Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-07-31 · [Separat-Ausgabe] (31.7.1905) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
[Separat-Ausgabe] (31.7.1905)
Date
1905-07-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316133--47157-3342036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

No. 8 Separat-Ausgabe „Die # Welt" Seite 18 loyalen Minoritäten nur zwei Wege offen, so lange sie Minoritäten bleiben, zu protestieren und zu gehorchen. Unsere Minorität hat in reichem Masse die erste Pflicht erfüllt, lassen wir sie auch die zweite erfüllen. (Bravo!) Meine Damen und Herren als ich auf dem VI. Kongresse auf dieser Tribüne stand, erzählte ich Ihnen, dass, wenn ich irgend einen Zweifel hätte, dass der Ostafrikaplan irgend etwas anderes sei, als ein Weg nach Palästina, ich Dr. Herzl gebeten haben würde, mich von irgend welchen Diensten bezüglich des Projektes zu befreien. Ich wiederhole Ihnen dies heute. Ich für meinen Teil habe Zion nie vergessen. Die falschen Darstellungen und Missverständnisse, der Verdacht und Verdächtigungen, die wie erregte Wogen mich umfluteten, berührten mich nicht im geringsten, denn während aller Wirren hatte ich stets festen Halt an unserm uralten Felsen Zion. (Stürmischer Beifall.) Und an diesen Fels klammere ich mich fest an mit tiefstem Dank für die von Ihnen angenommene Resolution. Es ist mein einziger Wunsch, dass es mir vergönnt sein möge, weiter zu arbeiten an dem gemeinsamen Ziel, das allen Zionisten vorschwebt. (Stürmischer Beifall.) Gedenkfeier am Grabe Dr. Herzl's. Donnerstag, 27. d. M.; 81/-' Uhr früh standen dieWiener Zionisten wieder in grösserer Anzahl am Grabe des Führers — um die Stunde, da der Kongress begann — der erste ohne Herzl. Wir standen an seinem Grabe, die grausige Gewissheit erfüllte uns, dass er unter der Steinplatte, unter den Blumen ruht und doch fühlten wir. dass sein Platz in Basel auf der Tribüne ist und wir wünschten, dass sein Geist dort walten möge, sein Geist, der zum Siege führt. An der sehr würdig verlaufenen Feier beteiligten sich die in Wien weilenden Zionisten, die Mitglieder des Distrikts- und Landeskomitees, sowie die zionistischen Vereine. Der Zug formierte sich am Eingänge des Friedhofes in Viererreihen und umstellte im Halbkreise das Grab. Oberkantor Schor verrichtete die Gebete, worauf Herr Dr. Schnirer zum Grabe trat und in kurzen Worten — auf den Wunsch des toten Führers verweisend, dass an seinem Grabe keine Reden gehalten werden — Herzls, des Kongresses gedachte und für die Versammlung gelobte, treu auszuharren, bis das Baseler Programm zur Tatsache geworden. Tief ergreifende Töne, das schmerzdurchzitterte El mole rachanrim beschlossen die Feier. Die Töne beschlossen wie ein Klageruf wehdurchhauckt und brachen ab und die Stimmung des 7. Juli vorigen Jahres schwebte über den Anwesenden. Durch die tiefe Stille hörten wir das Schluchzen der 10,000, da die Erde dumpf auf seinen Sarg fiel und den Schwur „ WeniAvir dein vergessen", den jeder schwor. Und tränenden Auges verliessen wir sein Grab, auf das viele Nationalfondsmarken niederlegten und gedachten der Brüder in Basel. Brüder! Liebe und Treue mag Euch leiten, Treue zu Zion, zu Herzl! Das innerösterreichische Distriktskomitee, das die Gedenkfeier veranstaltete, sandte folgendes Telegramm an den Kongress: Um das Grab ihres unverg esslichen Führers Herzl versammelt, gedenken die Wiener Zionisten ihrer Gesinnungsbrüder, die zu heiliger, grosser Arbeit in Basel vereint sind und senden