Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316205--48101-3343014
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Kongresse immer mehr Zeit und Kraft erforderte, ist auf dem 5. und 6. Kongreß beschlossen worden, daß die Kongresse nur alle zwei Jahre abgehalten werden und daß das Wahlrecht auf Gruppen von 200 Schekelzahlern beschränkt werden spll. Die Zahl der organisierten Zionisten betrug im Jahre 1898 78000 und ist jetzt auf 200 000 gestiegen, so daß die zionistische Organisation sämtliche jüdischen Organisationen der Welt bei weitem überflügelt hat. Dementsprechend hat sich die Zahl der Delegierten, die an den Kongressen teilnahmen, von 204 im Jahre 1897 (1. Kongreß) auf 650 im Jahre 1903 (6. Kongreß) und 800 im Jahre 1905 (7. Kongreß) gehoben. Insbesondere die letzten beiden' Kongresse führten viele Hunderte von Gästen und Journalisten nach Basel, so daß sich die Zahl der Kongreßteilnehmer auf 2500 steigerte und die Kongresse damit den Charakter allgemeiner jüdischer Volkstage erhielten. Der Kongreß wählt aus seiner Mitte das engere Aktionskomitee und das große Aktionskomitee. Das engere Aktionskomitee hat in Gemäßheit der Beschlüsse der Kongresse die Leitung der Bewegung bis zum nächsten Kongresse zu führen. Es bestand früher aus 5 Personen, an deren Spitze der Schöpfer des modernen politischen Zionismus, Dr. Theodor Herzl in Wien, stand. Nach seinem Tode ist der Sitz des Aktionskomitees nach Köln a. Rh. verlegt worden. Präsident desselben ist David Wolffsohn. Das engere Aktionskomitee hat in wichtigen Angelegenheiten das große Aktionskomitee zusammenzurufen. Letzteres besteht aus den Vertretern sämtlicher Landsmannschaften, die auf dem Kongreß durch Delegierte vertreten waren, und wird ebenfalls vom Kongreß gewählt. Es zählt zuzeit 60 Mitglieder. Um der zionistischen Bewegung die erforderliche juristische Grundlage zu schaffen, wurde im Jahre 1900 die Jüdische Kolonialbank in London gegründet. Sie soll als das finanzielle Instrument der Bewegung alle auf die Erwerbung und Erschließung Palästinas und seiner Nachbarländer gerichteten zionistischen Bestrebungen finanziell unterstützen. Die zionistische Organisation hat sich durch das Statut der Bank einen maßgebenden Einfluß auf dieselbe gesichert. Die Aktien lauten auf 1 £ 20.40 JC, so daß auch der Unbemittelte eine Aktie erwerben kann. Die Jüdische Kolonialbank verfügt über ein Kapital von 270 000 Pfd. 5 400000 Ji. Da die Bank sich statutengemäß mit Spekulationsgeschäften nicht befassen darf, kann sie nur eine verhältnismäßig geringe Dividende verteilen. Dieselbe betrug im letzten Jahre 2Wo. Eine Tochtergesellschaft, die Anglo Palestine Company in Jaffa und Jerusalem mit einem Kapital von 1 000 000 Jl, unterstützt die besonderen Zwecke der Bank in Palästina. Sie legt besonderen Wert auf die Hebung des jüdischen Kreditwesens und jüdischer industrieller Unternehmungen in Palästina. Um den Verkauf der Aktien zu erleichtern, bestehen an vielen Orten Shareklubs, d. h. Vereine, welche gegen Teilzahlungen von wöchentlich 25 Pfg. Aktien abgeben. Ebenso wie die Jüdische Kolonialbank dazu bestimmt ist, der jüdischen Volksbewegung die Erreichung ihres politischen Zieles, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, zu erleichtern, ist der Jüdische Nationalfonds gegründet worden, um nach Erreichung genügender rechtlicher Garantien den Ankauf des Grund und Bodens in Palästina vorzubereiten. Der Jüdische Nationalfonds besteht seit dem Jahre 1902 und hat zur Zeit ein Vermögen von 1 000 000 Mk., das sich jährlich um vier- bis fünfhunderttausend Mark vermehrt, und zwar teilweise durch Eintragungen von Vereinen und Privatpersonen in das Goldene Buch. Die Verwaltung des Nationalfonds befindet sich in Wien. ähnlichen Zwecken dient die Ölbaumspende. Von ihrem Ertrage sollen auf Ländereien, die aus Mitteln des Nationalfonds in Palästina gekauft werden, Ölbäume angepflanzt werden, da Olivenkulturen einen guten Ertrag gewähren und sehr leicht zu bestellen sind. Die Kosten eines Ölbaumes belaufen sich auf nur 6 Mark. Die Zionistische Organisation gibt ein Zentralorgan „Die Welt" heraus. Dieselbe erschien früher in Wien, jetzt in Köln. Außerdem erscheinen in fast allen Ländern nationaljüdische Zeitungen, darunter