Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 flwe # Weit11 Nr. 36 Besserung der Lage der russischen Juden und den Streik der"jüdischen Bäcker. Der Verlauf der Konferenz der Herren Schiff, Seligmann, Levisohn, Straus und Kraus wird im einleitenden Artikel besprochen. Aus den Interviews der beiden ersteren erfährt man interessante Einzelheiten. Die Vereinbarung der Besprechung, die drei Stunden währte, geschah gleichzeitig von beiden Seiten. Finanzielle Fragen wurden nicht berührt, wie von mehreren Seiten betont wird. Bestimmte Zusagen wurden keine gemacht, jedoch halten die Delegierten den Eindruck, dass man auf eine Besserung hoffen könne. An dem guten Willen Wittes wird nicht gezweifelt, jedoch fürchtet man, er werde nicht imstande sein, s^sine Vorschläge zur Durchführung zu bringen. Mit dem Kongresse beschäftigt sich ein Interview Greenbergs. Dann wird in ausführlicher Weise der „Kosher Bread'" Streik besprochen.Derselbe begann amr>.AugustinNewYork,indem 1500 jüdische Bäcker die Arbeit einstellten und folgende Forderungen stellten: Zehnstündige Arbeitszeit, Erhöhung der Löhne und sanitäre Verbesserungen der Arbeitslokale. Der Ausstand gewann an Ausdehnung nicht nur in New York und Brooklin, sondern auch in anderen Städten wie Jersey- City, Newark und Baltimore. Die nichtjüdischen Bäcker erklärten sich solidarisch und drohten mit Arbeitseinstellung. Versuche, mit Streikbrechern die Arbeit aufzunehmen, riefen stürmische Szenen hervor. Es kam zu tumultuösen Auftritten und Intervention der Polizei. Am 15. August schien es zum Frieden zu kommen, indem die Arbeitgeber die zehnstündige Arbeitszeit und Lohnerhöhungen bewilligten. Doch zerschlugen sich die Verhandlungen, da sie die Arbeiterunionen nicht anerkennen wollten. So hat sich, hervorgerufen durch jüdische Arbeiter, die sich zur Besserung ihrer Lage des modernsten Kampfmittels bedient, ein wichtiger Ausstand von bedeutenden Dimensionen entwickelt, der sich besonders in den armen jüdischen Stadtteilen durch Preissteigerung und Brotmangel unangenehm fühlbar macht. Die jüdische Einwanderung nach den Staaten nimmt, wie wir dem „American Israellte entnehmen, stetig zu. Gleichzeitig heisst es, dass neue Verschärfungen des Einwanderungsgesetzes beabsichtigt werden. Folgende offizielle Daten zeigen die bedeutende Einwanderung. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind ehogewandert G27.353, darunter 98.706 Russen, gegen 408.899 (75.458 Russen) in den entsprechenden Monaten 1904 und 533.405 (78.904 Russen) im ersten Halbjahre 1903. Abgewiesen wurden in dieser Zait G893 gegen 3889 im ersten Halbjahre 1904 und 5386 in der entsprechenden Zeit des Jahres 1903. Leider vermissen wir die Angabe, wieviele unter den Abgewiesenen Russen waren. Ueber die Berufszweige der Einwanderer bringt eine andere Notiz der reichhaltigen Zeitung Angaben. Es wird da über die Tätigkeit des ..Industrial Removal Office" berichtet, welches die Dirigierung der Arbeitskräfte von New York aus in die Orte, wo Bedarf an entsprechenden Arbeitern ist, überwacht und bereits 30.000 jüdische Arbeiter mit Arbeit versorgt hat. Im Jahre 1904 hat dieses Bureau 3539 jüdischen Arbeitern die Gründung einer Existenz ermöglicht. Darunter waren 2695 Russen, 314 aus Rumänien, während sich der Rest auf die übrigen Länder verteilt. Oesterreich-Ungarn ist mit nahezu 500 beteiligt. Die Liste der Berufszweige zeigt, dass die Einwanderer zum grössten Teile Handwerker, und zwar solche mit schwerer körperlicher Arbeit, sind. Während die Taglöhner mit 1115, Zimmerleute mit 282, Schmiede mit 362 figurieren, zeigen die leichteren Berufe eine viel geringere Beteiligung; Schreiber waren 03, Lehrer 15, Glaser 7 usw. Wittes Anwesenheit in Amerika veranlasste hervorragende amerikanische Juden zu Versuchen, durch Intervention bei diesem hervorragenden Staatsmann eine Besserung der Lage der russischen Juden herbeizuführen. Dazu gehört auch ein Brief, den Simon Wolf, der Präsident der Union der amerikanisch-jüdischen Kongregationen, an Witte richtete und den der ..American Israelite* wörtlich bringt. Nach einer kurzen Schilderung der hoffnungslosen Lage der Juden in Russland hebt Wolf hervor, dass die stets zunehmende Auswanderung von Russland nach Amerika über kurz oder lang zu einem Probleme zwischen diesen