Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 „ble A Die Einfältigen glauben, das sei Tod, was sich in stürmischen aufragenden Meinungskämpfen äusserte. Aber es habe kein Volk auf Erden seine nationale Befreiung auf anderem Wege als auf den stürmischen Wogen heftiger Bewegungen erlangt. Ein Volk müsse nur ernstlich wollen, ernst einem nationalen Ziele zustreben und das Grösste könne erreicht werden, freilich nicht ohne opferwillige Ertragung von Leiden und Anstrengungen. Gerade die inneren Reibungen, die stürmischen Anprallungen beweisen, dass die Bewegung lebe. Mochten ihn am Kongresse noch so viele Vorgänge nicht befriedigt haben, das berechtige ihn nur zur Kritik, gebe ihm aber um so grösseres Recht zur Hoffaung und zum Glauben an den festen, unerschütterlichen Bestand der Bewegung. Diese kämen nicht von aussen her, sondern wurzeln tief in uns selbst, sie können nicht wie immer geartete Spaltungen ins Wanken gebracht werden. In uns seihst lebe der unerschütterliche Wille und die ungetrübte Erkenntnis, ein klares nationales Ziel: PolitischerZionismus inPalästina. DiejLebendigkeit dieses Zieles sei durch die Lebendigkeit der Bewegung am besten dokumentiert, eitles Geschwätz wäre es, hier von Tod zu sprachen. ß. Die äusserst reichhaltige Nummer des „Jewish Comment" in Baltimore vom 4. August wird mit Nordaus Herzl-Rede eröffnet. Dann folgt ein bemerkenswierter Artikel über den Verlauf des Kongresses, dessen Plan und aufrichtige Sprache im wohltuenden Gegensatze zu dem steht, was viele unserer hiesigen jüdischen Blätter über die Vorgänge am Kongresse schreiben. Es heisst darin: Die Berichte über die tumultösen Vorgänge am Kongresse sind augenscheinlich übertrieben. Parlamentarische Verhandlungen in Ländern, wo der Parlamentarismus schon seit vielen Jahren besteht, zum Beispiel in Oesterreich, sind oft leidenschaftlicher geführt worden. Man darf sich auch nicht wundern, wenn die Gegensätze auf dem Kongresse, wo es sich um Sein oder Nichtsein des Zionismus handelte, in so heftiger Weise aneinander gerieten. Dazu kommt noch, dass die Zähigkeit, an Prinzipien festzuhalten und bereitwillig und geduldig zu warten, bis dieselben mit Erfolg durchgeführt werden können, die so charakteristisch für die angelsächsische Rasse ist, im leidenschaftlichen Osten unbekannt ist. Jeder, der die Vorgänge in Basel beobachtet hat, muss mit Genugtuung bemerken, wie viel Leben und Geist rierz'l in einem Volk erweckt hat, das, dein äusseren Anscheine nach politisch tot war. So stark pulsiert dieses Leben, dass eine starke Hand dazu gehören wird, es zu meisten;. Dass die Verhandlungen so lebhaft geführt wurden, sei ein gutes Zeichen, denn Stille und Friede bei dieser Gelegenheit wäre das Zeichen» beginnenden Niederganges gewesen, ferner heisst es darin: „Die Tatsache ist unanfechtbar, dass die Kongresse die einzigen Versammlungen sind, welche die gesamte Masse des jüdischen Volkes tatsächlich vertreten Die Schaffung des Kongresses ist in mancher Hinsicht die grösste Tat Herzls, und man muss kein Zionist sein, um zu verstehen, dass alle jüdischen Fragen und eine eventuelle allgemeine jüdische Krise dort ausgetragen werden müssen. Trotz der offenbaren Bedeutung des Kongresses haben doch einzelne einflussreiche Juden es abgelehnt, sieh denselben anzuschliessen aus Angst vor einem gewissen Odium, der den Zionisten angeblich noch anhaftet. Wenn in diesen Juden etwas mehr Heroismus und etwas weniger überlegende Berechnung wäre, dann hätte sich schon längst kein einziger Jude vom Kongress absondern können." Ausführliche Berichte über die Verhandlungen, ein Bericht über eine selbst für amerikanische Verhältnisse imposante Herzl- Trauerfeier in New York, Korrespondenzen aus den grössteu jüdischen'Zentren Nordamerikas vervollständigen den Inha.lt. Die Belletristik ist durch eine Skizze aus dein jüdischen New York von D. Haar und eine Uebersetzung der Enterbten'4 von Perez bestens vertreten. bin ..rit.o L«-tou.i^ d-s t*ngbsr*lKn Fremdem«??s^tzes im Oberhaus ist nun vorüber. Die Art, wie die <*dlen Lords die Bill durchpeitschten, veranlasst den ..Daily Chronicle" zu folgenden Bemerkungen: rist die Alier.s Bill in der Verfassung, wie sie das Unterhaus verliess, so vollkommen bezüglich ihres Prinzipes und ihrer Textierung. dass sie in keiner Zeile, in keinem Wort eine Verbesserung