Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (1.8.1905)
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration WIEN IX., Türkenstrasse 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und unverlangte Manuskripte weder zurückgesendet noch aufbewahrt. Preise der Anzeigen Die viermal gespaltene Petitzeile oder deren Raum 30 h ~ 30 Pfg. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. B6ZU$SpP6iS6$ 2esjerrdeich"Ungarn: &anzjähri§' Kr* v? halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45; England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7 —, vierteljährig Shg. 3.6; Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1 75; Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25; Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85. Basel, 1. August 1905 — 29. Thamuz 5665. Ausserordentlicher Kongress. Dritte (Nacht)-Sitzung, Samstag, den 29. Juli 1905. Beginn 9 Uhr 20. Fortsetzung der Ostafrika-Debatte. Nach Dr. Tschlenow ergreift Herr Ohas an das Wort. Der Kern seiner Ausführungen ist folgender: Unsere Bewegung ist im Stadium, ein Land zu suchen. " Die Schwierigkeiten, Palästina zu bekommen sind sehr gross. Das werden auch die Herren Zione zugeben. Die Landfrage ist unsere Lebensfrage. Wenn wir kein Land bekommen, degeneriert unsere Rasse, unser nationaler Organismus wird zerstückelt. Das Objekt unserer Bemühungen soll nicht das jü'tische Land, sondern das jüdische Volk sein. Unsere Jugend sucht Arbeit. Sie, die ihr Blut auf russischen Schlachtfeldern vergiesst, wartet nur auf die Gelegenheit, es für die Heimat zu vergiessen. Politische und praktische Arbeit in Palästina schliessen sich aus. Wir reden im Namen der ökonomischen Interessen: Alles andere ist Mystizismus und Romantik» (Grosser Beifall auf der Linken.) Adolf Stand (gegen Ostafrika): Der jetzige Augenblick ist ein historischer. Zum ersten Mal seit 20 Jahrhunderten wurde dem Bettlervolke der Juden etwas angeboten und zwei Jahre später stehen wir vor einem noch schöneren Ereignis: zum ersten Mal in unserer langen Geschichte verbeugen wir uns nicht, sondern schreien laut in die Welt hinaus: Nein! (Beifall). Da unsere Bewegung eine ideale Bewegung ist, so könnte man der Meinung sein, dass ihre Avant-garde die Jugend bilde. Bei uns ist die Jugend uns feindlich. Was an Kraft, Zähigkeit und Ausdauer jung sein soll, flüchtet sich in dem Moment, wo man Kraft, Zähigkeit und Ausdauer verlangt. Die zionistische Bewegung erfordert ungeheure Anstrengungen. Die Jugend wäre imstande, mit ihren gesunden Nerven die Hindernisse zu bewältigen. Aber wenn Zangwill kommt und die wirklichen Hindernisse schildert, mit welchem Applaus vernimmt unsere Jugend davon! Das ist nicht die Jugend, auf die ein Volk zählen kann, wenn es sich um das grösste Gut der Nation handelt (Beifall). Der Schriftsteller Zangwill steht mir sehr hoch. Er ist der Stolz unserer Nation, nicht aber der Politiker. Mr. Zangwill sagt uns: ganz Europa kann mit der Türkei nicht fertig werden. Wie sollen wir Schnorrer ohne König mit dem Sultan handeln? Als vor 30 Jahren der Sozialismus begann, da hat ihn ganz Europa ignoriert. Als aber die ganze Jugend der zivilisierten Welt sich hinter ihm organisiert hatte, da begann Europa mit dieser Partei zu rechnen. (Beifall.) Vor zwei Jahren zitterte ganz Europa vor dem Koloss Russland und hielt ihn für unüberwindbar. Da kam ein winziges Völklein von nur 40 Millionen, aber mit 10 Herzl an der Spitze, den Togos, Kurokis, Oyamas und mit einer anderen Jugend, als diese Herren von der Rechten (Beifall) und besiegte den Koloss. Vor zwei Jahren würde ein japanischer Zangwill gesagt haben: „Was, du kleines Völklein willst Russland befehden, Russland mit seinem Sibirien, seinen Bergwerken, seinem unermesslichen Kredit, seinen Kosaken?" (Beifall.) Ein Glück, dass Japan diese Zangwills nicht gehört hat. (Beifall.) Wir können dasselbe tun. Die jüdischen Talente und die jüdische Jugend sind gottlob nicht ausgestorben. Wir haben Nordaus und Zangwills (Beifall). Wenn wir wollen, können wir unser Ziel erreichen. Eine starke Jugend bezwingt alle Hindernisse. (Beifall.) Die Herren fechten mit Ghettoargumenten. Man argumentierte: „Wenn wir nein sagen, so verlieren wir ein Asyl. Wenn wir aber ja sagen, dann sind wir frei von Schuld." Wir haben 20 Jahrhunderte ohne Asyl gelebt. Asyle gibt es für Kranke und Verbrecher. Wir verzichten auf ein Asyl Wir sind frei von Schuld. Vor England sind wir sicher frei von Schuld, aber nicht frei von Schuld vor unserer eigenen Zukunft, wenn wir unser eigenes Land vergessen. Meine Herren! Wenn wir in dieser Frage entscheiden, dann werden wir uns nicht nach diesen Herren richten, sondern nach dem, \vas unsere glorreichen Vorfahren oft getan haben. Als man unseren Vorfahren sagte, dass sie einen andern Glauben annehmen sollten, gingen sie auf den Scheiterhaufen und sagten nein. Wenn man uns sagt, dass wir ein anderes Land annehmen sollen, sagen wir frei und entschlossen: nein. (Lang anhaltender Beifall.)