beiden Staaten, möglicherweise zu einer internationalen Frage werden müsse, während die Aufhebung der drückenden Judengesetze den Juden, die überall die besten Staatsbürger seien, ein Verbleiben im Land ermöglichen und die Sympathien der ganzen Welt Russland zuwenden werde. Witte Hess durch seinen Sekretär mitteilen, er könne wegen der Abreise nach Portsmouth nicht sofort erwidern, werde jedoch nach gründlicher Ueberlegung antworten. Diese Antwort ist noch ausstehend. Die Zahl der jadischen Studierenden in Russland wird auf Grund amtlichen Materials in dem von der ,,Jewish Colonization Association"' herausgegebenen Buche: „Materialien zur ökonomischen Lage der Juden in Russland" (Petersburg 1904. Bd. II, S. 364) angegeben. Es studierten Juden an der Universität in absoluten Zahlen im Jahre in °|o aller Studierenden im Jahre 1880 1886 1898 1880 1886 1899 St. Petersburg . . 73 290 158 4.4 12.7 4.4 )nicht 153 5.2 -— 3.5 Charkow..... 39 / erh. 346 5.9 — 23.2 U 178 188 11.9 30.9 27.5 7 84 76 1.0 87 8 9 159 276 472 15.2 15.2 17.9 45 1241 156 ■ 4.2 15.2 15.8 Warschau . . . 93 163 1S8 11.6 14.7 16.8 nicht erhob. 20 — — 5.4 Sa. 556 1232 1757 6.8 14.8 10.9 Aua der Tabelle geht hervor, dass die Zahl der studierenden Juden seit dem Jahre 1880 bis zum Jahre 1899 von 556 auf 1757 gestiegen ist. Die Zahl der nichtjüdischen Studierenden betrug im Jahre 1880 7637, im Jahre 1886 7110 und im Jahre 1899 14.413. Während hiernach der prozentuale Anteil der Juden unter allen Studierenden von 6.8% im Jahre 1880 auf 14.8% 1886 gestiegen war, ist er seit diesem Jahr infolge d*r von der russischen Regierung eingeführten Beschränkungen in betreff der Zulassung der Juden zu den Universitäten auf 10.9% gesunken. Wie gering im Verhältnis zu den Juden in anderen Ländern der Besuch der russischen Universitäten durch Juden ist, beweist der Umstand, dass auf je 10.000 jüdische Einwohner jüdische Studierende an inländischen Universitäten entfielen: in im Jahre 1899 27.6 1901/02 24.9 1903 33.9 1899 3.5 Die Juden in Russland entsenden also nur etwa den zehnten Teil soviel Knaben auf die einheimischen Universitäten als die Juden in Oesterreich-Ungarn. (,,Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden.") Das Organ der freien Sozialisten „Freie Worte* bringt — als Antwort auf einen Artikel der „Arbeiter-Zeitung" — den Artikel „Die Kampf weise der Gegner der freien SozialistenK (am 1. September). Es erklärt unter anderem, dass für die freien Sozialisten nicht massgebend sei, was die gegnerischen Parteien und deren Presse unter freiem Sozialismus, Anarchismus, Zionismus und A n t is e mi t i s m u s verstehen, sondern nur das, was ihr Zieditzer Programm erklärt, welches auf der Wiener Konferenz in allen seinen wesentlichen Punkten angenommen wurde. Es bespricht ferner das freisozialistische Program, dessen Fundament die Bodenreform (nach F. Oppenheim er) ist; erklärt, dass das einzige Mittel zur Beseitigung der staatsrechtlich-nationalen Kämpfe in Oesterreich die nationale Autonomie aller Völker in beiden Reichshälften sei und kommt endlich zu der Judenfrage. „ . . . Auch unsere Stellung zur Judenfrage, zum Zionismus, zur Assimilation und zum Antisemitismus wird durch jenen Teil unseres Programmes präzisiert, in dem es heisst: Die freien Sozialisten treten, fussend auf dem Programme der nationalen, konfessionellen und sozialen Gleichberechtigung aueh für die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes mit allen anderen Nationalitäten Oesterreichs ein, unbeschadet ihres entschiedensten Kampfes gegen Ausbeutung, Korruption und Parteidespotismus, ohne Unterschied auf deren Ursprung. — Darin ist unser „Zionismus" und v Antisemitismus" eingeschlossen. Solche „Zionisten" und solche „Antisemiten" haben in unseren Reihen Platz, denn unser „ Antisemitismus" ist illustriert durch jenen Passus unseres Programmes, der da ausspricht, dass die Judenfrage weder durch die vergeblichen und bisher auch immer gescheiterten Assimilationsbestrebungen noch durch mass- und ziellosen Rassen- und Konfessionshetzen gelöst werden kann. Wir bekämpfen daher nur die Juden, die sich als deutsche, slawische und magyarische Chauvinisten aufspielen, die Judengenossen, die zum Stabe *) Einschliesslich der Rechtsakademien und des Polytechnikums in Budapest.