Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seüe 12 9fblC'^-'W*lt* Nr. 39 Nathan ein eingehendes Referat über die allgemeine Lage der Juden in Russland und über die Massnahmen erstattet hat, die zur Besserung ihres traurigen Loses unternommen worden sind. An den Vortrag knüpfte sich eine längere Interessante Debatte, die die völlige Uebereinstirnmung der Anwesender mit den Ausführungen des Referenten dartat. Hierauf wurde eine grosse Reihe von Bewilligungen beschlossen. Dem Komitee zur Hilfe durchreisender russischer Juden in Kopenhagen sind Mk. 2500.—, dem Jüdischen Unterstützungsverein] für Obdachlose in Hamburg Mk. 2000.—, dem Bremer Komitee für hilfsbedürftige durchreisende Juden Mk. 1500.— von neuem bewilligt worden. Alle diese Komitees stehen in engsten! Zusammenhange mit dem Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, das dem Hilfsveirein der deutschen Juden und der Grossloge „U. O. B. B." untersteht. Der jüdischen Gemeinde in Bialystok sind zur Verteilung an die durch die bekannten Exzesse ihres Ernährers beraubten Familien Mk. 5000.— zur Verfügung gestellt worden. Der neu gebildeten Gesellschaft „Bezalel" zur Förderung des Kunsthandwerkes in Palästina sind für das Jahr 1906 unter gewissen Voraussetzungen Mk. 3000.— bewilligt worden). Der Hilfsverein beschbss ferner, das Defizit der jüdischen Kinder gärten in Jerusalem im Betrage von Eres. 1900.— zu decken. Es wurden ferner für eine Mädchenschule in Jerusalem und andere Schulzwecke in Palästina und Rumänien namhafte Beträge votiert. Perso lalnachrichten. Unser wackerer Gesinnungsgenosse Herr Meier H e n i s c h hat sein Domizil von Kolomea nach Stanislau verlegt. * * * Die Ethrogimfrage. Auch heuer hat der Verein „Erez Israel" in Stanislau den Verkauf von Palästina-Ethrogim übernommen. Ein zionistisches Sammelwerk in polnischer Sprache. Unter den jüdischen Literaturen in europäischen Sprachen ist die jüdisch-polnische wohl eine der ärmsten, Es ist l.ier nicht der Ort, Betrachtungen darüber anzustellen, ob es überhaupt nützlich und Wünschenswert ist, die Entwicklung dieser Literaturen, die doch im Grunde fremdartig und unnatürlich sind, zu erstreben, es bleibt aber doch die Tatsache bestehen, dass das Judentum in seinem heutigen Stadium ihrer nicht entbehren kann, dass viele ihre Kenntnis ihres eigenen Volkes nicht aus Quellenschriften und hebräischen Werken zu schöpfen vermögen und dass ganze Zweige unseres Schrifttums, so vor allem die moderne, kritische Wissenschaft des JudlentumS', hauptsächlich in nichthebräischen Büchern enthalten sindi. Was nun speziell die Armut der jüdisch-polnischen Literatur anbetrifft, so haben verschiedene Faktoren diese Erscheinung gezeitigt; die fiauptursache scheint uns die folgende zu sein: Die Aufklärung kam auch nach Polen aus Deutschland, von der Schule Mendelssohns, den Biuristen und den Meassfim. so dass das erwachte Verlangen nach Bildung neben hebräischen Werken auch in deutschen seine Befriedigung fand- Werden ja noch heute die fortschrittlichen Juden in Polen von dem Volke als „Deutsche'* bezeichnet. Als sich nun aber die Nachkommen der Maskilini zu „Polen mosaischer Konfess'on" entwickelt haben, da wurde zwar die deutsche Sprache durch die polnische nach und nach verdrängt, für eine Jüdische Literatur in polnischer Sprache aber war kein Raum mehr, da man sich für eine solche Literatur überhaupt immer weniger interessierte, und die wenigen entstandenen Versuche sollten weniger zur Belehrung dienen, als das Werk der Assimilation beschleunigen. Die zu neuem Leben erwachenden Talmudjünger aber, sowie die Masse des jüdischen Volkes suchten und suchen weiter Belehrung in Büchern, die in ihnen zugänglichen Sprachen abgefasst sind, also in hebräischer und! jüdischdeutscher. Es ist nun erfreulich, das Erscheinen eines stattlichen jüdischen Sammelwerkes in polnischer Sprache, eines der