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Die Welt · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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flr. 45 Jfbie # W$lt" Seite 13 ist schade um die Debatte, die uns die führenden Genossen jüdisch-sozialistischer Assimilation in der Pose internationaler Schwärmer oder fremdnationaler Parasiten gezeigt hätte. Es wurde über die Sache der Separatisten nicht gesprochen. Nur Dr. Victor Adler konnte es sich nicht versagen, „auf eine Episode, auf den Versuch einer Gruppe in Galizien, eine eigene Partei zu gründen, zurückzukommen4'. Er tat's mit den lakonischen Worten: „Wir haben keinen Grund, von dem einmal gefassten Beschlüsse abzugehen, dass diese Gruppe ausserhalb der Partei steht." Nun, so glatt wird die Sache nicht immer gehen. Und das kluge Parteiorakel wird noch in langen Reden ein Komprorniss begründen. Wird schon kommen! Man braucht sich dabei gar nicht auf das „Taktgefühl und Gerechtigkeitsgefühl" zu verlassen, das der Warschauer Abgesandte so lobend hervorhob, als er die Lösung der nationalen Frage innerhalb der österreichischen Sozialdemokratie besprach. Angesichts dei Separatistenaffäre klingt es wie Erozzelei, wenn derselbe Genosse dem Parteitag zurief: „Ihr habt es begriffen, dass, wie jede Nation ihre Besonderheiten, jedes Proletariat seine nationalen Eigentümlichkeiten hat und dass Taktik und Bestrebungen nicht überall dieselben Formen haben müssen." Der Streit zwischen Deutschen und Tschechen hat auf dem letzten Parteitage Formen angenommen, die von der gereizten Stimmung deutlich zeugen. Wir sind weit entfernt, darüber Schadenfreude zu empfinden. Aber symptomatisch ist die Drohung in einer Erklärung der tschechischen Delegation, welche die rascheste Austragung eines zwischen der Wiener und Prager Oewerkschaftskommission „als eine unerlässliche Bedingung des weiteren gemeinsamen Vorgehens und der Existenz der sozialdemokratischen Arbeitergesamtpartei in Oesterreich" bezeichnet. Sie berufen sich dabei auf „die absolute Gleichberechtigung und Gleich w e r t u n g der Arbeiterschaft aller Nationalitäten in Oester r ei c h". Die Wiener haben so kraftb^wussten nationalen Worten gegenüber den Rückzug bereits angetreten. Nur über die jüdischen Genossen in Galizien dürfen sie wie mächtige Parteipaschas die Parteipeitsche schwingen. Aber sie werden umsatteln, wenn es zu den Wahlen kommt und die Separatisten an Boden gewinnen. Ihr „Takt- und Gerechtigkeitsgefühl" wird dann auch die jüdische Frage lösen helfen. Feuilleton. Der Literat im Juden. Von Ego. Im Anfange unseres Volkstums war der Prophet, am Ende ist der Literat. Der Bejahung des Geistes durch seine kühnste, unbewusst höchste Gestaltung folgt seine Verneinung durch die Intelligenz. Dazwischen liegt die Volkskraft von Jahrhunderten begraben. Als Geist gilt uns eine magische Durchleuchtung des Seins, seine Erhöhung aus der Wirklichkeit in die Wahrheit, die Schöpfung scheinbar neuer Zusammenhänge durch logische oder paradoxe Suggestion. Von ihm geht das Atmen einer furchtbaren und deshalb unsagbar schönen Urkraft aus, eine Ahnung von den Gewalten des Lebens. Die In t elli ge n z ist bloss das Selbstbewusstsein des Fleisches, n;cht des ganzen Menschen und seiner unerklärlichen Zeugungskräfte. Die Ueberwindung der sinnlichen und geisti gen Möglichkeiten im Menschen, das wird — seine Intelligenz. Erst wenn die Elemente der höheren Art in stumpfer Anschauung und mechanischer Auslegung erstickt sind, erst dann wird der L i t e r a t geboren. Dionysos Zagreus, der von den Titanen Zerrissene, unser Dionysos hat ihn in seinem Gefolge, er gehört zum wilden Schwarme einer masslosen und doch schon ermatteten Kultur, denn sein Wesen ist es, sie misszuverstehen. Die Kultur weiht ihre echten Söhne zur Sittlichkeit des ungehemmten Wollens trotz und gegen die Sittlichkeit des