Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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wVii" Seite 7 Eröffnern vorgelegt, ein Problem, das noch verschärft würde durch einen Pogrom, der, während der Kongress tagte, inEkaterinoslaw wütete, und durch die Schrecken von, Bialystok, Kertsch etc., welche nachfolgten. Aber welche Antwort gab darauf der Kongress? Gar keine! Diese grosse Aufgabe für den Zionismus wurde ignoriert. Mit Ausnahme von Dr. Nordaii fühlte der Kongress nicht einmal einen tiefen Schmerz und Beschämung über seine Ohnmacht. Der Zionismus entsagte freiwillig, der Vormund und der Vertreter des jüdischen Volkes zu sein. Aber wahrlich, jemand .müsste doch diese Arbeit aufnehmen, und wollte der Zionismus sich nicht damit befassen, so müsste doch eine neue Organisation zu diesem Zweck ins Leben gerufen werden. Mit grosser Zögerung drängte sich mir dieser Schluss auf, mit Zögerung, weil mein teuerster Traum die Vereinigung aller jüdischen Arbeiten und Parteien unter der Pahne des Zionismus war. Und das ursprüngliche Programm unserer Bewegung, wie es dargelegt ist in den Statuten unserer Kolonialbank, war breit genug, um jede Art von Tätigkeit in jedem Lande aufzunehmen. Unter unserer Zentralverwal tung konnten alle Bewegungen zur Besserung der Lebensbedingungen unseres Volkes als Ganzes sich vereinigen. Dr. Norclaus Eröffnungsrede sprach klar und deutlich von einer derartig breiten Auffassung des Zionismus. Der Zionismus könnte ein moralisches Zentrum für das ganfce jüdische Volk geschaffen haben, noch bevor er in den Besitz eines Landes gelangte. Aber die kleinen Zionisten hatten es anders gewollt. In Wahrheit besteht, die Majorität gar nicht aus Zionisten; sie sind bloss Zionsfreunde. Der Zionismus bedeutet die politische Erlösung des jüdischen Volkes; in Palästina wohnen kann man auch jetzt. Mein Gewissen ist rein. Ich habe für die Einheit gekämpft und sogar, als ich geschlagen war, schloss ich mich nicht der territorialisti sehen Gruppe an, bevor nicht die Bankversamriilung für die xAmderung der Statuten abstimmte und damit die letzte Gelegenheit, für und durch den Zionismus in breiter Art arbeiten zu können, vereitelt wurde. Die jüdisch - territorialistisehe Organisation, oder die J.-T. 0., wie wir sie der "Kürze wegen von nun an nennen werden, wäre froh gewesen, als ein Zweig des Zionismus zu arbeiten, aber sie wurde gezwungen, selbständig zu werden. Sie wird dafür in dem Umstände Belohnung finden, dass viele, die für Palästina weder Hoffnungen noch Sympathien hatten, sich einer Bewegung anschliessen werden, deren Hauptziel ist, für unsere wandernden Massen eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte zu finden, in welchem Teile der Welt sie auch sein mag. Mr. Greenberg bedauerte die Gründun'g einler besonderen Organisation aus dem Grunde, weil, wenn die Territorialisten im Zionismus als Partei verblieben wären, sie dann auf einem nächsten Kongresse zu ihrem Rechte kommen würden. Aber was würde um diese Zeit aus dem Angebot Englands geworden sein? Durch die sofortige Bildung unserer Organisation hatten wir wenigstens eine Hoffnung, das Eisen schmieden zu können, während es noch warm war, und die Unterhandlungen mit der englischen Regierung fortsetzen zu können. Uebrigens hat der siebente Kongress sehr gute Mittel gefunden, um uns. für immer jede Möglichkeit abzuschneiden, zu unserem Rechte kommen zu können. Es ist sogar fraglich, ob man von uns Schekolim nehm'en werde, und hätten wir auch die Aussicht auf einen Sieg, so würden wir noch die grösste mit vielen Spesen verbundene Mühe" haben müssen, die Bankstatuten wieder umzuändern. Auch bin ich kein Freund dieser beständigen Aenderungen und ewigen Bürgerkriege. ......Wir leisteten dem Zionismus den besten Dienst, der in unserer Macht war, indem