Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bit * W*lt Nr. 43 Dr. Oser Kokesch gestorben. Samstag verbreitete sieh plötzlich die Nachricht vom Hinscheiden Dr. Oser Kokesch', em, Mitglied des engeren A.-C., Mitglied des A.-C., A. H. der akad. Verbindung „Kadimah", Hof- und Gerichtsadvokaten in Wien, und erweckte allgemeine Bestürzung. Obwohl allgemein die Schwere seiner Krankheit, eines Krebsleidens, bekannt war, so hoffte man doch auf einen guten Ausgang der im Rudolfinerhause vorgenommenen Operation, um so mehr, als der Verblichene seinen Pflichten bis zum letzten Momente nachging. Das gibt den Grundriss seiner Charakteristik, über die ein bewährter Freund des Verblichenen, Herr Dr. M. T. Schnirer, sich aussprechen wird. Vorderhand soll nur gesagt werden, dass eine grosse und aufrichtige Trauer um den Verschiedenen die hiesigen Zionisten und seine zahlreichen Freunde erfasst hat. Da das Ereignis überraschend schnell eintrat, verspätete sich die Nachricht nach aussen. Doch lässt der Ton der eingelaufenen Trau* rdepeschen den starken Eindruck erkennen, den die Nachricht von dem traurigen Fall in allen Kreisen unserer Bewegung gemacht hat. Dr. Oser Kokesch (1860—1903) Nach langen schweren Leiden ist er nun durch den Tod erlöst worden: unser treuer und lieber Freund, einer der treuesten und wackersten Vorkämpfer des nationalen Gedankens in Oesterreich, dem es auch gegönnt war, nach Entwicklung unserer Bewegung zu ihrer politischen Bedeutung dieser bis zu seinem letzten Atemzuge in führender und leitender Stellung seine schätzbaren Kräfte zu widmen. Noch vor dem Auftreten des unvergesslichenFöhreis Herzl stand Dr.Kokesch an der Spitze jeder zionistischen Arbeit in Oesterreich; vor mehr als. 15 Jahren war er eines der tätigsten Mitglieder des ersten in Wien gegründeten Kolonisationsvereines „Admath Jeschurun* und als dieser Verein später (1893) den Namen „Zion* annahm und sich mit den übrigen zionistischen Vereinen der Monarchie zu einem „Verbände" vereinigte, trat Dr. Kokesch nebst seinem Freunde Dr. Schnirer an die Spitze dieses Verbandes. Er füllte diesen Posten aus mit jugendlicher, nimmermüder Arbeitslust, er widmete seiner zionistischen Arbeit die Morgenstunden und die Abende und manche kostbare Stunde seiner beruflichen Pflichten, er hing an ihr mit der ganzen Innigkeit seines Herzens. Er war ja ledig, hatte ja kein Haus, keine Familie begründet und er fand nach der Erledigung seiner täglichen Berufsarbeit seine einzige Erholung im Kreise seiner weiten zahlreichen „Familie", wie er sie nannte, im Kreise der Kadimahner, die ihn als „Alten Herrn" aufgenommen hatten, oder in Gesellschaft derjenigen, die ihm halfen, zionistische Organisationsarbeit zu leisten. Seit der Entstehung des Verbandes bis zu den Kongressen wuide tatsächlich keine Arbeit geleistet, deren Initiative nicht von Dr. Kokesch ausgegangen war. Er leitete die Angelegenheiten des Einzelvereines, trotzem er nicht an dessen Spitze stand, er besorgte die Geschäfte des Verbandes und dessen Arbeiten zur Herbeiführung einer geeigneten und gefestigten Organisation in Oesterreich und stand in brieflichem Verkehre mit zahlreichen gewesenen Studiengenossen und Freunden in der Provinz, die er zur Gründung von Einzelvereinen anregte und mit allen nötigen Behelfen ausgiebig unterstützte. Die Arbeit nach