auch mehrere Tagesblätter. Eine besonders große Verbreitung hat die zionistische Presse in hebräischer und jüdisch-deutscher Sprache gefunden. Manche Organe zählen bis 100 000 Leser. Zur Förderung der nationaljüdischen Literatur wurde im Jahre 1902 der „Jüdische Verlag" in Berlin-Charlottenburg gegründet. Er gibt Werke modern-jüdischen Inhalts heraus, die allgemeinen Anklang gefunden haben. Insbesondere die von ihm herausgegebenen Kollektivwerke, wie der „Jüdische Almanach" „Jüdische Künstler" oder „Junge Harfen", geben einen Einblick in die mächtig emporblühende, dichterische und wissenschaftliche Produktion der nationaljüdischen Kreise, eine Produktion, die sich aller Kultursprachen bedient, hauptsächlich aber der zwei Nationalsprachen, des Hebräischen und Jüdischen. Parallel mit der nationaljüdischen Literatur entwickelt sich die nationale Kunst der Juden. Öberraschend ist die Fülle der Talente, die auf dem Gebiete der Malerei und der Plastik, sei es durch Wahl jüdischer Stoffe, sei es durch die charakteristische Art der Behandlung, das Bestreben kundgeben, ihrer Rasse einen hervorragenden Platz in der Kunst zu erobern, durch ihre Werke das jüdische Volksbewußtsein zu wecken und zu stärken. Spezielles Interesse verdient das Bestreben, durch Schaffung eines jüdischen Kunstgewerbes in Palästina nicht nur den nationalen Kunstinteressen zu dienen, sondern auch den dort ansässigen Juden eine neue Erwerbsquelle zu eröffnen. Dieser Aufgabe hat sich die Gesellschaft „Bezalel" gewidmet. Mit der geistigen Wiedergeburt des jüdischen Volkes geht unter dem Einflüsse und dank der zielbewußten Initiative der Leiter der jüdischen Volksorganisation die physische Wiedergeburt Hand in Hand. Ebenso wie sich Aufklärungsvereine, Volkskurse, Lesehallen für die jüdischen Massen an die nationale Bewegung angliedern, wachsen aus ihr die jüdischen Turnvereine hervor, welche dem neuen Judengeschlechte jenes hygienisch so bedeutsame Gleichgewicht zwischen Geist und Körper, jene physische Widerstandskraft und Strammheit des Wesens sichern, an denen es den früheren Generationen mangelte. Noch sei zum Schlüsse einer jüdischen Volksinstitution gedacht, deren Entstehen charakteristisch ist für das neuerwachte Interesse der Juden an ihrer Gemeinschaft. Es ist dies der Verband für Statistik der Juden. Seine Gründungen und Publikationen, das jüdisch-statistische Bureau, die Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden, die Sammelwerke und Monographien verschaffen der jüdischen Gesamtheit die Kenntnis ihrer Verhältnisse, den Wohlfahrtsorganisationen die Informationsbasisfür ihre Tätigkeit. Die Nützlichkeit dieser Institution ist allgemein anerkannt worden, was schon aus dem Umstände erhellt, daß die offiziellen Vertretungen der Judenheit, die jüdischen Gemeinden und großen Gesellschaften, sie finanziell unterstützen. Dieses freundschaftliche Einvernehmen zwischen den jüdischen Volksinstitutionen und den Korporationsvertretungen der Juden, die Anerkennung und Förderung der ersteren durch die letzteren wird sich zweifellos von Jahr zu Jahr ausdehnen. Denn man mag über die letzten Ziele der jüdischen Volksbewegung denken, wie man will, kein einsichtiger Jude wird es heute leugnen, daß diese Bewegung um die Erhaltung und Neubelebung des Judentums, dem extreme Assimilation, wirtschaftlich-gesellschaftlicher Daseinskampf und die Epidemie der Taufe mit völliger Zerrüttung drohten, wesentliche Verdienste sich erworben hat. Allmählich und unmerklich hat sie die früher neutralen jüdischen Kreise und Organisationen in das Fahrwasser des bewußten Judentums hineingezogen. Vor allem aber hat sie das heranwachsende Geschlecht für das Judentum gerettet; dieses Geschlecht, das von ihr fast völlig beherrscht, wird das Judentum für die nationale Bewegung retten. So gehört ihr die Zukunft. Und Hand aufs Herz, ihr Herren von der älteren Judengeneration; wer von euch fühlt sich nicht innerlich angeheimelt und angezogen, wenn er diese frisch-pulsierende Bewegung beobachtet, wenn er die altjüdischen Volksinstitutionen wieder erstehen sieht, wenn vor seinen Augen der Traum seiner Väter Körper gewinnt: der Jude unter seinem Feigenbaum im alten Judenlande?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.