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Die Welt · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 #- 39 kultur und Industrie, eine Marokkokommission auszusenden und billige jüdische Gesellsebaft^reiseii na;ch Marokko zu veranstalten — um wieviel, denken Sie/würden" Sie dadurch Ihrem Ziele der Eroberung eines Lahdes, das zu zwei Dritteln van Mauren bewohnt ist und auf welches mehrere der Grossmächte bereits ein Augfe geworfen haben, nahet gerückt worden sein? Der einzige 'Grund, warum nicht eine solche Kleinarbeit in Palästina so ganz unnütze wäre, ist die Hoffnung, welche vorhanden ist, dass unser historisches Recht auf dieses Land an die' Sympathien oder die 'gegenseitigen Eifersüchteleien des Christentums appellieren würde und bei einer möglichen Krisis &in europäischer Kongress uns dort etablieren könnte. Ich kaiin nicht so weit gehen, wie manche Territorialisten und politische Zionisten, und behaupten, dass wegen dieser Hoffnung die lOeirikolonisation in Palästina ganz wertlos sei. Sie hat wohl einen Zweck, aber nur als Möglichkeit einer äusseren Hilfe, und nicht als Mittel an und für sich, Palästina zu erlangen, wie Herr Ussischkin meint. Im Falle einer solchen Krisis sind unsere Chancen um so besser, je mehr jüdische Elemente wir dort haben und je stärker diese Elemente sind. Ich hebe hervor : stärker, weil, wenn ich auch mit Herrn Ussischkin übereinstimme, dass die 80 000 Juden, die bereits in Palästina leben, organisiert und vereinigt werden müssen, diese Elemente, welche sehr pauperisiert und niedergeschlagen sind, frischen Zuzug von'aussen erhalten müssen, und zwar nicht von ebenso pauperisierten und degenerierten Elementen, sondern von Leuten mit Bildung und Position, die fähig sind, von innen politisch zu wirken. Es' ist Pflicht eines jeden einflussreichen Anhängers des Ussischkinsehen Kriegsentwurfes, sofort sich nach Palästina einzuschiffen, und ich war erstaunt, so viele von ihnen sich noch hier herumtreiben zu sehen; nicht ein einziger scheint bisher dem Meister seine Treue bewiesen zu haben. Wie dem auch sein mag, Herr Ussischkin ist ganz im Irrtum ,wenn er denkt, dass, wenn er sie dort hätte, er sich auf sie stützend, auf das Ziel des Baseler Programmes unentwegt losmarschieren könnte. Es ist wahr, Klein- "kolonisation ist eines der Mittel zur Eroberung eines Lances. —Hat doch bereits Dr. Nössig erklärt, dass es das Lieblingsmittel Englands ist, wodurch es neue Territorien erwärb! Zuerst dringen in das neue Gebiet friedliehe Missionäre und Handelsäbent eurer, dann kommen Interessen, die verteidigt sein wollen, und zuletzt flattert die britische Fahne über dem Lande. Aber Dr. Nossig vergisst einen gewaltigen Faktor in Englands Erfolgen — hinter der Kleinkolonisation stand die schwere Kanone. Um mit dem sprichwörtlich gewordenen Antrag Lord Salisburys zu sprechen: Zuerst der Missionär, dann der Kaufmann, zuletzt das Kanonenboot. Deutschland hat ebenfalls Kolonien in Palästina, aber sollte denselben etwas zustossen, so ist bald die ganze deutsche Armee und Flotte hinter diesen Kolonien. Und die deutschen Kolonien in Palästina behaupten nicht, dass sie den Ganzbesitz Palästinas erstreben. Ussischkins Kolonien verbergen es nicht. Und an diesem Punkte hängt der Zusammenbruch seines Systems. Es gab zwei Arten, für Palästina zu arbeiten: die eine war geheim, die andere war offen. Aber es ist doch unmöglich, die beiden zusammenzupa&ren. Es ist doch von allen Dachgiebeln her- «üterzuschreien: .Mfat ^Pöllen Palästina geheim bekommen \u Wenn Sie stlS Arbeiten' wollen, wozu dann Kongresse organisieren! Sie gründen dann lieber eine Geheimorganisation, vereinigen geheim' die Juden in' Palästina und lassen geheim Juden nach Palästina hineinwandern. Aber von der Tribüne eines weltberühmten Kongresses