vertrug? Es scheint dies die Ansicht des Oberhauses zu sein, das die Bill ohne jedes Amendement erledigte. In Wahrheit handelt es sich aber nicht um eine derartige Ansicht. Die Regierung hat dem Hause erklärt, es sei keine Zeit da, Verbesserungen anzubringen, weil ein solcher Prozess die Zurückleitung des Gesetzes an das Unterhaus erfordern würde — und das hätte für den Premierminister eine Verschiebung der Esserszeit zur Fotee gehabt. Die Regierung hat gewünscht, die Regierung hat befohlen und das Haus der Lords hat ergebenst gehorcht. Die Sache ist behandelt worden wie eine Farce ♦ . Welt" Seite 15 Feuilleton. Die yemenitischen Juden. Die Yemenitergemeinde in Jerusalem. Wir erhalten zu diesem Kapitel folgende bemerkenswerte Ausführungen, die einen offenbar sehr gesunden Teil unseres Volkes näher beleuchten: „Ein arbeitsames und tüchtiges Volk!* wird jeder ausrufen, der das Leben und Treiben der jüdischen Yemeniter in Jerusalem betrachtet. Es ist interessant, die Lebensweise dieser Gemeinde kennen zu lernen. Diese dunkelbraunen, von der sengenden Sonne Arabiens verbrannten Brüder sind nicht seit langer Zeit hier sesshaft. Die Geschichte ihrer ersten grösseren Einwanderung in das heilige Land kann nur auf höchstens zwanzig Jahre zurückdatieren. Vor fünfzehn Jahren befand sich hier schon eine kleine Yemenitergemeinde, die nach und nach, als sich die Zustände in threm Heimatlande verschlimmerten, an Zahl zunahm. Da sie türkische Untertanen sind, so begegnen sie bei ihrer Einwanderung keinerlei Schwierigkeiten. Palästina erscheint ihren Augen wie den russischen Juden Amerika. Hier fühlt sich der Yemeniter glücklich, denn es fehlt ihm nicht an Arbeit, da jedwede Art der Beschäftigung ihm angemessen ist; dazu weiss er, was eine Hauptsache für sein Fortkommen ist, von keiner Unterdrückung seitens der Regierung. Schon bei der ersten Niederlassung, vor ungefähr fünfzehn Jahren, zeigten die Yemeniter ihre Liebe und Neigung zur Arbeit, überhaupt zur Landwirtschaft im heiligen Lande. Sie gründeten damals einen Verein zur Förderung der Arbeit und Landwirtschaft in Palästina, kauften mit Hilfe der Aschkenasimgemeirde ein Landgut im Dorfe Rama, um dort das Land zu bebauen. Leider erreichten sie ihr Ziel nicht und das gekaufte Land ist jetzt unbearbeitet geblieben. Sie verloren aber den Mut nicht und als sie einsahen, dass sie ohne die nötigen Mittel mit der Landwirtschaft sich nicht abgeben können, wendeten sie sich jeder Arbeit zu, von der sie nur hoffen konnten, ir ren Lebensunterhalt zu verdier en. Der Yemeniter ist, wie gesagt, ein sehr geduldiger, sparsamer und genügsamer Arbeiter. Ich kenne einen Yemeniter, einen einfachen Lehmträger. Er war bei seiner Ankunft hier schon verheiratet. Im Hause liefen schon vier Kindlein herum und verlangten nach Brot. Sein tägliches Einkommen belief sich anf nicht mehr wie fünf Piaster und damit musste er seine ganze Familie ernähren. Seine Wohnung bestand aus einer Hütte, die mit verrostetem Blech beschlagen war. Im Winter beim heftigen Regen floss vielmals das Wasser durch die vielen Ritzen in das Zimmerchen hinein, ja, mehr wie einmal wurden sie in der Mitte der Nacht vom einbrechenden Regen geweckt. Und doch litt er alles mit ausserordentlicher Geduld, bis er während nicht langer Zeit ein winziges Kapital erworben hatte. Er kaufte einige Meter Land, für die er nur die Hälfte des Betrages zahlte, indem er sich verpflichtete, die andere Hälfte in fünf Jahren auszuzahlen. Er arbeitete fleissig, um seiner Schuldenlast schneller ledig, zu werden. Während dieser Zeit umzäunte er das Feld baute eine Zisterne und dann gar ein kleines Häuschen so dass er nach fünf Jahren sich ein Haus, einen kleinen Garten und eine Zisterne angeschafft hat. Und so glücklich leben die meisten Yemeniter. Ja, es verschwinden nach und nach die sogenannten r,Buyut tenak" (blecherne Häuser), in denen diese armen Stammesgenossen wohnten, und anstelle dieser erheben sich manche nette, aus Stein gebaute Häuser. Jede Arbeit betrachten die Yemeniter als eine anständige Beschäftigung. Sie beschäftigen sich mit Thora-, Tefillas- und Mesusasschreiben, manche sind Baumeister, Lastträger' einige besitzen Speiseläden. Es befinden sich auch unter ihnen viele Gelehrte. Wenige vom jungen Geschlecht besuchen die Schulen; die Kinder gehen aber nicht müssig