Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die 0 Welt« Separat-Ausgabe No. 30 um den Bericht der aus Ostafrika zurückgekehrten Erforschungskommission entgegenzunehmen und denselben — entsprechend der Weisung des 6. Kongresses — einem eigens zur Beratung der Ostafrikafrage einberufenen Kongresse zur Beschlussfassung zu unterbreiten. Die Aufgabe der Parteileitung war eine ausserordentlich schwierige. Es galt, ohne mit der grossen Autorität Herzls ausgestattet zu sein, das Erworbene zu bewahren, die Partei zusammenzuhalten und insbesondere die durch das Ostafrikaprojekt gelockerten Bande der Parteidisziplin wieder straffer zu spannen. Dank der Unterstützung der Landeszentralen und der Einsicht der Gesinnungsgenossen ist uns die Erreichung dieses Zieles fast durchwegs gelungen und die wenigen Ausnahmen kommen bei den überwältigenden Kundgebungen für die Einigkeit gar nicht in Betracht. Trotz der Ungunst der Verhältnisse dürfen wir das fortwährende Wachstum unserer Bewegung konstatieren: Im Westen das steigende Zuströmen der Intellektuellen und der Jugend. Die Satten und Gedankenträgen bleiben uns nach wie vor fern, aber die denkenden Juden gliedern sich in immer grösserer Zahl wieder dem Stamme an, den sie schon zu verlassen im Begriffe waren, während die Feigen und Selbstsüchtigen sich massenhaft ins feindliche Lager flüchten, gewiss nicht zum Schaden unserer innern Kraft. Unsere Bewegung hat sich eine derart achtunggebietende Stellung in der jüdischen und nicht]üdischen Welt errungen, unsere Ziele sind so unverrückbar fest, unsere Mittel und Wege aller Welt so bekannt und als integer anerkannt, dass die Verdächtigungen des Zionismus, die früher unserer Bewegung die grössten Schwierigkeiten bereiteten, gegenwärtig ganz unbeachtet abprallen und darum allmählich ganz verstummen. Ehrliche Gregner oder Bezweifler des Zionismus geben doch schon zu, dass der Zionismus schon dadurch allein, dass er ist. grosse Bedeutung für das jüdische Volk erlangt habe. Die glänzende Organisierung des Volkes auf der ganzen Welt, die Sammlung der einzelnen Splitter, die früher ganz wehr-, Widerstands- und hilflos d;tstand;'n, das sei des Xii:m>niaiiüi'ii^ar.'s Wrdi• t.M\ und dass derseihe für so viele unserer armen, im schwierigsten Kampfe um das Leben stehenden Brüder den einzigen Hoffnungsstrahl für die Zukunft darstelle, das sei ebenfalls eine unbestreitbare Tatsache. Zieht man die furchtbare Situation unseres Volkes in liussland in Erwägung; den Krieg, der dem Judentuine so enorme Opfer an Leib und Gut auferlegt (es sind tausende unserer Stammes- und Gesinnungsgenossen im Felde, darunter auch ein Mitglied des A. C, das im Angesichte des Feindes seine zionistische Tätigkeit erfolgreich fortsetzt), die verworrenen inneren Zustände, die grausamen Judenverfolgungen und die grosse wirtschaftliche Not im lieiche, unter der wiederum die Juden vor allem zu leiden haben, in Betracht, so muss die Zahl der eingegangenen Scheitel aus Russland unsere Bewunderung für die Opferwilligkeit der russischen Brüder erwecken. Aber man kann die Zahl der Zionisten in Bussland nicht nach den] Schekel messen, sie ist weit grösser als die Zahl der Schekelzahler. Mit aufrichtiger Genugtuung begrüssen wir insbesondere den Anschluss der Arbeiter an unsere Bewegung. Nur inmitten ihres Volkes werden die jüdischen Arbeiter ihre sozialen Aspirationen verwirklichen, freilich dürfen die Klasseninteressen und -Fragen die nationalen Interessen nicht unterdrücken und der Zionismus darf nicht als Mittel für andere Zwecke benützt werden. Das Streben nach der eigenen Heimstätte für unser Volk muss das Dominierende bleiben. In