Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Adresse: Akad. Zion. Verein „Tchioh", Cöthen i. Anh., für das Bureau. Berlin, 20. März. Im großen Saal des Handwerkervereins sprach am 19. März Herr Felix Saiten über „Moderne jüdische Kunst". Es war die dritte Veranstaltung in dem der jüdischen Literatur und Kunst gewidmeten Vortragszyklus. Der Vortragende, eine für das Berliner Publikum neue Erscheinung, hatte sich während seiner Tätigkeit an größeren Wiener Blättern als feinsinniger Kritiker und glänzender Stilist hervorgetan und wirkt seit kurzer Zeit in Berlin als Chefredakteur der „Berliner Morgenpost" und der „B. Z. am Mittag". Sein warmes Interesse für das Judentum ist nicht erst seit seinem letzten Vortrag bekannt. Viel bemerkt wurde sein Theodor Herzl gewidmeter Nekrolog in der Wiener „Zeit" und sein mannhaftes Auftreten gegenüber dem antisemitischen Bürgermeister Lueger. Herr Saiten begann seinen Vortrag mit einer Charakteristik des Verhältnisses der älteren und der jüngeren Generation der Juden zum Judentum. Die Väter haben im Ausgleichungsbestreben das Judentum beinahe verloren, die Söhne haben es wieder errungen und unter anderem in der Kunst betätigt. Nach einer Erörterung des Problems, ob die Juden über eine spezifische Begabung für die bildenden Künste verfügen, untersuchte der Vortragende, was die Juden der europäischen Kultur schulden und was anderseits die europäische Kultur den Juden schulde. Hierauf beleuchtete er die Bedeutung des jüdischen Heimatsbodens für die jüdische Kunst und ging schließlich zur Besprechung des Schaffens der zeitgenössischen jüdischen Künstler über. Diesen Teil des Vortrags illustrierten Lichtbilder. So sah man u. a. Skulpturen von Antakolski, Ezechiel, Aronson, Schatz, Nossig, Bilder von Hirschenberg, Horowitz, Ury, Kaufmann, Liebermann, Pissaro, Israels, Struck. Die ganze Veranstalung, welche zum erstenmal eine Übersicht über die gesamte Wirksamkeit der Juden der Gegenwart auf dem Gebiete der bildenden Künste lieferte, erweckte bei dem sehr zahlreich erschienenen Publikum sehr lebhaftes Interesse und fand ungeteilten Beifall. — Der Vortrag Felix Saltens wird — ebenso wie der Vortrag „Moderne jüdische Dichtung" von Alfred Nossig — demnächst in Broschürenform erscheinen und so weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. Mannheim. Wir entnehmen der „N. Bad. Landesztg." folgenden Bericht: Das von der Zionistischen Ortsgruppe arrangierte jüdische Kinderfest fand gestern nachmittag in den Sälen des Apollotheaters statt. Das Fest war von ungefähr 700 Kindern und ebensoviel Erwachsenen besucht und verlief überaus glänzend. Alle Darbietungen erfolgten durch die Kinder selbst. Rührung rief das feingestellte Bild: „Jüdische Flüchtlinge aus Rußland" hervor. Ein heiteres „Purimspiel", Ballet Kindersymphonie reihten sich zu bunter, fröhlicher Reihe zusammen. Ein stark betonter jüdischer Zug bestimmte den Charakter aller Darbietungen. Schließlich wurden alle Kinder von einem Damenkomitee, das musterhaft wirkte, mit Schokolade und Kuchen bewirtet. Abends schloß sich noch eine angeregte Soiree an. Wir schließen uns dem V/unsche an, der uns allenthalben aus den leuchtenden Augen der Kinder und nicht minder aus den lobenden Äußerungen der Erwachsenen entgegenklang: daß dieses Fest, das schon zum zweitenmal so vortrefflich gelang, sich hier einbürgern und jedes Jahr sich mit demselben Erfolge wiederhole. Österreich Prag, den 19. März. Gestern fand hier eine Sitzung der Parteileitung" der böhmischen Zionisten statt. Die Sitzung, an welcher sämtliche Mitglieder des Distriktskomitees und der Parteileitung teilnahmen, dauerte von 2 Uhr nachmittags bis 7 Uhr abends. Es wurde folgendes Communique ausgegeben: „Die Parteileitung des zionistischen Distriktes Böhmen hielt gestern in Prag eine fünfstündige Sitzung ab, die für streng vertraulich erklärt wurde. Die Konferenz beschloß die Schaffung eines Fonds, dessen Vermögen zur Bestreitung der Agitation für Zwecke des Verbandes „Zion" im böhmischen Distrikte verwendet werde. Der Fonds führt den Namen Parteifonds. Ferner nahm die Parteileitung infolge der Verlegung der „Welt" nach Köln Anlaß, die Preßfrage zu'besprechen. Auch wurde beschlossen, den Gesinnungsgenossen den Beitritt zum Palästinavereine (Vorschlag Dr. Moses) zu empfehlen. Für das D.