dieser Richtung war eine überaus schwierige. Noch haben zu jener Zeit unsere wackeren Gesinnungsgenossen in Galizien zum Beispiel, wo die meisten Vereine des Verbandes waren, den hohen Wert einer zentralisierten Arbeit, die wir alle erst auf den Kongressen gelernt haben, nicht gebührend zu schätzen gewusst. Es herrschte ein gewisses Misstrauen gegen „Wien", trotzdem sie doch wissen mussten, dass Dr. Koke s.ch kein Wiener, kein assimilierter Jude, sondern Fleisch von inrein Fleische, Blut von ihrem Blute war, ein Jude, der von nationalen Idealen ganz wie sie erfüllt war, der ihnen mit all seinem Empfinden und Denken nahe gestanden. Dr. Kokesch schreckte aber vor den Schwierigkeiten niemals zurück; er arbeitete unverdrossen, unermüdlich und er erlebte die Freude, dass bei H e r z 1 s Auftreten eine geschlossene Reihe von Vereinen und Gruppen dem Aufrufe des Verbandes Folge leisten und der stolz entrollten Fahne Herzl s, die zunächst von der Leitung des Verbandes, dem Kok esch vorstand, getragen wurde, sich anschliessen konnte. In Wien selbst hatte mit Herzls Auftreten ein reges zionistisches Leben begonnen. Das Klubzimmer im Cafe „Louvre", wo uns Herzl zum ersten Male aufgesucht hatte, war zu eng geworden und wir zogen in ein eigenes Heim, in die Rembrandtstrasse. Auch dort war Kokesch der Wirt, der über alles geschaltet und gewaltet hat. Es wurde sein Heim, in dessen Räumen er seine „Familiea um das vielfache vergrössert sah Neben seinen lieben Kadimahnern sah er dort an den regelmässig stattfindenden Dienstagabenden zahlreiche Mitglieder anderer Verbindungen und Vereine versammelt. Es wurde vorgetragen, diskutiert, Tee getrunken, dessen Reinerträgnis zionistischen Zwecken gewidmet war. Wenn auch unser unvergesslicher Herzl den Mittelpunkt dieser Abende bildete, Kok esch darf jedoch das Verdienst nicht abgesprochen werden, diese Abende arrangiert und geleitet, für ihre Ausgestaltung mit allen Kräften gesorgt zu haben. An den Vorbereitungen zum ersten Kongresse hatte Kokesch den regsten Anteil genommen. Rastlos oblag er seinen überhandnehmenden Arbeiten, die er sich selbst freudig auferlegt hatte. Seine Freude über den herannahenden Kongress kannte keine Grenzen* In Basel sollte das jüdische Volk zum ersten Male seit seiner unglückseligen Verbannung offen vor aller Welt seine nationalen Rechte und Forderungen, seine berechtigten Hoffnungen zum Ausdrucke bringen. Kokesch war das Glück, dies mitanzusehen und mitanzuhören, nicht gegönnt. Ein unglücklicher Zufall, der Bruch eines Beines, warf ihn einige Tage vor dem Kongress aufs Krankenlager. Er durfte nicht nach Basel gehen; iri banger Sehnsucht blieb er daheim und empfing mit kindlicher Rührung täglich Nachrichten von dort, die ihm heisse Tränen aus den Augen pressten. In absentia haben ihn die Vertreter des jüdischen Volkes auf dem ersten Kongress in die Reihe der Führer gestellt, die Herzl zur Seite standen. Wie er diesen Vertrauensposten ausgefüllt, darüber gibt uns die Trauerrede seines Kollegen im A.-C, der ihn täglich an der Arbeit sah, beredtes Zeugnis. Aber wir wissen es ohnedies. Wir alle, die zionistische Arbeit verrichteten, gingen kaum an irgend eine Tätigkeit heran, für die wir nicht Kokesch* Mit* wirken beanspruchten. Wir Wiener Zionisten kannten seinen Eifer, seine Arbeitslust, seine Geradheit in der