Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Ähnliche Vorkommnisse werden aus Mohilew und vielen anderen Städten gemeldet, wo die Reaktionäre mit Pogromen als Racheakte für die Siege der Konstitutionell-Demokraten drohen. Neue Ausweisungen aus Berlin haben nach Berichten Berliner Bläser in den letzten Tagen stattgefunden. Es sollen über 2000 Russen (lies: russische Juden) teilweise mit ihren Familien als „lästige Ausländer" ausgewiesen worden sein. Bei einem Teil, hauptsächlich Studenten und Studentinnen, sind die Ausweisungsbefehle von der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums ausgegangen. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" und die Ausweisungen Der Vorstand des „Hilfsvereins der deutschen Juden" hat an mehrere deutsche Blätter nachstehende Zuschrift versandt: In Ihrer geschätzten Zeitung stand die Mitteilung, daß die meisten Ausweisungen im Einvernehmen mit dem „Israelitischen Hilfs-Komitee" erfolgt seien. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" ist in der Lage zu erklären, daß diese Mitteilung dem Sachverhalte nicht entspricht. gez. James Simon, Vorsitzender des ,Hilfsvereins der deutschen Juden". Die angebliche Ausweisung mittelloser Elemente Das „Berliner Tageblatt" berichtet u. A. von folgenden Ausweisungen aus Berlin: Der aus der Reichshauptstadt ausgewiesene Rigaer Kaufmann Boris Berlin hatte für sich und seine Familie hier eine Wohnung zum Preise von 2400 Mark jährlich bis Oktober 1909 gemietet. Es wurde ihm behufs zollfreier Einfuhr seines Mobiliars von demselben Polizeipräsidenten, der ihn jetzt auswies, bescheinigt, daß er sich hier zu dauerndem Aufenthalt niederlassen könne. Einige weitere besonders kennzeichnende Fälle sind die folgenden: Frau M. Bodik aus Kiew, Ehefrau des dortigen Kaufmannes erster Gilde Bodik, ist, trotzdem sie der Schöneberger Polizeidirektion ein bei der Diskontogesellschaft deponiertes Vermögen von 80 000 Mark nachweisen konnte, ausgewiesen worden, ebenso der Ingenieur Brotski, der sich zwecks technischer Ausbildung hier aufhielt und bei der Deutschen Bank ein nachgewiesenes Guthaben von 20000 Mark besitzt. Ferner sind ausgewiesen: Kaufmann Dworkind aus Mariopol (Guthaben bei der Deutschen Bank 10 000 Mark), Frau M. Ironimus, die aus Rußland eine monatliche Revue von 1000 Mark bezieht, Frau Ljubowa Mogilenskaja, deren Gatte ein Exportgeschäft in Hamburg besitzt und die eine monatliche Revenue von 300 Mark bezieht. Wie ferner gemeldet wird, sollen die Ausweisungen sowohl im Abgeordnetenhaus wie im Reichstage zur Sprache gebracht werden. Gegen die Einwanderung russischer Juden in München Der erste antisemitische Gemeindebevollmächtigte im Münchener Rathaus, Glasermeister Wagner, brachte einen Antrag ein, dahin lautend, der Magistrat möge bei der k. Regierung und Polizeidirektion Maßnahmen erwirken, um die weitere Einwanderung und Niederlassung fremder, insbesondere russischer Juden, in München zu verhindern oder doch einzuschränken. In seiner Begründung verweist Antragsteller auf die Niederwerfung der Revolution in Rußland, wodurch viele Tausende von Teilnehmern an dem Aufstand, besonders auch jüdischer Nationalität, zur Flucht nach dem Ausland gezwungen wurden. Es sei anzunehmen, daß eine große Anzahl dieser Flüchtlinge bereits nach München zugewandert ist, um sich hier vorübergehend oder auch dauernd niederzulassen. Aus Berlin komme die Nachricht, daß von dort ca. 7000 zumeist aller Mittel entblößte russische Flüchtlinge ausgewiesen werden sollen, weil sie sich als für die öffentliche Sicherheit im höchsten Grade gefährlich erwiesen und der Armenpflege anheimfallen. Zweifellos werde ein erheblicher Teil dieser bedenklichen Elemente München zuwandern. Ein solcher Zuzug sei um so besorgniserregender, als sich schon seit Jahren viele ausländische Juden nach München wandten und der Bevölkerung zur Last fallen. Angesichts