-K.: Julius Loewy. Folgende Wahlergebnisse werden uns mitgeteilt: „Veritas" Brünn: cand. ing. Ignaz Winkelsberg, cand. ing. Lipmann Brammer, stud. ing. Emil Kien. Zionistischer Verein „Haschashar" Bielitz: Obmann Dr. Leo Blum, Obmann-Stellvertreter F. Rabinowitz, Schriftführer jur. Allerhand, Kassierer A. Huppert, ferner Dr. J. Werner und F. Ziffer. Jüdisch-akadem. Ferialverbin dung „Hasmonaea", Friedek: jur. Rudolf Tramer, jur. Ernst Wechsberg, jur. Ernst Herlitschka. ir^Agram. Am 4. dieses Monats veranstaltete der literarische Verein der jüdischen Jugend in Agram seine Jahresfeier, die auch diesmal einen großen Erfolg brachte. Wien. Am 15. er. fand im Festsaal des Hotel Continental der Festkommers der jüdisch-akadem. Verbindung „Maccabäa" statt, der bei einem sehr zahlreichen Besuche einen glänzenden Verlauf nahm. Schweiz Bern. Eine allgemeine Zionistenversammlung, einberufen vom Akademischen Zionistenverein in Bern, hat eine Resolution gefaßt, in der sie das zionistische Aktionskomitee einlud, unverzüglich eine lebhafte praktische Tätigkeit in Palästina zu entfalten, die vom A.-C. bereits gefaßten diesbezüglichen Beschlüsse, wie die Eröffnung von neuen Bankfilialen, Auskunftsbureaux, Arbeitsnachweisen usw., ohne Aufschub zu realisieren und mit Anspannung aller Kräfte denjenigen jüdischen Emigranten, die auf eigene Initative nach Palästina gehen und mitunter recht beträchtliche Kapitalien zur Verfügung haben, mit Rat und Tat beizustehen, um ihnen den dauernden Verbleib im Lande zu ermöglichen. Rußland Zur Konferenz der „Poale-ZionDie Konferenz, welche das Komitee der „Poale-Zion" in Poltawa einberufen hat, hat bewiesen, wie stark und tief das Bedürfnis nach einer Vereinigung geworden ist. Die Konferenz, die vier Tage dauerte, hat vollständig das Ziel erreicht, das sie sich gestellt hat. Eine enge Verbindung des ganzen Rayons in praktischer und theoretischer Hinsicht herzustellen. Acht Bezirke (Alexandrien, Kobeljaki, KonstantinogracL Krementschug, Priluki, Mingorod, Chorol und Poltawa) haben sich vereinigt. Es wurde ein Komitee gewählt, das die allgemeinen Geschäfte des Rayons leiten und zugleich mit anderen poale-zionistischen Rayons in Verbindung treten soll zwecks baldiger Herbeiführung einer Organisation der ganzen Partei. Außerdem wurde das theoretische Programm ausgearbeitet, und es wurden Resolutionen wegen nationaler und palästinensischer Fragen angenommen. Dem Komitee ist außerdem übertragen worden die Organisation der literarischen Tätigkeit der Poale-Zion und die Gründung eines periodischen Organ es. Es wurde eine Resolution angenommen, ein zweiwöchentliches Blatt unter dem Namen: „Jüdische Arbeiter-Chronik" in Poltawa herauszugeben. Es ist zu hoffen, daß die erste Nummer schon im März erscheinen wird. In Rybinsk hat sich ein neuer „Poale-Zions-Verein" gegründet, welcher fast die ganze dortige jüdische Jugend umfaßt. Wöchentlich werden Versammlungen abgehalten. Das Publikum zeigt große? Interesse für diese Versammlungen, und die Zahl der Mitglieder wächst. Viele der „Poale-Zion" wollen als landwirtschaftliche Arbeiter nach Palästina gehen und treten aus diesem Grunde in Verbin dung mit den Borissower „palästinensischen Pionieren". Palästina-Verein Zionistische Ortsgruppe. Freiburgi. Br.? 18. März 1906. In der heutigen Vereinssitzimg wurde beschlossen: Wir erkennen die Ziele des von Dr. Moses angeregten Vereinzur wirtschaftlichen Erschließung Palästinas als durchaus berechtigt an und halten die Aufgabe, einen Betriebsfonds für di< Palästina-Kommission zu schaffen, für eine überaus dringlich« Jede Verschleppung kann sich bitter rächen und nicht zun mindesten durch Verlust unseres Ansehens. Demgemäß werdei wir nach Kräften für den Verein eintreten. Für denselben wurdei bis heute M. 88.— gezeichnet. Die Redaktion der „Welt" wird eine besondere Pessach =Ausgabe in erweitertem Umfange mit Beiträgen hervorragender Schriftsteller und Künstler veranstalten. Diese Nummer wird im Einzelverkauf zu 40 Pfennigen abgegeben werden. Da sich diese Separat=Ausgabe zu Agitationszwecken besonders eignen wird, empfehlen wir schon jetzt Vorausbestellungen zu machen. Verlag „Die Welt" Köln, Ubierring 23. — Verantwortlicher Redakteur Julius Berger. — Druck von M. DuMont Schauberg, Köln.