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Die Welt · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 36 „Wt & weit" Seite 15 der Marx'schen Führer gehören, d i e Juden, die mit Lueger oder mit der kapitalistisch-liberalen Clique Geschäfte machen." „Der Weg*4. Seit 14. (1.) August erscheint in Warschau eine neue Tageszeitung im Jargon. Die bis heute erschienenen Nummern, die uns vorliegen, zeigen von dem Bestreben der Herausgeber, die Zeitung auf der Höhe der Zeit und der Bedürfnisse des Lebens zu erhalten. Der informative Teil, allgemeinen und jüdischen Inhaltes, ist reich an Stoff und durch die besten Kräfte unter den Jargonschreibenden besorgt. Sowohl die Herausgeber als die Redakteure, die in zionistischen Kreisen wohl bekannt sind, bürgen dafür, dass die Zeitung die Bildung und Erziehung der Massen im national-jüdischen Sinne betreiben wird. Der neue Jahrgang (5666 — 1905/06) des von der Oesterreichisch-Israelitischen Union herausgegebenen »Kalender für Israeliten" ist soeben erschienen. Auch dieser Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem k a 1 e n d ar i s ch e n Teile wurde die grösste Sorgfalt gewidmet und im schematischen Teile waren wir bemüht, die möglichste Vollständigkeit und Aktualität der Daten, betreffend die österreichisch-ungarischen Kultusgemeinden, ihre Vorstehungen, Funktionäre und rituellen Institutionen zu erreichen. Ebenso wurde auch diesmal dem jüdischen Vereinswesen die grösste Aufmerksamkeit zugewendet. Das Verzeichnis aller in Oesterreich erscheinenden jüdischen Zeitungen wurde vervollständigt. Der literarische Teil bringt eine interessante Studie über den Zusammenhang der jüdischen Monatsnamen mit religiösen Vorstellungen aus . der Feder des ausgezeichneten Talmudkenners Leopold Mandl, ferner eine spannende Erzählung aus dem jüdischen Auswanderereiend von Julius Uprimny. Die handliche Form und die elegante Ausstattung des Kalenders werden auch diesmal gewiss volle Anerkennung finden. Der billige Preis (K 1.60) ermöglicht auch den Minderbemittelten die Anschaffung« W«11,-übi'onil{. Vom Katholikentag in Strassburg. Von besonderem Interesseist, was über' „Toleranz" verhandelt wurde. Das Refcral über dieses, etwas schwer zu behandelnde Thema hatte Abg. de Witt-Köln übernommen. Der Tenor seiner Rede war: „Jede Kirche müsse: als Glaubensgemeinschaft intolerant sein; denn sie kaum doch ihrem eigensten Wesen nach nur sich wahr halten und würde die unbedingte- Geltung'ihrer eigenen Lehre verleugnen, wenn sie einer anderem Religion eine Existenzberechtigung oder auch nur die Möglichkeit derselben zugäbe;. Sie kämpft vielmehr gegen dieselbe an, aber — und das ist dem Redner das charakteristische Moment — der Kampf gilt der Sache, nicht der Person. In be/ug auf diese ist Toleranz möglich, und geboten." Der Katholizismus ist also, so drückt sich de Witt aus, dogmatisch intolerant, bürgerlich tolerant. Also nach Beheben. Israelitisches Konsistorium und kaiserliches Bezirkspräsidium. Auf eine an das kaiserliche Bezirkspräsidiuni zu Metz gerichtete Eingabe betreffs der Nichtberücksichtigung der Juden bei de'r Gedenkfeier in Gravelotte hat das Israelitische Kultusministerium für Lothringen folgenden Bescheid erhalten: „Dem israelitischen Konsistorium beehre ich mich mit Bezug auf die Anfragen vom 28. Mai und 6. Juni an Se. Exzellenz den kommandierenden Herrn General des 16. Armeekorps und an mich, ergebenst mitzuteilen, dass bei der Einweihung der Gedenk halle in Gravelotte Gebete für die in den Schlachten bei Metz gefallenen Krieger nicht verrichtet worden sind. Einem Befehle Sr. Majestät des Kaisers1 entsprechend wurde der hiesige Militär-Oberpfarrer Herr Friedrich ersucht, ein kurzes Weihegebet zu sprechen. Der Bitte des katholischen Garnisonpfarrers und Geheimkännnerers Sr. Heiligkeit des Papstes, zur Weihe der Halle gleichfalls reden zu dürfen, wurde nach eingeholter Genehmigung Sr. Majestät des Kaisers stattgegeben. Wenn auch selbstverständlich in den Reden der Treue und des Opfermutes der im Kampfe Gefallenem gedacht worden ist, so lag doch dem Eestakte nicht der Gedanke zugrunde, denselben zu einer gottesdienstliehen Feier für die Gefallenen auszugestalten, gez. Graf Zeppelin/' Auf diesen Bescheid hat das Israelitische Konsistorium erwidert: „Euer Hochwohlgeboren beehren wir uns auf die geehrte Zuschrift vom 22. Juni 1905 zu erwidern, dass die dem Konsistorium gewordene Autwort als eine erschöpfende und befriedigend*: nicht bezeichnet werden kann, namentlich unter Berücksichtigung des Umstandes. dass in den letzten Jahren bei offizielle it G e 1 e g e n - hei t e n die i s r a e l.i t i s c h c K '>nfe s s i o n k ei n e Berücksichtigung g e f u n d e n h a t. Es rnuss dies umso mehr