dr. Byk, daß Graf Dzieduszicky die auch von uns seinerzeit registrierte zustimmende Äußerung über den Zionismus nicht getan habe, wogegen die beiden Herren, welche die fragliche Unterredung mit dem Obmann des Polenklubs hatten, die Tatsache dieser Äußerung wiederholt bestätigen, nicht recht weiß, welche Ansicht Herr Graf Dzieduszicky über den Zionismus heute hat, so ist es auch nicht ganz klar, welcher Art die angeblichen Differenzen zwischen den beiden führenden Poitikern sind. Von der russischen Duma Nach der „Strana" verteilen sich die Mitglieder der Reichsduma auf folgende Nationalitäten: 336 Russen, 52 Polen, 14 Juden, 11 Tartaren, 7 Litauer und Letten, 5 Esthen, 4 Deutsche, 2 Baschkiren, 2 Moldauer, 1 Tschuwasche, 1 Bulgare und 1 Armenier. Das sind 442 Mitglieder. Die Zahl der Abgeordneten ist noch nicht genau festgesetzt, doch dürfte dieselbe, wenn alle gewählt sind, 511 betragen. Die Beilegung des englisch=türkischen Grenzkonfliktes Die Pforte hat endgültig die englischen Forderungen angenommen. Aus Konstantinopel wird telegraphiert: In Beantwortung der Mitteilung des britischen Botschafters O'Connor, welche die letzte türkische Note für in der Form unbefriedigend erklärte, hat die Pforte nunmehr die endgültige Annahme der britischen Forderungen notifiziert. Der Annahme der britischen Forderungen ging die Überreichung einer englischen Note voraus, in der der Pforte eine neue 24stündige Frist gegeben wurde. Die Note soll erklärt haben, daß die Herstellung des Status quo England nicht genüge, sondern daß dieses eine genaue Grenzregelung wolle. Wenn die Pforte dies nicht annehme, werde England selbst die Grenzregulierung durchführen. Auf diese hat der Yildiz eine Note gesandt, die nicht befriedigte, weil sie nicht auf offiziellem Wege übersandt war. Dann erging von Seiten der Türkei abermals eine Mitteilung auf nicht offiziellem Wege, die aus diesem Grunde ebenfalls nicht angenommen wurde, bis schließlich die unbedingte Annahme der englischen Forderungen erfolgte. Im Unterhause machte Sir Edward Grey unter Beifallskundgebungen des Hauses davon Mitteilung, daß von der Pforte eine befriedigende Antwortnote eingegangen sei, und führte dann aus: Die Pforte hat dem Botschafter in Konstantinopel Sir N. O'Connor zur Kenntnis gebracht, daß Tabah und alle anderen Plätze in der Nähe, die neuerdings von türkischen Truppen besetzt worden waren, geräumt seien. Späterhin ist eine Note eingegangen, in der erklärt wird, daß die Pforte das Telegramm vom 8. April 1892 nicht in Abrede stelle, daß ferner eine gemischte Kommission zur Ausführung einer topographischen Aufnahme und Herstellung einer Karte ernannt werden solle, um bei der Grenzfestung den Status quo au! der Grundlage besagten Telegrammes zu wahren, und daß die Grenzlinie von Bufeh in südöstlicher Richtung nach einem Punkt in einer Entfernung von nicht unter drei Meilen von Akaba laufen solle. Die Regierung hat diese Antwort auf ihre Note angenommen, und sie berechtigt zu der wohlbegründeten Hoffnung, daß man in allen Punkten zu einer befriedigenden Lösung gelangen wird. Drohende Ausweisungen aus Osterreich Wien. Dem Abgeordnetenhaus ist eine Interpellation Sturm (christl.sozial) zugegangen, die unter Hinweis auf die Ausführungen des preußischen Ministers des Innern, die durchaus zw billigen seien, die Regierung fragt, was sie gegenüber den Gefahren der Masseneinwanderung jüdischer Staatsangehöriger aus Rußland zu tun gedenke. Protest gegen die Ausweisungen aus Galizien Die brutale Ausweisung russischer Juden aus Galizien veranlaßte den jüdischpolitischen Verein „Schomer Israel", in einer am 12. d. M. in Lemberg stattgefundenen Massenversammlung gegen dieses Vorgehen der politischen Behörde zu protestieren. Sämtliche Redner wendeten sich in scharfen Worten gegen die Art der Ausweisung. Es wurde beschlossen, dafür zu sorgen, daß den Aus gewiesenen entsprechender Rechtsschutz gewährt werde. Ferner wurde beschlossen, bei der Regierung wegen Einstellung beziehungsweise Milderung des Ausweisungsverfahrens intervenieren zu lassen. Jüdische Lehrerversammlung in Rumänien. Braila, 8. Mai. Am 6. und 7. Mai fand in unserer Stadt der erste jüdische Lehrerkongreß statt, unter Präsidium des Herrn Rosenbaum, Präs. der zionistischen Föderation. Nebst den Lehrern beteiligten sich Mitglieder der Gemeinde und des Schulkomitees. Auch die Rabbiner Dr. Nacht, Dr. Beck, Tumim, Dr. Niemerova waren zugegen. Von sehr großem Interesse für den hebräischen Unterricht und unsere nationale Sache war die von Rabb. Dr. Nacht in geradezu meisterhafter, glänzender Rede verteidigte Unterrichtsmethode Ibrith Beibrith. Dieselbe wurde vom Kongreß gutgeheißen und eine Kommission mit der Ausarbeitung eines Programms betraut. Um das Zustandekommen des Kongresses erwarben sich besondere Verdienste die Herren Dr. Neshoviam und J. Goldberg. Für die marokkanischen Juden Die Sammlungen der „Alliance Israelite Universelle" für die notleidenden marokkanischen Juden haben bis zum 10. ds. Mts. 25400 Frcs. ergeben. Hiervon sind 6100 Frcs. von der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance beigesteuert worden. Die Wirkung des englischen Fremdengesetzes Das Fremdengesetz wird denen, die nach England übersiedeln wollen, kaum noch lästig. Eine Statistik über die Handhabung des Gesetzes in den ersten drei Monaten nach seinem Inkrafttreten läßt erkennen, daß Herbert Gladstones Einschränkungen mildernd gewirkt haben. Im Januar trafen in England 21986 Ausländer ein, von denen 202 beanstandet und 89 definitiv zurückgewiesen wurden. Im Februar betrug die Zahl der Ankömmlinge 22 215, von denen 132 beanstandet und 50 zurückgewiesen wurden. Im März stieg die Zahl der Einwanderer auf 39 815, und von dieser großen Zahl wurden nur noch 77 beanstandet und 29 definitiv zurückgewiesen. Während so die Abweisung von Einwanderungslustigen zurückgegangen ist, sind die richterlichen Ausweisungen von Ausländern, die sich strafbar gemacht haben, gestiegen. Im Januar fand nur eine derartige Ausweisung statt, im Februar 19 und im März 27. Briefkasten der Redaktion H. R., Semlin, Warna: Besten Dank und Zionsgruß. W. 1906. Landeskomitee für Österreich, Wien. IX, Türkenstraße 9. Redaktion: Berthold Feiwel, A. Coralnik. — Verantwortlicher Redakteur: Julius Berger. — Druck von M. DuMont Schauberg, Köln

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