wir ihn in Buhe Hessen, Es ist wohl, möglich, dass wir bei einem zukünftigen Kongress siegen könnten, aber es ist eine schlechte ■ Taktik, den Feldzugsentwurf stets zu beschädigen. Eine gewisse Kontinuität der Methode..ist notwendig. Ussischkin muss eine Gelegenheit geboten werden», wenn sie ihm mir seitens des Sultans nicht , unmöglich gemacht wird. Im schlimmsten Falle wird er die Lage der bereits in Palästina sesshaften Juden verbessern. .All diese Eongresskämpfe, bei welchen jetzt die eine Partei, später die andere siegt, wären ßöhr interessant und amüsierend, wenn wir bereits ein Jl&nd hätten, aber da der Gegenstand, unserer Existenz, ein Land zu bekommen ist, und wir weniger ein Parlament als ein Heer sind, so sind diese ständigen Entwurfsweehsel der Bewegung schädlich. Besser ein sehlechter Plan, denn immerwährend schwanken. Ich weiss nicht, ob es nc*ch Zionisten gibt, die sich der neuen Organisation noch, nicht angeschlossen haben, aber wenn es noch solche gibt, so hoffen sie wahrscheinlich, ihre Ideale durch die zionistische Organisation selbst verwirklichen zu können. Insofern Palästina und seine Nae-hbarländer Territorien sind, ist es ein ganz vernünftiger Standpunkt. Und der Grund, warum ich persönlich in der zionistischen Organisation bleibe und meinen Freunden geraten habe, das gleiche zu tun, ist, weil der Zionismus selbst eine jüdisch-territorialistische Organisation ist, wenn er auch seine territorialen Absichten nur auf Palästina und seine Nachbarländer beschränkt. Und das Gute, das wir Territorialisten dem Zionismus noch erweisen können, ist folgendes: ihn streng territorialistisch zu erhalten und ihn weder zu einem Kulturzionismus noch zu philanthropischen Gesellschaften und Diskussions vereinen verwässern zu lassen, ihn stets zu erinnern,; dass er durch sein Programm an die Mutter Erde gebunden ist und die Erlangung einer öffentlicbrechtlieh gesicherten Heimstätte in Palästina erstrebt und nicht in alle möglichen rosigen Dünste sich verfliegen darf. Nicht einmal, seitdem Herzl das jüdische Volk durch seinen neuen Posaunenruf erwecken und es auf ein Territorium marschieren Hess, gab es Soldaten, die ausser Reih und Glied kamen und wieder schlafen gingen. Sie hatten noch keine Meile gemacht, als sie schon zu gähnen und brummen begannen: „Ja, aber wir brauchen Kultur, wir müssen Religion haben, wir wollen hebräisch sprechen! Aber bevor noch Herzl die Juden erweckte, hatten sie bereits , eine . Fülle von Kultur und Religion, sie sprachen genug hebräisch in ihrem Schlafe. Aber das war nicht, wozu Herzl gekommen war. Wir hatten genug Lehrer und Rabbiner ^- und sie konnten ruhig zusehen, wie unser Volk beschinrpft, geplündert und gemordet wurde. Herzl erschien, um uns das zu geben, was wir noch nicht hatten — eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte. Das erinnert mich an Israel,, den kleinen Wunderrabbi, der schon mit sieben Jahren eine gelehrte talmudische Rede halten konnte. Unglücklicherweise aber stand seine Gesundheit nicht in gleichem Verhältnisse zu seiner Gelehrsamkeit. Er wurde immer magerer und blasser und war dem Tode nahe. Da wurde zu ihm ein Doktor gerufen. Der Doktor sagte, das Rabbikind müsse seine gelehrten Folianten und den Pilpul aufgeben und gymnastische Uebungen machen. Das Kind ging in eine Turnschule und begann sich am Barren zu üben. Zuerst ging er . recht eifrig daran und seine Muskeln begannen anzuschwellen, aber später überkam ihn seine alte Gewohnheit, wenn er beim Schwingen war, sah er. in ein Buch, wenn er auf dem Kopfe stand, dachte er dabei an eine - schwierige Talmudstelle und wenn .er auf dem Parallelbarren sass, hatte er vor sich; ein Mischnajoss. Da haben Sie die Geschichte des Zionismus. , Niemand behauptete, dass der kleine Wunderrabbi jedes Studiums überhaupt entbehren