Sollens. Der Literat will nichts, denn er ist nicht von einer Rasse gezeugt, sondern 1 ur von zwei zufällgen Menschen, aber er verachtet das Sollen dennoch, weil er einen Spürsinn für Rechte besitzt und pflichtenmüde ist. Was ein Ueberströmen masslosen Reichtums sein sollte wird bei ihm zu einem Versickern der letzten Wahrheit — er mimt, was andere leben. Die Kultur lehrt den Berufenen eine frühe Weisheit, die verborgene Gewöhnlichkeit des Neuen und die unerkannten Wunder des Gewöhnlichen, sie lehrt den grossen Spott für jede Art von Nützlichkeit — der Literat achtet auf die Geste und wiederholt sie, bis er die anderen überzeugt hat. So spottet er über die Widersprüche, deren Erkenntnis er sich abgerungen hat, die aber dennoch in ihm gebannt bleiben, weil seine Wünsche an ihnen haften. Die eilen Kulturwürden lieben die Einbildungskraft vor allem, denn mit ihr können sie die verlorene Pracht der gewaltigen Jahrhunderte, in denen wi-klich gelebt wurde, bis ins Ueberlebensgrosse st°igern. An dem Adel seiner Phantasie erkenneich den Enkel hoher Geschlechter. Der Literat ist ein erster und letzter, seine Phantasie ist fieberisch aufgestachelt oder von unfreier Sinnlichkeit befleckt. Will er die Kunst besitzen, so erschöpfe er seinen Leib in einem lebenslangen Ringen und wenn er verunstaltet und gebrochen am Ziele ist, hält er nur Gesetze in den Händen, deren Siegel er leicht lösen kann. Wenn Kultur redet, so ist sie eine nur fühlbare, aber unbegreifliche Tat, ein Werden, denn eine noch nie gesehene Blüte von seltsam matter Farbe ist vor uns erstanden. Wenn der Literat schafft, so hat er doch nur geredet, denn seine Eingebungen besassen keinen Zusammenhang im Unbewussten, ehe er sie mit Worten daraus emporhob. Auch auf das rein Physiologische erstreckt sich dieser Gegensatz, denn das wirkliche Erleiden von Erregungen wirkt anders auf das Gefässsystem als ein vorgegebenes. Dort werden die Nerven zu ursprünglichen Gefühlserregerr und lösen Empfindungen oder Gedanken übermächtig aus, bei den Nachahmenden ist es der Verstand, der Reizungen auswählt und sie mit Willenskraft in die Nervenbahnen zwängt. Es gehört zu den Denkformeln unserer Zoit, die Werte von Menschen und Zuständen auf die unmessbare Grösse: Kultur zurückzuführen. Im wesentlichen versteht, oder richtiger missversteht man darunter die Summe aller geistigen und moralischen „E r r u n g e n s c h a f t e n>k die überdauert haben. Jedes Volk, das als solches l^bt, hat seine Eigenkultur und von jeder dieser Nationalkulturen strömt das rassenindifferente Reinmenschliche in die Weltkultur ein. Wenig allgemeine Begriffe gibt es, die eine so relative Existenz sichern, als diese überlebenden „Errungenschaften*\ Eine mutige Auffassung sieht in allen abgeschlossenen Errungenschaften nur Marksteine auf dem Wege menschlicher Selbstbeschrärkunt?; Individualisten erkennen in der Kultur i ur den Machtausdruck klassenegoistisch er Sittlichkeit oder die Apotheose unserer U n f ä h i g k e i t zum wahren Kulturmenschen, das heisst zum freienUeberwinder aller Gewohnheitsfesseln. Die stolzeste unserer Anmassungen, unser Kulturbewusstsein trägt also auch ihre Verneinung in sieh. Sind aber Umfang und Wirksamkeit unserer Kultur auch schwankend, so sir.d es doch ihre Wirkungen auf den menschlichen Organismus nicht. Es gibt vielleicht keine absolute Kultur, aber es gibt kultivierte Empfind ungs Systeme in einzelnen Menschen — die Reizbarkeiten jahrhundertlangen Erlebens. Nur in diesem Sinne dürfen wir Typen festlegen, denn es ist schön, der leidende Sohn seiner Zeit zu sein, aberesistgrotek, ihn zu kopieren. So ist jede Kultur an ihre eigensten Menschen gebunden und kein Fremder kann sie je besitzen. So lebt in Barbaren mit innerer Zuständigkeit mehr Kultur als in den wortstolzesten Adepten einer^ wesens-

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