Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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16 DIEMELTersten Formalitäten hinwegzukommen. Der Präsident ist jedoch bemüht, die Verhandlung weiterzuführen. Die Schwierigkeiten des Prozesses sind so gross, dass zwei Staatsanwälte und zwei Sekretäre fungieren. Der Kampf ^zwischen der liberalen Verteidigung und dem Gerichtspräsidenten ist äusserlich verschleiert, in der Tat aber wird er sehr scharf werden. Morgen wird ein entscheidender Tag sein. Alle Angeklagten ohne Ausnahme machen einen wenig einnehmenden Eindruck. Graf Witte über die üudenfrage In einer Unterredung, welche der englische Schriftsteller Lionel Decle kürzlich mit dem russischen Ministerpräsidenten hatte, sprach dieser sich zunächst über die allgemeine politische Lage des Reiches recht pessimistisch aus. Der Zar stehe vor einem schweren Dilemma: Die Reformen Hessen sich nicht länger aufschieben, andererseits würden sie, da es zu ihrer langsamen Durchführung zu spät sei, sicherlich auch schädliche Wirkungen ausüben. Über die Judenfrage äusserte sich dann Graf Witte wie folgt: Die armen Juden Russlands werden, wie ich glaube, wenig Glück mit der Reichsduma haben. Soweit ich den Gang der Agitation der meisten Parteien verfolgen konnte, ist die Stimmung antisemitisch. Der Grund dafür liegt teilweise im religiösen Antagonismus des russischen Volkes, andererseits ist der Judenhass der russischen Gewerbe- und Handelsmänner besonders darauf zurückzuführen, dass der Jude mit geringen Mitteln mehr erreicht als der Russe. Sucht der Russe bei einem Gegenstand einen Rubel zu verdienen, so begnügt sich der Jude mit 20 Kopeken. Demzufolge macht der Jude einen weitaus grösseren Umsatz, was den Neid der weniger verständigen Gewerbe- und Handelsleute nährt. Bei den jetzigen Verhältnissen kann ich selbständig keine neuen Freiheitsgesetze für die Juden schaffen. Trotzdem, dass ich zugebe, dass den Juden viel Unrecht zugefügt worden ist, und ich es sehr gerne sehen würde, wenn diesem fähigen und tätigen Volke grössere Freiheiten geboten wären, kann ich nicht umhin, auch die Gefahren zu sehen, die daraus entstehen können. Der Judenhass wird in der Gleichberechtigung der Juden dankbare Nahrung finden, was zu traurigen Exzessen führen kann. In der Reichsduma werden allerdings auch solche Mitglieder sein, die für die Juden Gleichberechtigung verlangen wollen und müssen, doch werden sie voraussichtlich in der Minorität bleiben. Ueberhaupt wird die Besetzung der Reichsduma viel zu wünschen übrig lassen. Die Majorität wird voraussichtlich in den Händen der Bauernvertretung sein, und das flösst mir wenig Hoffnung ein, zumal die Bauernfrage grosse Schwierigkeiten macht. Die Deputationen der verschiedenen Semstwos sagen mir: „Man muss den Bauern Land geben, dann wird alles ruhig werden/ Wo aber soll ich das Land hernehmen? „Alles dieses lässt mich nicht optimistisch werden", schloss Witte seine Erklärung. Panik in Kischinew In Kischinew herrscht grosse Beunruhigung. Kaum war die Nachricht vom Termin der Wahlen angelangt, als schon die Juden begannen, in Massen aus der Stadt zu flüchten. Man spricht offen von einem Pogrom, für den energisch agitiert wird. Kruschewan's Anhänger nützen für ihre Agitation einen gewöhnlichen Mordfall aus, der sich in der Vorstadt ereignete. Das „Schwarze Hundert" verbreitet, der A\ord sei durch die Juden geschehen. Man bezeichnet sogar ganz genau das Datum des kommenden Pogroms. Einzelne städtische Anstalten und auch einzelne Juden wandten sich an die Behörden, damit sie dagegen Vorkehrungen treffen Die Mitglieder der „Selbstwehr44 werden in fieberhafter Eile mobilisiert. No.10 Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland Ueber dieses Thema sprach dieser Tager Justizrat Breslauer in Berlin im Langenbeckhause auf Veranlassung des „Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.44 Von dem Zeitalter Moses Mehdelsohns ausgehend, skizzierte der Redner den allmählichen gesellschaftlichen Aufstieg der Juden. Als in den Freiheitskriegen Juden in Reih und Glied mit den Deutschen gestanden, machten sich schon die eisten Regungen für die Emanzipation der Juden geltend. Selbst konservative Christen traten damals für sie ein. Aber erst 1869 wurde die Emanzipation errungen Trat hie und da der alte Judenhass noch in die Erscheinung, so oeseelte Juden und Christen doch das gemeinsame Streben nach Deutschlands Einheit. Und bei diesem Streben arbeiteten sie friedlich zusammen. Nachdem 1870 71 diese Einheit endlich erstritten war, zeigten sich die Anfänge des modernen Antisemitismus. „Ou est le juif?" Dieser Ruf eines französischen Judenhassers erscholl nun auch in Deutschland, und die Saat, von Treitschke und von Stöcker gesäet, ging auf. Der bisherige gesellige Verkehr der Juden und Nichtjuden schwand immer mehr und mehr. Als Ludwig Bamberger studierte, waren bei dem Corps Juden selbst Senioren. Wie anders heute! Wie bei den Studierenden, sei es bei den Professoren, die bei Anstellungen die Tüchtigkeit der Juden nicht gelten lassen wollen. Während der christliche Arbeiter im jüdischen Arbeiter seinen „Genossen"4 erblickt, macht sich beim Handwerker schon eher etwas Abneigung gegen die Juden geltend. Neuerdings bereitet auch die Industrie den Juden Schwierigkeiten : Jüdische Chemiker finden ebenso selten eine Anstellung, wie jüdische Ingenieure und Physiker. Wir sehen fernerhin, dass auch Grossbanken, die die Juden nicht völlig entbehren können, sie beim Engagement ungern berücksichtigen. Zu Lotterie-Kollekteuren werden Juden heute nicht mehr zugelassen, und ihre Bewerbung zu Kursmaklern stösst immer mehr auf Schwierigkeiten. Auch die jüdischen Arzte und Anwälte verspüren diese Abneigung. Jüdische Aerzte werden von christlichen Familien selten zu Rate gezogen. Unter den 800 bis 900 Mitgliedern der Aerztekammer in Deutschland gibt es 100 Juden. Aber unter den juristischen Mitgliedern der Aerztekammer gibt es keinen Juden! Von der Verwaltung grösserer Institute werden neuerdings jüdische Anwälte ferngehalten. Nur noch in Posen, Breslau und Karlsruhe gibt es Juden in den Anwaltskammern. Die Stadt Berlin zählt 60 Prozent Juden und 40 Prozent Christen als Anwälte, und nur 4 Juden sind in der Anwaltskammer vertreten. Nur zum Geben ist der Jude da — besonders bei Wohltätigkeitsveranstaltungen werden Juden herangezogen. Auch zu unbesoldeten Ehrenämtern, besonders bei der städischen Verwaltung, zieht man Juden gern heran, keineswegs zu besoldeten. Die Juden sollten sich nach Kräften wehren und sich nicht zurückdrängen lassen. KORRESPONDENZEN Sehr geschätzte Gesinnungsgenossen! Den Vorschlag, den Gg. Dr. Moses zur Gründung eines Palästina- Vereines in Nr. 8 der „Welt44 macht, begrüssen wir mit lebhafter Zustimmung. Wir werden nicht ermangeln, für diese vorzügliche Idee in den Kreisen unserer Mitglieder Propaganda zu machen. Wir hoffen, dass auch anderwärts die Gesinnungsgenossen davon durchdrungen sind," wie wichtig und dringend eine praktische Förderung der Palästinaarbeit ist, so dass der propagierte Verein bald ins Leben treten kann- Wir werden die weitere Entwicklung dieser Idee mit Interesse verfolgen. Mit Zions^russ! Zionistischer Zentralverein in Wien.