Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nf. 39 „Ne # weit11 Seite 9 da nach Ansicht der Regierung nur die Juden die Revolutionären sind, da ferner die Abrechnung mit Juden keine Schwierigkeiten bereitet, da ja niemand sich ihrer annimmt — wurden von Herrn Trepow die strengsten Maßregeln seitens der Städtebehörden angeordnet, um nur die übermütigen Juden einzuschüchtern. In Bialystok ist die revolutionäre Partei unter den Juden stark entwickelt; deshalb wurde beschlossen, dort den rechten Versuch zur Ertränkung der Revolutionären in einem Blutbade zu machen. Schon anfangs'Februar 1. J., nachdem ein Kosak ermordet wurde, übten die Kosakem selbst ihr Recht In der blutigsten Weise. Die jüdische Bevölkerung verlebte einen Monat ungefähr in furchtbarem Schrecken und Todesangst, ohrte dass sich eine Hand rührte, dem Treiben der Kosaken-Einhalt zu tun. Am 21. Juni wurde ein Wachmann getötet und 6 Tage später fand die Polizei Gelegenheit, seinen Tod zu rächen. Ein Provokateur schoss gegen eine Patrouille und die Polizei feuerte sodann und streckte 13 Opfer nieder. Das war gewissermassen ein Prolog zur Tragödie vom 30. Juli. Schon einige Tage vorher war ein Gerücht von einem bevorstehenden Pogrom verbreitet, der vom Soldaten gegen Juden vorbereitet, werde. Ein Offizier hat es dem Dentisten Zitron ausdrücklich vorhergesagt, dass am Samstag den 30. Juli „etwas Wichtiges" geschehen werde. Dasselbe prophezeite ein Hauptmann, einem gewissen Birnbaum. Ein jüdischer Soldat erzählt, es sei den Soldaten das Kommando gegeben worden: „Die Juden revoltieren, sie müssten mit allen Mitteln eingeschüchtert werden!" Eine Redewendung, die am selben Tage auch in Schitomir gefallen war und beweist, dass das Vorgehen einen allgemeinen C'iarakter hatte. Freitag am 29. war geirlade von revolutionärer Seite nichts vorgefallen. Seit dem 27. Juni war die Bewegung an der Arbeiterbörse eine viel 'geringere. Und doch traf die Polizei alle Anstalten schon am {Freitag, die Patrouillen wurden verstärkt und ganz besonders in den Surasergasse. Samstag um 3 Uhr nachmittags girag es los. Es ist mit Bestimmtheit festgestellt, dass die Arbeiter nicht den geringsten Anlass zum Schiessen gegeben' haben. Einige Spaziergänger wurden von einem Soldaten zum. Auseinandergehen aufgefordert und als sie im Weggehen ihm den Rücken kehrten, sehoss er und traf den Arbeiter Feinste in in den Rücken. Eine Viertelstunde nach der Verwundung Feinsteins, dessen Tod zwei zufällig vorbeigehende Aerzte konstatierten, sammelten 3km vor denn Hause, in das der Verwundete getragen wurde, Arbeiter an. Nach einer kürzen Auseinandersetzung mit der angesammelten Menge gab ein Offizier den Befehl zu schiessen. Erst dann platzte eine Bombe, die drei Soldaten und zwei Arbeiter verletzte. Vor diesem Hause fielen mehrere Opfer durch die Schüsse des Militärs, das sich bald nach anderen Gassen begab und jeden, den es .am Wege erwischte, wie auf Kommando niedersehoss. Ein Soldat spazierte durch mehrere Gassen und erlegte s i e b e n Opfer. Einem alten Manne, der dem Wüterich zusah, gelang es, einen Poiizeimann zu bewegen, den Soldaten zu verhaften, aber nach wenigen Schritten Hess ihn der Wachmann los und er begann seine „Arbeit" von neuem. Die Wachleute wiesen den Soldaten jedem Juden an, der vorbeiging oder durch ein Fenster blickte. Wohl unterlief ihnen mancher Irrtum und sie erschossen auch manchen Christen, aber sowohl die So-ldaten wie überhaupt die Polizisten hüteten sich, einen phristen zu treffen, und geleitetem jeden Christen, der ihnen einige Kopeken in die Hand steckte, in Sicherheit über die beschossene Strasse. Da gab es Szenen, die lebhaft an die „guten" Zeiten Chmieinickis und Zeleznia'ks erinnern: Einige Arbeiter verlassen ein Fabrikshaus. Ein Soldat richtet sein Gewehr gegen einen von ihnen mit den Worten: „Sag' die Wahrheit, bist du ein Jude?" „Nein!4* — antwortete der Bedrohte — „Ich bin Christ/* * ■ „Also mach' das Zeichen des Kreuzes!'