Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No.lO- DIE2$KELT 15 Und es endete nicht der Knabe seine Lüge, denn er brachte es nicht übers Herz, da zwei klare Augen auf ihm ruhten. [Und er legte den kleinen Finger zwischen die Lippen, und auf den Peeten seiner Wangen erblühte das Lächeln der Scham. Und seine Gestalt war die eines unschuldigen Kindes, das sich verredet hat und eingehalten wird. Und auch der helläugige Jüngling lächelte ihm ein Lächeln der Vergebung zu. Aber in seinem Herzen war tiefe Trauer, und er ging und stellte sich zurück auf seinen Platz, und seine Augen hingen zwischen den Sternen wie vordem . . . Und das Lied des Wunderbaren am Ufer des Stromes stieg immer stärker auf und stürmischer und ward ein Brüllen, und im Tosen seiner Wellen wurden fortgeschwemmt auch die Jünglinge, und sie brüllten mit wie die Jungen von Löwen, und wie sie brüllten, stiegen in ihren Herzen Wellen des Hasses, stärker als der Tod. Und sie überfluteten sie und berauschten sie und verkrümmten ihr Antlitz und entzündeten ein schwarzes Feuer in ihren Augen, und der schwarze Fluss bewegte sich, als der Sturz des Wassers überquoll, in einem Schaukeln von einem Ufer zum Andern, wie ein Kind sich schaukelt in der Wiege. Und wenn er sich bewegt, so vermehren sich und erzeugen sich Feuerschlangen aus den goldenen Sternen :in der Untiefe. „Das ist das Lied des Zornes, Es wurde gezeugt in den sengenden Flammen, In der Nacht des Grimmes Vom Blute der Kinder und Greise Und der Ehre der marmornen Leiber, Die hinfielen zum Opfer . . Und in diesem Augenblicke sprang auf der blondlockige Knabe seine Hand ausgestreckt zur Spitze des Riffes, das am andern Ufer des Flusses aufragte, und er erhob seine Stimme und schrie: Schauet! [Schauet! Und die Jünglinge hoben auf ihre Blicke, und es erstarrte ihr Herz: Von den Gipfeln der Berge, die ihnen gegenüber standen, von den Abhängen der Riffe und weiter schritt, hüpfend und schwebend wie ein Heer leichter Engel eine gerade und weisse Schaar von zarten Jungfrauen mit reinem Körper. In einer Reihe gingen sie, geraden Fusses und ihre Hände zum Himmel erhoben, haschend die Strahlen des Mondes, utid ihre Augen geschlossen wie die der Nachtwandlerinnen. Dornenkronen trugen sie auf ihren Häuptern, und auf ihrem Antlitz erstarrten Messias' Qualen. Unter der Hülle ihrer Wimpern schlummert der Glaube der Ewigkeiten, und auf der Schwelle ihrer Lippen schläft 'ein heiliges Lächeln. Und es erkannten die Jünglinge, wer sie seien, und sie NACHRICHTEN Der Prozess gegen die Veranstalter der Judenkrawalle in Smela Aus Kiew. 5. März, wird berichtet: Heute haben die Verhandlungen wegen der Judenkrawalle in Smela vor dem Obersten Gerichtshof angefangen. Als Schöffen fungieren der Adelsmarschall des Kiewer Gouvernements, der zweite Bürgermeister von Kiew und der Dorfschulze von Kagarlik. Die Untersuchungsakten umfassen 172 Bände mit zusammen 1200O Folioseiten. Der Prozess wird drei Wochen dauern. Angeklagt sind 48 Christen erbebten sehr. Denn sie sahen die Jungfrauen, dass sie kommen und nahen dem Rande des Felsens, der wie eine steile Wand zum Flusse abfiel und dass nur ein Schritt ist zwischen ihnen und dem Abgrund, der geöffnet ist vor ihnen. Und es sprangen alle von ihren Sitzen auf, und riefen ihnen mit gewaltiger Stimme zu und machten ihnen Zeichen mit den Händen, aber die Jungfrauen sahen nichts und hörten nichts und gingen weiter in einer Reihe, geraden und leichten Fusses und mit verschlossenen Augen. Und da . . . der letzte iSchritt. Eine lange Perlenschnur von Augen öffnete sich p ötzlich, blitzte auf wie Sterne und erlosch. Und wie eine Schaar weisser Schwäne flogen sie in das Dunkel des Wassers. Und mit dem Aufschrei des Schreckens stürzten die Jünglinge ins Wasser. Ihre Locken bäumten sich wie die Mähnen der Löwen, und ihre Hände schaufelten in den Tiefen des Abgrundes, gruben und schwammen, gruben und ruderten, zu den Felsen schössen sie hin. Da versanken ihre Häupter im schweren Schatten des Felsens. Und da sind [sie in der Mitte des Flusses. Und es ergrimmte der Fluss und erdröhnte, und er konnte nicht zur Ruhe kommen in seinem Innern, und eine ungeheure und schwarze Welle erhob sich wie ein gewaltiger Berg aus dem Schosse der Tiefe und stürzte die Tollkühnen nieder. Aber die Tollkühnen erhoben sich wieder und kletterten hinauf zur Spitze des Wellenberges. Und es verstummte die Woge und hielt an, und stellte sich auf wie eine Wandmauer. Aber in ihrem Innern währte der Frevelgedanke. Und die Jünglinge klettern und rudern, und da sind sie schon oben. Und von jenseits des Wellenberges ereilt sie schon der Schrei der Jungfrauen, und plötzlich barst der Wellenberg auseinander und teilte sich und wurde ein Todestal. Und es glitten die Jünglinge hinab in die Tiefe des geöffneten Abgrundes, und dort, in den Urgründen der Tiefe, trafen ihre Köpfe die Köpfe der Jungfrauen, die ihnen entgegenschwammen. . . . Und eine schwere Stille, die Ruhe der Sattheit des Verderbens, lagerte sich plötzlich über den Fluss, es schloss sich der Hügel über den tollkühnen Männern, und auf der Glätte der schwarzen Gewässer schlich plötzlich leise vorüber etwas Grosses, Schweres und Dunkles und schwamm lautlos unter den Leichen der Versunkenen, War es ein schwarzes Schiff, war es ein Leichensarg? Und der zarte und helläugige Jüngling, der allein blieb von den Jünglingen am Vorsprung des Felsens, wälzte sich plötzlich zum Boden, hüllte das Antlitz in die Hände und weinte und weinte und weinte. (Schluss folgt.) wegen Gewalttätigkeiten aus nationalem fiass und zwei Juden wegen Tötung eines Christen. Die Juden waren vierzehn Monate in Untersuchungshaft und wurden erst im Oktober 1905 unter dem Einflüsse der liberalen Strömung freigelassen. Von allen Angeklagten sind nur acht bis jetzt verhaftet geblieben. Ursprünglich sollten 300 Personen auf die Anklagebank kommen. Als Zeugen wurden 248 Personen zitiert; 42 davon haben sich nicht gemeldet. Es fungieren vier Verteidiger für die 48 Christen und zwei weitere Verteidiger für die Juden; unter den letzteren Verteidigern der sehr bekannte Moskauer Anwalt Murawjiew. Ausserdem haben die gebrandschatzten Juden von Smela sieben Privatklä'ger aufgestellt. Da jetzt eine reaktionäre Strömung fühlbar ist, sind die Anwälte bestrebt, die Verhandlung zu vertagen. Heute [ist es in einer Sitzung von acht Stunden Dauer nur gelungen, über die