Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, Ä. CORALNIK X. JAHRQ. KÖLN, 30. März «906 p-iint> T^tTn TD^J (LPJ I No. 13. ZIONISTISCHE WIRTSCHAFTSPOLITIK Von Professor Otto Warburg (Berlin) Immer lauter und ungestümer erhebt sich in zionistischen Kreisen die Forderung, daß eine lebhaftere praktische Tätigkeit in Palästina entfaltet werden möge. Mit Recht erblickt man eine große Qefahr für den Zionismus darin, daß man fortwährend auf unberechenbar weite zukünftige Ereignisse vertröstet und dabei die immer dringender werdenden Forderungen der Gegenwart vernachlässigt. Man ist der Ansicht, daß die abseitsführenden Strömungen im Zionismus, die ein autonomes Territorium außerhalb Palästinas suchen oder wenigstens ihr kulturelles jüdisches Ideal in den einzelnen Ländern der Diaspora zu verwirklichen bestrebt sind, nicht so hätten anschwellen können, wenn von Anfang an die der praktischen Inangriffnahme schon jetzt zugänglichen wirtschaftlichen Momente mehr in den Vordergrund gestellt worden wären. Vor allem wäre auch die Gewinnung neuer noch nicht zionistischer Elemente eine sehr viel leichtere, wenn man auf Arbeiten oder gar auf Erfolge würde hinweisen können, die auch einem noch nicht zum Zionismus Bekehrten erstrebenswert erscheinen. Wenn wir uns z. B. rühmen, wir haben eine Bank von über 5 Mill. Mark, und man fragt, was tut ihr mit dem Geld, so müssen wir bekennen, daß ein bedeutender Teil des Geldes in 21/2prozentigen englischen Konsols angelegt ist, ein weit größerer Teil aber verwendet wird, um in Rußland Wechselgeschäfte zu machen, die uns denn auch ermöglichen, trotz unserer hohen Unkosten eine kleine Dividende zu zahlen. Wenn wir uns rühmen, wir haben einen zum Landkauf in Palästina bestimmten Nationalfonds von schon jetzt über eine Million Mark gesammelt, und man fragte, was tut ihr damit, so müssen wir eingestehen, daß wir das Geld, wie Fafner seinen Schatz, hüten, für den großen Tag, wo wir den von uns verlangten Charter bekommen. Fragt man dann weiter, was für einen Charter wollt ihr denn haben, so sind wir gezwungen zu antworten, daß darüber verschiedene Ansichten bestehen, das Mindeste sei aber, daß das auf dem Koran beruhende ottomanische Grundrecht geändert werde. Fragt man uns, läßt sich denn unter dem bestehenden türkischen Recht kein gesicherter Landkauf vollziehen, so müssen wir antworten, daß zwar die Praxis zeigt, daß das gekaufte Land in der Türkei ebenso sicher dem Käufer verbleibt wie anderswo, daß aber unsere juristischen Sachverständigen doch der Ansicht sind, wir könnten nicht die Yerantwortung übernehmen, das pfennigweise und von den Ärmsten unseres Stammes beigesteuerte Geld in Land zu investieren, so lange Gesetze bestehen, die nur irgend eine Handhabe lassen, daß das gekaufte Land bei Eintritt gewisser Bedingungen dem Staat wieder zufällt. Es läßt sich nicht leugnen, daß trotzdem schon etwas auf der Bahn der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas geschehen ist. Die Anglo Palestine Co. hat z. B. in Jaffa und Jerusalem wirklich für den Handel und die Industrie der Juden in Palästina schon Erhebliches geleistet und wird, wenn die schon lange ersehnten Filialen in Haiffa, Beirut, Damaskus nebst Nebenstellen inTiberias, Safed, Hebron, Gazah eingerichtet sein werden, noch in ganz anderer Weise als bisher von Nutzen sein. Auch vom Nationalfonds ist trotz der theoretischen Unsicherheit doch wenigstens ein Teil für praktische Zwecke der Gegenwart bestimmt worden, nämlich für die Versuchsstation, die Lehrfarm und das genossenschaftliche Gut, wozu Landkäufe im Werte von ca. 300 000 Mk. nötig sein werden. Ein Teil des hierfür nötigen Landes im Betrage von etwa 100 000 Mk. ist bereits angekauft, mit den weiteren Käufen beschäftigt man sich; wer aber weiß, wie langsam solche Käufe in der Türkei vor sich gehen, wird froh sein, wenn in 3 Jahren diese Grundstücke sämtlich zum Gebrauche vorbereitet sind. Damit ist dann aber auch unsere praktische Tätigkeit in Palästina erschöpft, denn was die Palästina-