Rumänien war 1904 ein Jahr der Missernte, wodurch die wirtschaftliche Lage dieses agrikolen Landes eine sehr prekäre wurde und die Juden vor allem darunter litten. Mehr als 15,000 Juden sahen sich genötigt, in den letzten zwei Jahren das Land zu verlassen. Es kam vor, dass die durch den Zionismus geschaffenen Organisationen die Basis für die Organisation der Auswanderung bildeten und ganze Vereine mit ihrem Vorstande an der Spitze korporativ übers Meer gingen und im neuen Wohnsitze die teuer gewordene zionistische Tätigkeit sofort wieder aufnahmen. Dadurch wurde jedoch die rumänische Landesorganisation sehr gelockert, wenn auch nicht unterbrochen. Da inzwischen die wirtschaftlichen Verhältnisse sich gebessert haben, so ist zu hoffen, dass bei der treuen Anhänglichkeit und dem ernsten Arbeitseifer unserer rumänischen Gesinnungsgenossen die Organisation sich bald in neuer Blüte zeigen wird. Was wir von den rumänischen Juden in normalen Zeiten erwarten können, zeigen die Leistungen derselben in den verflossenen, durchaus nicht normalen, aber gegen das Vorjahr doch ein wenig günstigeren Jahren 1904/5: Bis zum 6. Kongresse betrug der Beitrag Rumäniens für den Nationalfonds 25,000 Fr., das ist 5% des damaligen Gesamteinganges. Seither wurden wieder 25,000 Fr. oder ebenfalls 5% des Totalbeitrages des N. F. demselben zugeführt. Der Schekel des letzten Jahres hat sich gegen das Vorjahr um 50°/o erhöht. In Oesterreich sind leider die Zustände in der Leitung unserer Organisation nicht ganz günstig. Das Landeskomitee hat seine Aufgabe nicht voll aufgefasst. Weil in seiner Mitte die Zentrale ihren Sitz hat, glaubte das L. K. seinen vornehmsten Beruf darin sehen zu sollen, jeden Gedanken und jede Handlung des A. O. seiner Kritik zu unterziehen, wodurch ihm wenig Zeit übrig blieb, seiner Aufgabe, die Agitation und Propaganda in diesem noch sehr empfänglichen Lande im grossen Stile zu betreiben, gerecht zu werden. Die Folge davon war, dass die einzelnen Distriktskomitees, die wirklich arbeiten wollten, sich vom Landeskomitee mehr und mehr emanzipierten und der letzte österreichische Parteitag ihre fast vollständige Selbstständigkeit anerkannte und damit das Verhalten des L. K. nach Gebühr beurteilte. Von den österreichischen Distriktskomitees sind insbesondere die von Böhmen und G a 1 i z i e n als hervorragend tätig hervorzuheben. In B ö h m e n ist es endlich gelungen, die Lethargie der zumeist wohlhabenden und intelligenten Bevölkerung für jüdische Interessen zu brechen und die Juden dahin zu bringen, die unwürdige Nachlaufpolitik aufzugeben und ihre Arbeit und Mittel dem eigenen Volke zuzuwenden. In G a 1 i z i e n hat endlich die Organisation feste Gestalt angenommen und verspricht auf diesem Boden, der so auf nahmst ahig ist, für den Zionismus die reichste Ernte zu bringen. Die Zionisten sind heute ein Faktor im öffentlichen Leben in Galizien geworden; es gibt fast keinen Kultusvorstand, in dessen Mitte nicht bereits Zionisten sässen. Lind die zionistischen Forderungen müssen schon überall berücksichtigt werden. In Ungarn ist zwar noch nicht jene Verbreitung des Zionismus erzielt worden, wie sie bei der grossen Zahl der dort wohnhaften und dem Judentume noch treu ergebenen Volksgenossen zu erhoffen wäre, allein die Zahl der zionistischen Vereine nimmt von Jahr zu Jahr zu und die Organisation ist bereits ziemlich verbreitet. Eine Zahl orthodoxer Rabbiner hat sich neuerlich veranlasst gesehen, gegen den Zionismus eine Kundgebung zu erlassen. Dieses traurige Dokument ist aber nur das Werk des unglaublichen Terrorismus einiger Fanatiker, denen es gelungen ist, sogar notorischen