dieser bedrohlichen Umstände erscheine es notwendig, mit Abwehrmaßregeln vorzugehen. Rabbiner Doktor Wilenski aus der Haft entlassen Wie uns aus Nikolajew telegraphiert wird, wurde unser Gesinnungsgenosse Dr. Wilenski, dessen seinerzeitige, ohne Angabe von Gründen erfolgte Verhaftung großes Aufsehen erregte, aus der Haft entlassen. Dr. Wilenski, der bereits zur administrativen Verschickung nach dem Jakutengebiet verurteilt worden war, hat zweieinhalb Monate Gefängnishaft hinter sich. Feuersbrunst in Sopotzkin Wie uns aus Sopotzkin (Gouvernement Suwalky) telegraphiert wird, wurde die Stadt von einer furchtbaren Feuersbrunst heimgesucht. 64 Häuser wurden im Laufe einer Stunde vollständig eingeäschert. Rasche Hilfe tut not. Geldspenden wolle man an unsern Gesinnungsgenossen Rabbiner S. J. Rabbinowitz in Sopotzkin (Gouv. Suwalky) senden. Das jüdische Viertel in San Francisco vom Erdbeben zerstört In London traf aus New-York nachstehende Kabelmeldung ein: „Schreckliche Szenen spielten sich in San Francisco in den von russischen Juden bewohnten Straßen ab, wo die einstürzenden Häuser in einigen Augenblicken Hunderte unter ihren Trümmern begruben." Ferner wird gemeldet, daß sämtliche Synagogen, jüdischen Spitäler und Wohlfahrtsanstalten teils eingestürzt, teils eingeäschert seien. Die bulgarische Regierung gegen das Blutmärchen Die bulgarische Regierung hat auf Ersuchen des Großrabbiners, unseres Gesinnungsgenossen Dr. Ehrenpreis, folgendes Zirkular an die Kreispräfekten erlassen: „Zirkular des Ministers des Innern Nr. 1017, 15. März a. St. An den Präfekten und Polizeipräsidenten von Sofia! Es wird Ihnen wohl bekannt sein, daß jedes Jahr vor dem jüdischen Osterfest falsche Gerüchte über die Juden in Umlauf gebracht werden, um die Bevölkerung gegen sie aufzuhetzen. Solche Gerüchte sind z. B. in Sliwna und Küstendil verbreitet worden. Um die bösen Folgen dieser antisemitischen Agitation zu vermeiden und ihnen vorzubeugen, ersuche ich Sie, alle notwendigen Maßregeln zu ergreifen und keine, wie immer geartete antisemitische Agitation zuzulassen ..." Elektrizität in Palästina Wie in den letzten Tagen gemeldet wird, wird in Jerusalem die elektrische Straßenbeleuchtung eingeführt werden. Außerdeir wird eine elektrische Bahn von Jerusalem nach Bethlehem und einigen andern Städten Palästinas projektiert. Das Ghetto von Sliatin eingeäschert Wie aus Krakau telegraphiert wird, ist das ganze Judenviertel bestehend n aus 150 Wohn- und 180 Nebengebäuden, eingeäschert worden. Über 1500 Familien sind obdachlos. Der Schaden beziffen sich auf über 1 Million Kronen. Julius Verhovay gestorben Budapest, 21. April. Heute nacht ist hier der ehemalige Antisemitenführer Julius Verhovay gestorben. Er war in der Jahren 1878 bis 1887 Reichstagsabgeordneter und nahm währenc der Zeit des Tisza-Eszlarer Ritualmordprozesses an der Seitt Istoczys als Antisemitenführer an der damaligen Bewegung teil Nachdem die Antisemitenpartei sich aufgelöst hatte zog er sich au sein Gut zurück, wo er gestern im 58. Lebensjahre verschied. 5OO Waisenkinder in Odessa Wie die russisch-jüdischen Blätter melden, beträgt die Zahl de nach den Progromen hinterbliebenen Waisenkinder, (die vorläufig zum Teil bei wohltätigen Familien untergebracht sind) gegen 500 Man verlangt allgemein, daß diese Waisenkinder eine würdige dauernde Versorgung erhalten. Die Gesamtsumme der in unserer heutigen Nummer ausgewiesenen Spenden beträgt Mk. 22796,45. Berichtigung In unserer Passah-Nummer soll es bei dem Gedichte „Abschied" von Jehuda Halevy statt: „Übersetzt von S. Heller" heißen: Über setzt von B. Löwen stein." Wir sind Herrn Dr. Gustav Karpele dankbar, daß er uns auf die Verwechslung aufmerksam gemacht ha! N. S-y, Lemberg. Briefkasten Besten Dank! Vgl. oben. Verlag „Die Welt" Köln, Ubierring 23. — Verantwortlicher Redakteur: Julius Berger. — Druck von M. DuMont Schauberg, Köln