aus dem Sultan erzählen, dass Sie unermüdlich draiifarheiten wollen, eine seiner Provinzen zu erobern-,, ist nichts als.ein Kinderspiel. Entweder ist er damit einverstaricleri, Ihnen Palästina zu geben, in welchem Fälle er es sagen würde, oder nidit. Wehrl er im letzteren Falle' Ihnen gestattet, Kleinkolönisätion in Palästina zu treiben, so geschieht es nur darum, weil er mit Ihnen, wie ich sägte, Katze und Maus spielt und weil er weiss, dass er zu jeder Zeit die Maus erwürgen könnte. Die Zeit wird bald beweisen', welche Sprünge die Katze_ macht. In Wirklichkeit, denke ich, hat die Zeit dies schon bewiesen. Ein Befehl ist in Palästina erlassen worden, dass die, die bei den Konsuln ihrer Heimatländer nicht gemeldet sind, das Land sofort zu verlassen haben oder türkische Bürger werden müssen, in welch letzterem Falle sie nicht nur schwere Steuern zu entrichten haben, sondern auch verschiedene Strafen und Rückstände für sich selbst und ihre Kinder zahlen müssen. Was kann das anderes bedeuten, als des Sultans Antwort auf unser heimliches Hineinschmuggeln von Juden nach Palästina? Und wird die Ussischkinsche Taktik an dem unbeugsamen Willen der Türkei mit ihrer Million ' Soldaten Schiffbruch erleiden, so biii ich überzeugt, dass er zu der Methode' Herzls zurückkehren wird mit derselben Freimütigkeit, wie ich meinen Irrtum eingestehen würde bei den ersten Zeichen des Erfolges der Ussischkinschen Methode. Aber auch jetzt, als einfacher Soldat der zionistischen Armee bin ich gezwungen, mich dem Beschlüsse des Kongresses zu unterwerfen und seine Methode anzunehmen. Ich muss meine Augen zuschliessen und meinen Schekel zahlen. Meine letzte Tat, bevor ich Basel verlassen habe, war, dem OSTationalfonds des Zionismus eine Summe einzuhändigen, die ich während des Kongresses für Unterschriften gesammelt habe. Aber das verhindert mich nicht, andere Arbeit auf eigene Rechnung aufzunehmen, eine Arbeit, die der Zionismus vernabhlässigt, obwohl sie eigentlich ihn ergänzt. Während wir auf Palästina im Schildkrötenschritte marschieren, rückte das tragische Problem unserer wandernden Massen im Schnelilauf heran. . In seiner staatsmännischen Eröffnungsrede sagte Dr. Nordau: „Die Juden Wanderung nimmt von Tag zu Tag einen grösseren Umfang an. Sie bedeutet eine Summe von Entbehrungen und Leiden, von Angst und Verzweiflung, die kaum in Worte zu fassen ist. Dieser Massenerscheinung gegenüber müssen wir mit tiefem Schmerz und Beschämung unsere Ohnmacht bekennen. Wir haben den Wanderern weder ein Land zu bieten, wohin sie getrost ihre Schritte lenken könnten, noch können wir ihnen durch Unterstützung mit Geld die Reise und die Begründung eines neuen wirtschaftlichen Daseins in der Fremde erleichtern." Es war kaum korrekt, zu behaupten, dass wir kein Land besässen, um es den Wanderern anzubieten, oder unsere Ohnmacht zu bekennen, solange wir das liebenswürdige Anbot von England noch nicht genau untersucht hatten. Aber wollen wir mit dem Schwamm darüber hinfahren. Unmittelbar auf die Rede von Dr. Nordau folgte der Berieht von Oskar Marmorek, in dem es heisst: „Die jüdische Auswanderung aus Russland hat im letzten Jahre erschreckende Dimensionen angenommen. Der Zunahme der zur Auswanderung treibenden Momente steht aber eine immer geringere und beschränktere Zahl der Länder gegenüber, denen sich/die Emigranten zuwenden können, und die Frage „Wohin?" wird immer aktueller und dringlicher. Die Auswandei'ungsfra.ge ist von allen den vielen Nöten momentan" diejenige, die gewiss die grösste Aufmerksamkeit verdient. Aller Mittel bar, nur um das nackte Leben zu retten, kommen die Flüehlinge, zumeist Männer, aber auch viele Frauen und Kinder, über die Grenze/1' So wurde das Problem dem Kongresse von seinen

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