ersten dieser Art, verzeichnen zu können, um so mehr, als es ein zionistisches Werk ist. Auch der Zionismus nämlich hat sich bis Jetzt nur schüchtern in polnischer Sprache geäussert, und so konnten über ihn die seltsamsten Gerüchte entstehen, ohne dass man Gelegenheit hatte,, sich vom Gegenteil Unterricht V zu können. Um diesem 'Mangel abzuhelfen, haben nun einige tatkräftige jüngere Zionisten in Warschau eine Gesellschaft zur Herausgabe entsprechender Werke in polnischer Sprache unter dem Titel „Safrus" ins Lieben gerufen und nun liegt uns als erste ihrer Früchte das sogenannte Sammelwerk vor, das den Titel der Gesellschaft trägt*) und das alle Vorzüge und MängeJ aller derartigen Erstlingsunternehmen aufweist: jugendlicher Enthusiasmus und ungenügende Erfahrung, herizerfrischeride Offenheit und' unnötiges Dreinschlagen, stürmisches Vorwärtsdringen und nicht immer begründete Beurteilung von Leuten und Tatsachen, aber im grossen und ganzen eine tüchtige Leistung. Da aber die Herausgeber unter den» polnisch schreibenden Zionisten nicht genügendt Kräfte gefunden haben,; so haben sie sich an einige bewährte Gesinnungsgeniossen des Auslandes gewendet, die speziell für das Sammelwerk bisher noch nicht veröffentlichte Beiträge geliefert haben, so dass wir hier 39 Abhandlungen vor uns haben, die alle, mit wenigen Ausnahmen, als Originalarbeiten betrachtet werden können und die zum grössten Teile die zionistische Bewegung und mft ihr verwandte Probleme zum Gegenstande haben. Auf eine Begründung oder Rechtfertigung des Zionismus haben die Herausgeber des Sammelwerkes von vornherein verzichtet. Und mit Recht! Der Zionismus, so lesen wir an einer Stelle (p. 112), ist bereits zur historischen Tatsache geworden und kann als solche höchstens zum Gegenstand einer historiosophischen Betrachtung gemacht werden, ist aber kein Problem, das einer Begründung bedarf, ebenso wie es heute keinem Menschen einfallen wind, die Aufhebung der Leibeigenschaft zu begründen, höchstens dass man sie als eine historische Erscheinung analysiert und erklärt. Eine solche Analyse des Zionismus bietet nun zum Teil Adolf Stand in seinem Artikel, der unrichtigerweise sich als „Die jüdische Moderne in Galizien" betitelt (p. 30—40), da das hier Gesagte doch von der jüdischnatioinaleii Renaissance im allgemeinen gilt. Er fragt: „Was ist Zionismus?" und definiert ihn richtig als den Willem, sich als Volk ausleben zu können, die neuesten Errungenschaften der europäischen Kultur nicht mechanisch herüberzunehmen oder tölpelhaft ihrem äusseren Scheine nachzugehen, sondern sie organisch in sich aufzunehmen! und national zu verarbeiten und auf solche Weise eine edle Assfmilationsarbeit zu vollziehen, diie weder entwürdigend noch gesinnungslos ist Stand ist es auch, der unserem dahingegangenen grossen Führer einen Nachruf widmet (p. 327—335), im dem er die Etappen in der Entwicklung Herzls vom Feuilletonistenf zum politischen Schriftsteller und von diesem mm Schöpfer des modernen Zionismus verfolgt. Von anderen rein zionistischen Arbeiten sei vor allem erwähnt „Ein Abriss der physischen Geographie Palästinas" von« A. Aaronsohn und S. S o s - k in (p. 163—189), dann ein Aufsatz Heinrich Loe wes ,„Ueber die erste Dämmerung der jüdischen Nationalbewegung im Westen" (p. 1—13), also über Mordechai Manuel Noah, der schon vor 80 Jahren einen Schekel einführen, aber dabei die Chaluka bestehen lassen wollte, über Ernest Laharanne und sein Werk „Reconstitution de la nationalite* j'uive" (Paris 1860), über Moses Hess' „Rom und Jerusalem" usw. Osias *) „Safrus11. Ksio£ka ebiorowa posniscowa spravom zydostwa, pod red*kcija Jana Kirszrota (Warszawa). Ozdobit Wilhelm Wachtel (Lwöw). [„SafrusV Ein den Interessen der Judenheit gewidmetes Sammelwerk. Redigiert von Jan Kirszrofc (Warschau), illustriert von Wilhelm Wachtel (Lemberg). Warschau 1905, 15 u. 335 S., kl. 4°.