in unerschütterlichem Vertrauen an den Sieg des gemeinsamen Strebens Glückwünsche und feierliche Grüsse! — Nachmittags fand eine Gedenkfeier der Mittelschuljugend statt. J, Thau. Die Trauerkundgebung des Kongresses. In der Eröffnungssitzung des Kongresses richtete Dr. jSiordau folgende Ansprache an die Versammelten: Dr. Nordau: Ich habe zunächst die schmerzvolle Pflicht zu erfüllen, Ihnen Kenntnis von den Verlusten zu geben, die der Zionismus, das jüdische Volk, im Laufe der letzten beiden Jahre erlitten hat. Den grössten und schwersten Verlust haben wir alle und haben ihn heute Vormittag ganz besonders bereits betrauert. Nach unserem grossen Toten habe ich des Obersten Goldsmid zu gedenken, der in England in verhältnismässig jungen Jahren gestorben ist. Oberst Goldsmid ist yon weiter Strecke her zum Judentum zurückgekehrt. Seine Lebensgeschichte ist der Roman des Wiederererwachens alter, reger Gefühle und halbverschollenem Jsationalbewiisstseins. Er war in einer glänzenden Laufbahn, die manch anderem den Kopf schwindlig gemacht hätte, immer ein treuer Jude geblieben und kaum war das zionistische Banner aufgerichtet, als er mit der Tapferkeit, der Treue und Ausdauer eines richtigen Soldaten zu dieser Palme eilte und bei ihr stand bis er viel zu früh die Augen geschlossen hat. Das jüdische Volk wird diesem vortrefflichen Soldaten, diesem ausgezeichneten Menschen und ungewöhnlich tieffühlenden Juden immer ein treues Andenken bewahren. In Deutschland haben wir den Tod des Herrn Jakob Lieb mann aus Mannheim und des Herrn Sigm. Selig in Mainz zu beklagen; in Russland den Tod des Herrn Mos. Losinski aus Bobrujsk, Jac. Scholom-Katzenelenbogen in Genf, Seligson aus Minsk, Samuel Scholz aus Wilna. Diese sind zur grossen Mehrheit versammelt worden, beweint von denen, die sie kannten, betrauert von uns allen. J. Trichter, Sainbor; J. Zwillinger, Hollcschau; Frl. T. Neumann, Wien; Frau T. Torczyner, Wien; Ing. Alfred Chodrower, Ozernowitz; Jul. Steinhart, Nadwoi'iia; J. Keitmann, Tarnopol; T. Markus, Wien - Josef Feiwel, Brünn; Obering. Sauberberg, Turka; Ing. H. Weinwurni, Wien; J. Krasutzky, Krakau; Dr. S. Baum, Krakau; Dr. E. Kronberger, Steyer; 0. Nacht, Buczacz; Ch. Zangen, Tarnow; Ing. 0. Neumann, Brünn; J. M. Bader, Krakau. Das sind die Toten aus Oesterreich, die unsere Partei und das jüdische Volk verloren hat. Zu erwähnen sind noch mit tieiem Bedauern: In England: M. G. Blonde in Limerick; George Goodman in Merthyr. In A m e r i k a: Dr. Fabius Fox; Maler S. Bernstein; Kasriel Sarasohn. In Paris: Baumgarten, wackerer Mitarbeiter der zionistischen Idee seit alten Zeiten. Jeder dieser Guten und Treuen lässt eine Lücke zurück. Selbst wenn neue Gesinnungsgenossen, wenn der zionistische Nachwuchs diese Lücken reichlich ausfüllen würden, so würde das den Schmerz, den wir um den Hingang dieser Männer und dieser Frauen empfunden haben und empfinden, nicht vermindern. Besondere Erwähnung verdienen unsere Brüder, die Opfer der Pogrome in Hornel, Schitomir und Melitopol. lieber diese Opfer brauche ich kein Wort weiter zu verlieren. Wir alle haben Tränen, blutige Tränen geweint, als die Schandtaten, die an ihnen begangen wurden, durch die Zeitungen bekannt worden sind. Wir werden diesen Märtyrern unseres Volkes, den einzelnen wie ihnen allen zusammen stets das gebührende Andenken bewahren. Ich darf es nicht ohne einen gewissen Stolz sagen, denn ich stelle es freudig fest: die Zeiten sind vorüber,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.