Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No.6 DIEMELT 21 her, was für einen Korkenzieher ich habe, einen echten englischen. {Zieht aus der Tasche ein grosses Messer mit einem Korkenzieher, öffnet die Flasche, schänkt ein, lässt aber den Korkenzieher auf dem Tisch liegen.) Herschele: Aufgegeben das Rauchen? Was ist das für eine Kinderei? Ich hab' hier eine ausgezeichnete Zigarre. {Trinkt) Das ist offenbar der billige Wein, hat keinen Duft, Ich versteh' nicht, was mefnt Ihr eigentlich mit dem Hereinfangen? Leiser: Gib mir das Glas, werd' ich Dir zeigen, was das heisst., Herscheie: Ich bitt1 Dich, mach, dass Du hinauskommst, aber rasch! Leiser {erschrocken): Ich geh' schon! {Ab) Masik: Der Plan ist ganz einfach. Wir haben jetzt viel Waren auf Kredit genommen, und ich hab' die letzte Zeit die Geldzahlungen eingestellt. Reb Herscheie, wir haben jetzt in der Kasse bare 75000 Rubel. Da habt Ihr den Schlüssel von der Kasse! {Gibt ihm den Kassenschlüssel) Herscheie: 75000 Rubel! Unberufen eine schöne Summe! Aber sie gehört doch nicht uns. Man muss doch bezahlen! Masik: Bezahlen? Reb Herscheie Dubrowner, jetzt ist die beste Zeit zu bankerotteren. Herscheie: Was heisst das? Bankerottieren, wenn das Geschäft gut geht und die Kasse voll ist? Wollt Ihr noch trinken? {Schänkt ihm ein Glas ein) Bankerottieren! Masik: Wenn die Geschäfte schlecht gehen, ist's schon zu spät zum Bankerottieren. Jetzt ist die richtige Zeit, mein Freund. Es ist ja noch besser als ein Gewinn. Wir werden um das Dreifache reicher mit einem Schlage. Herscheie {springtauf): Wirklich? {Besinnt sich) Aber, Reb Uriel, Gott sei mit Euch! Ihr wisst doch, dass ich vor allem ein ehrlicher Geschäftsmann und ein guter Jude bin. Masik: Gewiss! Weil Ihr es seid, ist's gut Bankerott zu machen. Bei einem so feinen und ehrlichen Mann wie Reb Herscheie werden die Gläubiger mit Vergnügen 50 Kopeken für einen Rubel nehmen. Im Handel heisst ehrlich sein — nicht dumm sein. Soviel als möglich nehmen und so wenig als möglich zurückgeben. So tun es auch alle Grossen, denen wir Geld schuldig sind, so werden wir auch tun. Aber, was die Ehrlichkeit anbelangt, Ihr bleibt ja ein ehrlicher, frommer Jude, und die Kasse bleibt voll. Berechnet einmal! Her schele: Ja, berechnen wir einmal, wieviel die Summe ausmacht! {Setzen sich an den Tisch und rechnen). (Fortsetzung folgt). APHORISMEN* VON LEON KELLNER. Wir haben den Fehler begangen, die Anstalten des alten Ghettos eingehen und sterben zu lassen, als hätten sie in der neuen Zeit der Gleichheit und Brüderlichkeit keine sozialen Funktionen mehr zu erfüllen. Die jüdische Toynbeehalle ist ein Versuch, das Bethamidrasch zu ersetzen. * # * Wir Juden sind wie die Gase. Wenn man uns die Freiheit gibt, verlieren wir uns ohnmächtig im All; wenn man uns zusammendrückt, sind wir eine unüberwindliche Kraft. * * * Der westliche Jude ist über jedes Misgeschick, das ihm begegnet, höchlich empört; der östliche ist dankbar überrascht, wenn ihm einmal auch was Angenehmes passiert. * * * Uns Juden ist schon deshalb so schwer beizukommen, weil man uns nicht an die Wurzeln kann: die liegen so tief in grauer Vorzeit, dass keine Axt sie mehr erreicht. * * * Bei den anderen Völkern betet jeder für sich; unsere Gebete kennen kein Ich, nur „Wir" und „Uns*. * * * Die grösste Krise im Judentum der neuesten Zeit ist nicht die »Aufklärung, nicht der Antisemitismus, sondern die Entstehung der grossen Städte. * Anmerk. Erscheinen gleichzeitig in polnischer Sprache in Adolf Stand's Rocznik Zydowki, 1906. Wenn Kurzsichtigkeit ein Gebrechen ist, weil sie den Blick in die Ferne verwehrt, so ist ein Weitsichtiger in der unangenehmen Lage, dass sich das Allernächste seinem Auge entzieht. Wir Zionisten müssen uns davor hüten, in den Fehler aller geistig Weitsichtigen zu verfallen und über dem Morgen das Heute zu übersehen. * * Der arme Jargon! Die Gebildeten unter uns lassen ihn nicht gelten, weil er sie an Armut und Niedrigkeit erinnert; die Frommen unter uns wollen nichts von ihm wissen, weil er der heiligen Sprache im Wege steht; die Gelehrten unter uns zitieren die grossen Sprachforscher und vergleichen ihn mit einem Pferd, das mit allen Krankheiten behaftet sei. Merkwürdig! Das Englische zeigt alle Merkmale des Jargons in vergröberter Gestalt: Niederdeutsch, Altnordisch, Altfranzösisch, Kirchenlatein, klassisches Latein, Holländisch, Hindustani, sogar Chinesisch — alle diese Sprachen sind im englischen Wortschatz vorhanden und sieh' da! alle Philologen der Welt wissen nicht genug Rühmens von seinem Reichtum zu machen. Ja wohl! Was beim Freien eine Tugend ist, wird beim Sklaven als Laster gerechnet. * # Warum wir so schwer unterzukriegen sind? Weil wir seit unserem Eintritte in die Völkergeschichte nicht aus dem Kampfe herauskommen. „Gelobt sei der Herr, mein Hort, der meine Hände gelehrt den Kampf, meine Fäuste den Krieg."