Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: VIEH IX., TOrkinstrasse Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und unverlangte Manuskripte weder zurückgesendet noch aufbewahrt. Preist der Ausigen: laut «ufltogandfus* Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzelne NuM»er* 80 Heller. Ra7lirißnifOBeoa Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Austen' : MW*H'P1010"^ Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3,45, England ganzjährig &hß. 14.~, halbjährig Shg, 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.— , hajfejährig Frcs; 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.8o, m e Wien, 13. Oktober 1905. — 14. Tischri 5666. 9, Jahrgang. Ein Lichtblick. Die antisemitische Faust am judischen Halse hat ihvBti eisernen Griff etwas gelockert. Wenn nicht alle Nachrichten trügen, hat der Unterrichtsminister des Zarenreiches sein amtliches Ja und Amen dazu gegeben, dass di& Universitäten jeder beliebigen Anzahl Juden die lang behüteten Pforten öffnen. Bis jetzt bestand die staatliche Weisheit bekanntlich darin, die Juden nur im Ausmasse von 3—7 Prozent aller Hörer an der Weisheit irn Staate teilnehmen zu lassen. Die Intelligenz irgend eines Judenfeindes in Amt und Wurden hatte die salomonische Massregel ausgeheckt, die russischen JiieUn nach Kräften vom Schulbesuch auszusehliessen. Von der Volksschule aufwärts bis zur Hochschule wurden die Verfügungen immer drakonischer, die den jüdischen Bildungsauftrieb niederhalten sollten. Wollte man etwa die verhasste Rassenklugheit der Juden, die durch Widerstand doch nur wächst, durch den Raub der Bildungsmöglichkeiten herunterdrücken oder war es nur ein Fall sinnloser Grausamkeit, wie er oft die Gewalthaber befällt, während die Juden des Anfalls Schmerzen leiden? Väterchen Tschinownik war gnädig und hat einem Teil seiner Sklaven einen Festtag bereitet. Es ist ihm zwar nicht eingefallen, seinen ergebenen Wächter, das Elend, vom Tor des Ansiedlungsrayons wegzutreiben. Aber er hat wenigstens dem Intelligenzproletariat einen Bissen zugeworfen, indem er ihm das Reisen und Darben in der Fremde erspart hat. Denn die russische Grenze war jxicht auch die Grenze des jüdischen Sirebens nach Bildung. Mochte auch im feindseligen Auslande der Hunger neben dem Wissen stehen, so schaute ihm der jüdisch-russische Student ruhig ins Auge, wenn er trotz allem Wenn und Aber, vor dessen Bedeutung die Schwächlichkeit eines nicht im Kampfe gehärteten Westlers zusammensinken würde, an die Stätten der Gelehrsamkeit reiste. Nun hat eine wirklich kluge Regierungskunst denn doch gefunden, dass es verfehlt sei, -von vornherein verbitterte Menschen ins Ausland zu.;sehicken,4ßS8en Freiheit die Schranken der politischen Tätigkeit niederriss und beispielgebend anspornte. Sie hat nun versucht, bessere Wirkungen zu erzielen, indem sie den jüdischen Studenten im natürlichen Milieu besseres leibliches und geistiges Fortkommen ermöglicht. Damit verlieren die europäischen Universitäten ein zum grossen Teü wichtiges Kulturelement. Denn die russischen Studentinnen und Studenten sind hocherhaben über den Durchschnitt unseres Brotstudenten, der sein Plätzchen und sein Wohlergehen ängstlich vor jeder Aufregung durch tätigen Idealismus schützt, Diese jüdischen Köpfe aus dem Osten werden aber noch hoch getragen. In ihnen lebt noch eine herrliche Auffassung von Welt und Menschheit, sie streben noch nach der Schönheit des Lebens! Sie zeigen uns, wie man mit seinem eigenen Ich für ideale Güter bezahlt, und beschämen Europa durch den Hochflug ihres Geistes und beispiellosen Opfermut. Reisst nun unsere Studentenschaft, die doch vorgibt, für Idealismus zu leben und zu sterben, vor diesen Gästen, welche feuererprobt sind im Idealismus, die Tore auf, spannt sie nicht Teppiche unter ihre Füsse? Idealgrosse Schäbigkeit war das Zeichen des Empfanges, die deutschen Helden der Phrase liessen ihre Beredsamkeit und brutale Macht gegen die armen Fremdlinge spielen, die ihnen nichts wegtrugen, ihnen nicht nahetraten und nur das eine, unverzeihliche Verbrechen hatten, dass bie Juden seien. Unter den Sohlen der Ankömmlinge war nichts als die Keime des Judenhasses, die üppige Blüten trieben, wo nur die müden Füsse Rast machten. Die paar hundert Leute, an denen jetzt die grossen Wunder in Israel geschehen, haben eine grosse Universitätsfrage aufgerollt, deren Beantwortung geradezu eine Schmach für die westeuropäische Intelligenz bedeutet. Die Studenten an vielen Orten Deutschlands haben nicht eher geruht, als bis sie Besuchseinschränkungen gegen die russischen Kollegen durchgesetzt haben, und die Professoren > wurden von der Unterrichtsbehörde darin unterstützt, als sie ihren Idealberuf dahin auffassten, dass die Wissenschaft ein Privilegium und ein Objekt des Hasses bilden könne. Selbst die Schweiz ist von derlei Machenschaften nicht verschont geblieben und die Bevölkerung wurde in ihrem philiströsen Abscheu vor der durch phys sehe Armut und geistige Hoheit bedingten Lebensweise der