befremden, als wir hier in einem Lande wohnen, wo seit mehr denn 100 Jahren, offiziell wenigstens, die jüdische Konfession den anderen vollständig gleichgestellt ist. Wir müssen daher annehmen, dass dies auf einem Versehen beruht, und leben in der Hoffnung, dass es genügen wird, hierauf hinzuweisen, um in Zukunft ebenso wie andere Konfessionen behandelt zu werden." Ist ein Unbeschnittener als Jude zu betrachten? Der königl. ungarische; Kultus- und Unterrichtsminister hat kürzlich eine Entscheidung in bezug auf diese frage getroffen. Der jüdische Fabriksdirektor F. Trebitsch in Kesmark liess an seinem Sohne die Zirkumzision nicht vornehmen,. Im vorigen Schuljahre wurde der Knabe in die dortige evangelische Schule eingeschrieben, wo er durch den Religionslehrer' Heinrich Deutsch nach Weisung des orthodoxen Rabbiners vom Religionsunterrichte ausgeschlossen wurde. Trebitsch führte hierüber Klage beim Schulinspektor, der die Angelegenheit an das Unterrichtsministerium leitete. Der Minister hat nun den Schul.inspektor aufgefordert, dafür zu sorgen, dass dem Knaben der israelitische Religionsunterricht zuteil werde. Der Minister beruft sich auch auf das Gutachten der israelitischen Landeskanzlei, wonach die Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession, ■beziehungsweise! die Teilnahme am Religionsunterrichte von der Zirkumzision als Conditio sine qua non nicht abhängig sei. Ein ritterlicher österreichischer Offizier. Aus Landro, der bekannten Dolomiten-Sommerfrische, wird berichtet: Vor einigen lagen gab es hier grosse Aufregung. Bei der Thable d'hote brach einer der hiesigen Sommergäste. Hofrat K. aus Budapest, plötzlich ohnmächtig zusammen und wiewohl ein Arzt sofort zur Stelle war, konnte der Unglückliche nicht mehr gerettet vverden; er starb inmitten der entsetzten Tischgesellschaft an Gehirnblutung. Nachdem der Tod festgestellt war;, musste die Leiche aus Rücksicht auf die ohnehin durch den traurigen Vorfall höchst aufgeregten Kurgäste aus dem Hotel fortgeschafft werden, sie sollte also in die Totenkammer überführt werden, aber der Ortsgeistliche weigerte sich, der Leiche eines Juden, wenn .auch nur für kurze Zeit, dort Obdach zu gewähren. Und so wäre es geschehen, dassdie Leiche über Nacht obdachlos unter freiem Himmel geblieben wäre, wenn nicht der das hiesige Sperrfort kommandierende Oberleutnant sich ins Mittel gelegt hätte. Er liess die Leiche in das Fort schaffen; die Besatzung zimmerte über Nacht aus einigen Brettern einen schlichten Sarg und am anderen Morgen konnte die Leiche auf einem Wagen in die Heimat des Verstorbenen transportiert werden; der Oberleutnant und ein Kadett gaben in voller Parade dem Toten; das letzte Geleite. Der Vorfall hat begreiflicherweise die hiesige Sonimergcsollschaft stark erregt. Die Unduldsamkeit des Priesters wurde allgemein getadelt und um so mehr das Verhalten des Fortkommandanten gepriesen, das als ein schöner Zug von Ritterlichkeit auch weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Ein tragikomischer Streik. Gesinnungsgenosse N. Frischliianu aus Bosau teilt uns mit, dass im dortigen Distrikt eine scharfe Bewegung herrsche, um die gelegentlichen Haudhuigiuigcn von Christen am jüdischen Sabbat zu verhindern. Die Antisemiten sagen, dass solche Helfer keine wahren Christen sind und. boykottiert werden sollen. Diese Angriffe haben schon unangenehme praktische Folgen gehabt. Jüdische Einwanderung in Amerika. Die jüdische Gemeinde von Kansas City 'baut ein grosses jüdisches Hospital. Die Notwendigkeit eines .solchen Instituts ergab sich infolge des rapiden Anwachsens der jüdischen Bevölkerung. Von Russlaiid und Rumänien kommen allwöchentlich 2n bis -40 Juden, für welche die jüdische Gemeinde von Kansas City nur mit Mühe genügende Arbeit findet. Die Rückwanderer. Im Frankfurter Gefängnis findet man fast ständig eine Anzahl rumänischer Juden, die aus Bingerbrück per Schub nach Rumänien zurückgesendet werden sollen. Die Leute haben regelrechte Pässe und sind auch mit Geld genügend versehen, um bis nach Rotterdam zu kommen, von wo sie Fahrkarten nach Amerika haben. Diese Fahrkarten haben sie von Verwandten' in Amerika zugeschickt erhalten. Es ist bezeichnend für das gegenüber diesen Auswanderern geübte Verfahren, dass sie ruhig die bayrische Grenze haben passieren können und nun von den preussischen Behörden in Bingerbrück angehalten und wie gewöhnliche Verbrecher per Schub zurückgeschickt werden. Lud weshalb? Weil sie, wie es heisst, nicht die vielgenannten 4uü Mark Reisegeld besitzen; dazu kommt das schreckliche Verbrechen, dass sie keine Fahrkarten für die in Preussen konzessionierten Schiffahrtslinien des Norddeutschen Lloyd und

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