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Die Welt · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 7 - DIE^ELT 21 Rosenstein von der Warschauer Universität ging abends nach Hause aus dem Klub. Ein Schutzmann trat plötzlich an ihn heran und fiagte ihn: „Sind Sie Herr Rosenstein?" Der Student bejahte und fragte, was der Polizist von ihm wünsche. Der Schutzman antwortete: „Ich will Sie morden" — und feuerte 3 Schüsse auf den Studenten ab, durch die der Student an einem Bein gefährlich verletzt wurde. Der Bezirkshauptmann versprach auf dringendes Verlangen der Juden, dass der Schutzmann unter Anklage gestellt werden würde. Bisher ist es noch nicht geschehen. Der Schutzmann wurde bloss aus dem Dienst entfernt. In Mosyr herrscht eine solche Panik, dass viele Wohlhabence, aber auch viele Arme aus der Stadt flüchten. Berditschew, 8. Februar. Wie sehr die Polizei die Juden in Berditschew terrorisiert, kann man aus der uns gemeldeten Tatsache ersehen, dass die Polizei sogar die Betversammlungen der Juden in den Synagogen als strafwürdig betrachtet und den Juden bei der Abhaltung des Gottesdienstes dadurch Schwierigkeiten bereitet, dass sie die Synagogen während der Gebetübungen umringt und bei den Betenden Leibesvisitationen vornimmt. Dabei ereignete es sich, dass sie einmal in ihrem Verfolgungswahn 40 halbwüchsige Jungen von 12 bis 16 Jahren in der Synagoge verhaftete und einen Tag im Gefängnis behielt. Romny, 8. Februar. Die Antisemiten, die sich in dem von der Regierung geschützten „Verband der Rechtsordnnng" organisierten, befreiben jetzt wieder eine heftige Agitation, um einen neuen Pogrom zu inszenieren. Die sogenannte russische „Intelligenz" der Stadt fraternisiert mit den Hooligans und hetzt das Volk durch Wort und Schrift gegen die Juden auf. Besonderen Anteil an dieser Agitation nehmen der General Polkownikow und der Stadtnotar Berdjuch. Auch die Polizei tut das ihrige und terrorisiert die jüdische Bevölkerung. Die Auswanderung der Juden steigert sich von Tag zu Tag. Die Juden und die Duma Die „Frankfurter Ztg." meldet: Wie wir einem uns vorliegenden Berichte über die politische Lage der jüdischen Bevölkerung in Westrussland entnehmen, bereiten sich alle politischen Parteien, angefangen von den Fraktionen der äussersten Linken, wie dem „Bund" und den zionistischen Sozialisten, bis zu den Mitgliedern des rechten Flügels der konstitutionell-demokratischen Partei, jede nach ihrer Art, für die Wahlkampagne vor. Der „Bund" ist entschieden gegen jede Teilnahme an der Reichsduma, wie sie geplant wird. Die Zionisten haben eine Art Koalition für eine allgemeinjüdische Aktion gebildet. Die der Wahlbewegung von der Regierung entgegengestellten Hindernisse lassen jedoch alle Bemühungen eine solide Gruppe jüdischer fortschrittlicher Wähler zu bilden, erfoglos erscheinen. Mittlerweile sucht die Union zur Emanzipation der Juden in Russland die jüdische Bevölkerung aufzuklären und die Wahlberechtigten zu bewegen, sich in die Wahllisten einschreiben zu lassen, damit nichts versäumt werde, wie auch die Entscheidung über die zukünftig zu beobachtende Taktik ausfallen möge. Ausweisung von Juden aus Moskau Die Moskauer Behörden haben in der letzten Zeit die Verfolgung der Juden wieder aufgenommen. Es ist jüngst ein Zirkular von der Moskauer Administration an alle Polizei-Reviere der Stadt verschickt worden, in dem verordnet wird, dass jüdische Kaufleute erster Gilde, die in den inneren Gouvernements Russlands wohnen, nicht mehr als 6 Monate in Moskau sich aufhalten ihre Familien aber auch nicht einen einzigen Tag in Moskau verweilen dürfen. Diejenigen Kaufleute erster Gilde, die, einer der innerrussischen Gemeinden angehörend, in Moskau mit der Familie wohnen, werden binnen Kurzem den Ausweisungsbefehl erhalten. Diese Massregel hat schon