Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■ss^wrogr^itwafe DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — - REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK. =--—---~^ X. JAHRG. KÖLN, 2. März 1906 plinS T^nn"» VTK,to7 Nr. 9. DER ERNST DER LAGE Von Dr. JOSEPH KLAUSNER (Lausanne) Nie war die Lage der russischen Judenheit so kritisch wie jetzt. Und nicht bloss wegen der möglichen, vielleicht noch bevorstehenden Reihe der neuen Pogrome. Die russische Regierung hat den festen Beschluss gefasst, — wie es scheint, aus Rache für die Haltung der Juden, die alle ihre Hoffnungen in die allgemeine russische Revolution gesetzt und kein spezifisch-jüdisches politisches Programm aufgestellt haben, — die jüdische Gleichberechtigung nicht in die Reihe der radikalen Reformen, die schon aus dem inneren Wesen der Konstitution hervorgehen, aufzunehmen. Als ob sie damit den Juden sagen wollte: „Ihr kämpfet für das Wohl aller russischer Völkerschaften, — möge die Reichsduma, die aus den Vertretern aller dieser Völkerschaften bestehen wird, euer Richter sein!" — Allein diese Reichsduma wird in den gegenwärtigen Verhältnissen Russlands unbedingt in ihrer erdrückenden Mehrheit aus Reaktionären und Antisemiten bestehen. Denn die Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre haben schon längst beschlossen, die Reichsduma zu boykottieren, der „Verband der Verbände" hat unlängst einen ähnlichen Beschluss gefasst, und Juden als Abgeordnete wird es in dieser Reichsduma am allerwenigsten geben, denn nach dem Wahl-Reglement vom 11/24. Dezember 1905 ist es fast unmöglich, dass die Juden, die überall, sogar im Ansiedlungsrayon, die Minderheit der Gesamt-Bevölkerung ausmachen, mehr als ein paar Vertreter bekommen. Es bleibt also die konstitutionell-demokratische Partei übrig, die in der letzten Zeit durch den oberen Druck der Regierung und den unteren der extremen Linken geschwächt und in Bezug auf die Beteiligung an den Wahlen schwankend gemacht worden ist. Allein diese Anm: Obwohl wir mit unserem geschätzten Mitarbeiter dem Herausgeber des „Haschiloach*4, in den Schlussfolgerungen des vorstehenden Artikels übereinstimmen, können wir uns doch mit verschiedenen Einzelheiten in der von ihm entwickelten Gedankenlose nicht identifizieren. Die Redaktion. Partei wird sicherlich nichtStand halten können gegenüber den Gemässigt-Liberalen, Konservativen und/Monarchisch- Autokratischen, die ganz bestimmt gegen eine baldige, volle und ganze Gleichberechtigung der Juden stimmen werden. Die Besseren und weniger Unverschämten unter diesen werden wohl eine teilweise und allmälige Vermehrung der jüdischen Rechte befürworten und für eine „langsame Gleichberechtigung" eintreten, d. h. sie werden genau auf dem Standpunkte des gegenwärtigen russischen Ministerrats stehen. Die Regierung hat dies wohl vorausgesehen, und eben deshalb hat sie sich schon längst entschlossen und besteht noch immer darauf, die Judenfrage der Reichsduma zu unterbreiten. Und sie wird sicherlich dafür Sorge tragen, dass die Duma diese Frage womöglich ad calendas graecas verschiebe: die ersten Sessionen der Duma werden wohl mit „wichtigeren" Angelegenheiten als den jüdischen ausgefüllt werden. Und diese Verschiebung birgt in sich für uns Juden die grösste Gefahr. Denn mittlerweile werden sich sowohl die Juden als auch die Christen an den Gedanken gewöhnen, dass die Rechtlosigkeit der Juden auch bei ein er sämtliche Bürger gleichmachenden Konstitution sogar formell und ausdrücklich bestehen kann. Wenn den russischen Juden bis jetzt die allerellementarsten Menschenrechte seitens der autokratischen Regierung entzogen wurden, so fanden sie einen „halben Trost" darin, dass bis jetzt Russland überhaupt kein Rechtsstaat war, sondern eine barbarische Despotie. Die Proklamierung der Konstitution sollte diesem unerträglichen Zustande aller Russland bewohnenden Völker und Stände ein Ende machen; — aller ohne Ausnahme, wenigstens formell, staatsgesetzlich. Denn Europa kennt keine einzige konstitutionelle Monarchie, die nicht die Gleichberechtigung sämtlicher Insassen, im Prinzip wenigstens, anerkennt. Wohl kommt sogar in den fortgeschrittensten Staaten eine tatsächliche Schmäi;