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Die Welt · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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REVUE DER PRESSE „The Fortnightly Review" — Januar 1906. ,In d*m Inliegenden überaus reichhaltigen Hefte der bekannten englischen Zeitschrift finden wir einen auf die Judenfrage bezüglichen Artikel von Mr. Laurie Magnus. Der Verfasser ist kein Unbekannter auf dem Gebiete der englisch-jüdischen Literatur. Er hat sich viel mit der Geschichte des jüdischen Volkes befasst. Diese seine gegenwärtige Studie soll die psychologische Seite des jüdischen Lebens berühren. „Notes on History and Charakter of The Jews" heisst der Aufsatz, der einige, wenn auch nur hingeworfene Gedanken über den Charakter des jüdischen Volkes enthält. Den Charakter eines Volkes kennzeichnen, oder die Charakteristik der Geschichte dieses Volkes bieten heisst soviel, wie die Philosophie einer Geschichte zu schreiben. Denn der Charakter ist der Inbegriff der innersten, tiefsten, wesentlich spezifischen Volkseigenschaften, die aus der Geschichte hervorgegangen, wiederum zur Schaffung der Geschichte beigetragen haben. So tief dringt Mr. Magnus in sein Thema nicht ein. Er verfährt zu summarisch, er bringt seine Thesen zu aphoristisch zum Ausdruck. Seine Juden, die er studiert, sind die Juden, wie sie im „Ghetto44 geworden sind. Er berührt mit keinem einzigen Worte die Juden der Vergangenheit, die typischen Rassenjuden. Und vielleicht hat Dr. Magnus in dieser Hinsicht — wenn er es nur mit Absicht getan hat — nicht Unrecht. Die Juden der Gegenwart haben die Wurzeln ihrer psychischen Beschaffenheit nicht in direkter Linie vom Juden der Antike sondern vom Ghettojudentum. Dieses hat eine eigengeartete Psyche, es ist eine besondere Individualität. Und deshalb hat Mr. Laurie Magnus nicht ohne Berechtigung die Herleitung des jüdischen Volkscharakters aus dieser Quelle versucht. Aber die Auffindung dieser Quelle ist leicht, ihre Klärung sehr schwer. Denn im Leben der Juden kreuzten sich immer soviel Fäden, häuften sich so viele Schichtungen, dass ihre Entwicklung und Aufdeckung der Arbeit eines Goldgräbers glei hen würde, der die Goldader in einer endlos sich windenden, zackig verlaufenden Linie in dem Gesteine verfolgt. Mr. Magnus hat sich mit dem Suchen nicht allzuviel Mühe gegeben. Die Frage, die er angeschnitten hat, gewinnt jetzt besonders an Interesse, da die gegenwärtige Zeit, besonders im kontinentalen Europa, nach Selbsterkenntnis und Wertschätzung der eignen Persönlichkeit strebt. Fouillee hat versucht, die Völker Europas in ihrem Grundcharakter zu erfassen, Chamberlain will es mit einer ganzen ethnisch-mannigfachen, psychologisch-verwandten Rasseneinheit versuchen. Und es wäre ein sehr interessantes Problem, gerade die jüdische Idiosynkrasie herauszuanalysieren. Mr. Magnus hat jedoch einen einzigen Charakterzug des jüdischen Volkes hervorgehoben, und das ist der gewaltige „Idealisations-Drang" der Juden. Der Jude idealisiert alles, schneidet sich die Welt nach seinem eigenen „Willen" zu. Die Weit ist seine Vorstellung, könnte man beinahe mit Schopenhauer sagen. Dieser mächtige Idealisierungs-Drang war es auch, der die Juden das schmutzige, elende Ghetto, in dem ein anderes Volk verkümmert untergegangen wäre, vergessen Hess, sie in andere, höhere und reinere Regionen brachte, wo sie, wenigstens im Geiste, frei waren. Dieser Idealismus war sozusagen ein Schutzventil gegen den Druck von auswärts. . . . . Der Gedanke ist nicht neu. Wir hätten gerne eine vertiefte, psychologische Erklärung gesehen. Mr. Laurie Magnus hat jedoch das Verdienst, diese Frage in die englische Literatur eingeführt zu haben. NACHRICHTEN Juden-Ausschreitungen. ,m Dorfe Czerleiiy in Bessarabien Ä zwangen Bauern unter Führung des Gemeindevorstandes die Juden durch Todesandrohung, auszuwandern. Aus ganz Bessarabien flüchteten daher die Judenfamilien nach der Bukowina. Die Bahnzüge, die über die russische Grenze kommen, sind überfüllt. Ein neues Territorialprojekt. Pie "Basfle,r NJachATiti1]tenM bringen folgende Meldung, die wir, ohne uns für deren Richtigkeit zu verbürgen, wiedergeben : Die Freunde eines unabhängigen Judenstaates lenken jetzt, wie man uns aus England schreibt, ihre Aufmerksamkeit auf ein in Amerika gelegenes Gebiet. Dieses Gebiet wurde vor sechzehn Jahren als Sitz für eine unabhängige irische Republik gewählt; doch scheiterte der Plan damals an dem Mangel an Geldmitteln. Diese Gegend ist die schmale Halbinsel, in welche Kalifornien imJSüden ausläuft. Diese Halbinsel ist nicht ganz tausend Kilometer lang und besitzt eine Landgrenze von weniger als 200 Meilen, stellt also geographisch ein ziemlich selbständiges Gebiet vor. Baja Kalifornia, dies der Name des Gebietes, gehört aber nicht den Vereinigten Staaten, sondern Mexiko, mit dem es aber nur in einem ganz losten Zusammenhang steht gfDas Land ist nur ganz dünn bevölkert, da auf hundert englische Quadratmeilen kaum 80 Menschen kommen und diese sind zumeist Mischlinge von einem sehr niedrigen Typus. Daher war auch die mexikanische Regierung 1889 gern bereit, in Verhandlungen über den Verkauf des Gebietes einzutreten und diese Bereitwilligkeit dürfte auch heute noch vorhanden sein. Das Land ist von der Natur sehr begünstigt, ferner sind Silber- und Schwefelvorkommen nachgewiesen und zum Teil sogar schon aufgeschlossen worden. Das Land besitzt mehrere gute Häfen. AUS DER BEWEGUNG Anlässlich der Landes-Konferenz der italienischen Zionisten wuide deren Präsident, das Mitglied des zionistischen Aktions - Komitees Advokat Feiice Ravenna vom König von Italien in längerer Audienz empfangen. Der König, der schon Theodor Herzl Beweise seines Wohlwollens gegeben hat, befragte Herrn Ravenna über den gegenwärtigen Stand und über die Fortschritte der zionistischen Bewegung und folgte dessen Mitteilungen mit sichtlicher Aufmerksamkeit, worauf er sich noch einige Zeit in sehr freundlicher Weise mit Herrn Ravenna unterhielt. _ Aus London wird uns telegraphiert: Auf das von Sir Francis Montefiore im Namen der „English Zionist Federation" versandte Rundschreiben an die englischen Parlaments-Kandidaten haben mehr als 250 von ihnen geantwortet, dass sie bereit seien, die zionistischen Bestrebungen zu unterstützen. Drei antworteten, dass sie den territorialistischen Plan bevorzugen, von diesen drei Parlaments-Kandidaten sind zwei Juden. Aufruf des westgalizischen D-K. Werte Gesinnungsgenossen! Gemäss Beschlusses des D-K. wird Sonntag, den 4. Feb ru ar 1. J. in Tar n o w der III westgalizische Distriktstag einberufen. Tagesordnung: 1 Eröffnung. 2. Wahl des Bureaus, des Legitimationsausschusses und der Revisoren. 3. Bericht des scheidenden D.-K und Erteilung des Absolutoriums. 4. Organisation der galizischen Zionisten. 5. Unsere Stellung zu den anderen Parteien in Galizien. 6. Parteiabgaben, Nationalfond und Präliminare pro 1906. 7- Wahl des neuen D-K. 8. Eventualia. Etwaige Wünsche, Anträge, und Propositionen bezüglich der Referenten sind an das D-Kzu Händen des Obmannes Dr. L. Goldwasser Krakau, Allerheiligen 8, spätestens acht Tage vor dem Distriktstage zu übermitteln. Gleichzeitig ersuchen wir um baldmögliche Einsendung des Tätigkeitsberichtes der betreffenden Vereine, welcher unter anderem zu enthalten hat: a. Namen des Präsidiums und des Ausschusses, b. Anzahl der Mitglieder und Schekelzahler. c. Kurze Darstellung des Entwickelungsganges des Vereines, d. Vorträge, Kurse, Abende etc. e. Agitation zugunsten des Nationalfonds, f. Lokale Agitation, insbesondere in Bezug auf die lokalen Kahalverhältnisse und die Wahlreform. Auch bitten wir um unverzügliche Entrichtung der Parteisteuer und bemerken zugleich, dass das Wahlrecht zum Distriktstage nur denjenigen Schekelzahlern zusteht, welche die Parteisteuer für das letzte Jahr bezahlt haben. Alle Delegierten sowie Vertrauensmänner nehmen nach § 12 unseres Org.-Statuts an der D-Versarnmlung mit entscheidender Stimme teil. Wir fordern mithin alle unsere Vereine und Vertrauensmänner auf, die Berichte sowie die Parteisteuer spätestens bis zum 25. d. M. einzusenden, und die Delegiertenwahl rechtzeitig vorzunehmen, da die Wahl - Protokolle spätestens 8 Tage vor dem Distriktstage dem D-K. mitgeteilt werden müssen.

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