ihre Wirkung erzielt, und in den reicheren jüdischen Kreisen Moskau's herrscht grösste Beunruhigung. Das Zirkular ist am 30. Dezember v. J. vom Minister des Innern Durnowo erlassen und vom Finanzminister genehmigt worden, also zwei Monate nach dem Erlasse der „Konstitution." Das französische Judentum und die religiöse Reform Die Lorbeern der deutschen und englischen Reformer lassen auch die französischen Juden nicht schlafen. Die Durchführung des Separationsgesetzes hat den Anlass dazu geboten. Es steht ein Schisma im französischen Judentum bevor. Der „Pester Lloyd" weiss darüber zu berichten: „Vor einigen Tagen versammelte sich im Salon der Madame Eugene Simon eine Anzahl hervorragender Persönlichkeiten mosaischen Glaubens, darunter Theodor Reinach, der berühmte Historiker, Professor Abraham von der Sorbonne und der Rabbiner Louis Germain Levy von Dijon, um über die Gründung einer reformierten Judengemeinde zu beraten. Die Urheber des Gedankens gehen von der Erfahrung aus, dass weitaus der grösste Teil der jungen Generation des Judentums dem Glauben in seiner überlieferten orthodoxen Form untreu geworden ist. Das atheistische Freidenkertum sowie der Sozialismus machen auch in den Kreisen des begüterten jüdischen Bürgertums grosse Fortschritte, die Mischehen nehmen zu, die Kindererziehung wird aller Religiosität entkleidet und wenn nicht die starke Zuwanderung aus dem europäischen Osten wäre, müsste man geradezu eine Auflösung des Judentums in naher Zeit gewärtigen. Diesen Tendenzen wollen nun die jüdischen Kapazitäten des bezeichneten Kreises entgegenwirken. Das Reformjudentum, das sie begründen wollen, soll die religiös-sittlichen Prinzipien des alten Glaubens erhalten und in einer der modernen Weltanschauung entsprechenden Form darbieten. Die rituelle Strenge dagegen, die nach ihrer Ueberzeugung ihre historische Berechtigung, ihren erziehlichen Wert eingebüsst hat und eine Entfremdung zwischen den Juden und den Massen der übrigen Bevölkerung schafft, soll preisgegeben werden. Dieses Reformjudentum will ausschliesslich religiös, nicht national-separatistisch sein. Vielmehr soll das Bestreben, die französische Judenschaft mit dem übrigen Volk zu einem nationalen Organismus zu verschmelzen, auch äusserlich dokumentiert werden, vor Allem durch die Einführung der französischen Sprache in den Gottesdienst. Nur einzelne kurze hebräische Gebete sollen sozusagen als historische Zeugnisse beibehalten, die Dauer des Gottesdienstes aber gemäss den Bedürfnissen des modernen Lebens, das ein Leben der Arbeit ist, auf eine Stunde beschränkt werden. Von besonderer Bedeutung ist die Zulassung des Laienelements zur Predigt. Der eigentliche Gottesdienst findet am Sonntag statt, doch wird den konservativen Bedürfnissen auch durch eine Gebetstunde am Samstag Rechnung getragen." Es ist jedoch nur der Anfang vom Ende. Manche französische Juden gehen in ihren Reformbestrebungen noch einen Schritt weiter. So meint Mr. Albin Valabregue (Gil-Blas 1/II 06), dass „man nicht die Fassade des alten Judentums umbauen", sondern den Tempel eines Neuen Jerusalems bauen müsse. Es wäre für die Juden keine geringe Ehre, die Ersten zu sein, die dem Freimaurer und dem Pfarrer brüderlich die Hand reichen würden.... Das Judentum ist mehr als eine Religion, es ist eine soziale Mission." . . Noch ein Schritt weiter, und das Judentum hat überhaupt aufgehört zu sein. Natürlich das Judentum der Herren Valabregue und Reinach! .... Die anlässlich der Brüsseler Konferenz im Auftrage des zionistischen A. C. vom Statistischen Bureau in Berlin-Halensee herausgegebene Broschüre DIE SOZIALEN VERHÄLTNISSE DER JUDEN IN RUSSLAND ist zum Preise von zwei Mark durch den Jüdischen Verlag, Berlin-Charlottenburg, Herderstrasse 3/1, zu beziehen.

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