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Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK X. JAHRG. KÖLN, Passah 1906 p-ilrf? iVnn">S PID£ No. 15. LESCHONOH HABOHO Von Meer zu Meer, über Berg und Tal klingt alljährlich in gleicher Stunde ein sehnsuchtsvoller Ruf: „Nächstes Jahr in Jerusalem!u Jahraus, jahrein mit der Regelmäßigkeit einer unversiegbaren Naturkraft kehrt er wieder. Jahrtausendehaben ihn gehört; in Millionen von Herzen, die einst gepocht und die noch jetzt pochen und schlagen mit dem Schlage der Zeit, hat er gelebt, als Wunsch, als dürstendes Verlangen, als heimliche, aber um so lebendigere Hoffnung, bevor er zum Wort wurde, das in die Welt hinausflog . . . Alljährlich um dieselbe Stunde sammelten sich die Zerstreuten und die Verirrten, näherten sich einander und umschlangen sich brüderlich im allgewaltigen Wunsche, der in ihrem Herzen schlummerte. In dem Rufe des Wiedersehens, der nahen Erfüllung zitterten alle Töne des verlebten Lebens mit, des Lebens, das ist und das nicht mehr ist. Es ist der Ruf des Blutes, — die Sehnsucht eines lebendigen Volkes. Jedes Geschlecht und jede Zeit hat diesen allerinnersten Seelenwunsch mit verschiedenen Nebenfarben umgeben und geziert. Wie ein Bild, das, ewig bleibend, immer aufs neue umrahmt und geschmückt und auch verschieden gedeutet wird . .. Nicht in all' den langen Jahren des Lebens des jüdischen Volksschmerzes klang der Wunsch nach endlichem Freiwerden in gleicher Weise, mit gleicher Kraft. Gar oft änderte sich sein Klang, — weil die Töne des Lebens ihn übertönten, ihn übertünchten. Manchmal nahm das Ideal des Volkes die Gestalt der mystischen Sehnsucht nach dem „Jerusalem von oben" an, manchmal klang es wie ein Kampfruf für die Zukunft der Menschheit. Immer für die Zukunft, — und nur selten galt der Ruf dem Leben von heute, dem Kampfe des nächsten Tages. Nie griffen Wirklichkeit und Ideal des jüdischen Volkes ineinander. Sie gingen verschiedene Wege. Und deshalb blieben beide nur Schein, nicht volle Wirklichkeit — das Leben — ein Halbleben, das Ideal — ein Wortideal! Und wiederum erklingt das alte Wort, — die Geisterstunde kehrte wieder. Aber das Wort ist Wirklichkeit, die Sehnsucht Tat geworden. Für uns, die wir mit Liebe und Hingebung das alte Wort der Väter hinausjauchzen, ist es kein Wort mehr. Nicht bloß von einem Passahabend zum andern wacht es in uns auf, — es lebt in uns, und wir leben darnach. Jeder Schritt unseres Lebens ist zu diesem Ziel der Jahrtausende gerichtet, denn es ist auch unser wirkliches, lebenvolles Ziel geworden. Mit der ganzen Stimmung der neuen Menschen, der kämpfenden und rückhaltlos strebenden, nähern wir uns diesem Ziele — und wollen die Sehnsucht des Volkes zum Dasein des Volkes machen. — Nächstes Jahr in Jerusalem! rufen wir den Zerstreuten und Verirrten unseres Volkes zu. Und unser Ruf ist wie ein Lied der Deborah, ein Lied des mutigen Kampfes!

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