* r Der Arbeiter bekreuzte sich. „Bete ein Vaterunser!" Nachdem er ein Vaterunser gebetet, wurde er freigelassen. In den Nikolajewska-Gasse. wäre die christliche Magd eines. Advokaten erschossen worden, wenn der Wachmann nicht rechtzeitig gewarnt hätte, dass sie Christin sei. Einer der Helden spottete über seinen lässigen Kameraden: „Du Taugenichts! Du lädst erst dein' Gewehr, während ich bereits drei erschossen habe!'* Nebst den getöteten Opfern gab es zahlreiche Verwundete, die in Ermanglung sofortiger ärztlicher Hilfe auf der Strasse umkamen, da weder Verwandte noch Aerzte sich hinauswagten, um erste Hilfe zu leisten. Dr. I s s e r s o h n, der von einem Verwundeten heimkehren! wollte, wurde an der Türe von einem plötzlich auftauchenden Soldaten angeschossen; eine glückliche Wendung mit dem Kopfe rettete ihn vor dem Tod und er konnte .sich für noch einige Stunden in das Krankenzimmer zurückbegeben. Als sich der Tumult legte, wurde er von einem bekannten Wachmann, dem er einen Rubel zusteckte-, über Zäune und Schleichwege nach Hause geleitet; doch wollte ihm sein Beschützer nicht für sein Leben bürgen! Dr. Rosenthal begab sich zum verwundeten L i fschütz, wurde aber von dem Offizier nicht ins Haus gelassen. Dieser musste seinenObersten fragen. Dieser aber entschied die Frage des Offiziers verneinend und hiess den Arzt prügeln. Der Vater des Verwundeten kam heraus und bat kniefällig, den Arzt zuzulassen; er erhielt zur Antwort: „Liefere mir den Bombenwerfer aus, dann: lass ich den Arzt zu!" Lifschütz, der die ganze Zeit in seinem Hause in den Bazarnaja versteckt war, sollte wissen, wer auf der Surasergasse die Bombe geworfen! Erst spät abends konnte Dr. Rosenthal dem verwundeten Sohne des Lifschütz Hilfe leisten. Trotz dieser Zahl an Toten und Verwundeten riet der Gehilfe des Polizeimeisters Samsonow, als man ihm meldete, es seien 37 Juden getötet, wie verzweifelt aus: „Das ist blutwenig!" Als die Soldaten in die Kaserne zurückkehrten, erkundigte sich der Kommandierende bei jedem Einzelnen um den Erfolg des Tages: „Wie viele Juden habt ihr erlegt?'* Wie und aus welchem Grunde das Schiessen eingestellt wurde, ist nicht bekannt. Die Soldfeiten hatten ja das Recht, alle Juden niederzuschiessen, ohne dass sie jemand gehindert hätte. Es scheint,, dass sie um 2 Uhr nachts endlich müde wurden und die „Arbeit" auf morgen verschoben. Am nächsten Tage war aber der Lärm zu gross. 36 Leichen lagen bereits im Hofe des jüdischen Spitals, 36 unschuldige Opfer, grösstenteils junge Kinder und 60—70jährige Greise, von einer verzweifelnden, mit menge umgeben. Das schien immerhin ein genügender Erfolg, herzzerreissendem Jammern und Weinen klagenden Menschen- Jetzt kamen Deputationen mit Bitten und Vorstellungen, es möchten die Wachen abbestellt werden, um die aufgeregte Menge vor Ausschreitungen zu bewahren. Im Kriegs- Tate des Generalstabes war aber beabsichtigt'gewesen, gerade bei der Beerdigung, wo die Revolutionäre voraussichtlich zahlreich erscheinen würden, in die Menge zu schiessen, ferner alle jüngeren Leute einzufangen und zu arretieren. Erst nach einer telephonischen Anfrage beim Gouverneur von Grodno wurde beschlossen, von der jüdischen Deputation Garantiert zu verlangen und dann die Wachen abzurufen. Der General Bugajewski machte die Deputation auf ihre Verantwortlichkeit aufmerksam und drohte, für den Fall, dass eine rote Fahne gehisist, eine Rede gehalten werde oder gar ein Schuss fallen sollte, Salven in die Menge abfeuern und drei