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Die Welt · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 „Die # Welt1 Separat-Ausgabe No. 30 die Gesellschaft um das Kasino in politischem Gespräch aus. Jeder sucht noch rasch einen Gewinn für seine Ueberzeugung zu erzielen, ehe noch sich morgen die Türen des Kongresses öffnen und die Gegensätze aufeinander prallen. Hoch oben über dem Präsidententisch aber hängt ein Bild, Herzls Bild. Und jeder der Delegierten, die so zahlreich erschienen sind, weil sie sein Erbe erworben haben, um es zu besitzen, wird unwillkürlich das Auge auf dieses hohe, trauerumflorte Bild richten müssen, das ernst herniederblickt, den Saal beherrschend. Können da Gegensätze unversöhnlich bestehen bleiben? IL Die Eröffnung des Kongresses. Nach den letzten Tagen der Erwartung endlich die Eröffnung des Kongresses am Donnerstag. Für 10 Uhr vormittags war sie bestimmt. Bereits um 8 Uhr früh war das Stadtkasino, wo bekanntlich die Kongresssitzungen stattfinden, von einer stetig wachsenden Menge umlagert. Man hatte, da zu diesem Kongresse nicht so wie bei den früheren je 100, sondern erst je 200 Schekelzahler einen Delegierten zu wählen hatten, auf eine geringere Anzahl von Delegierten gerechnet. Trotz der schwierigen Verhältnisse in einzelnen Ländern waren aber über 800 Delegierte gewählt worden und über 600 Delegierte zur Eröffnung des Kongresses gekommen. An zweihundert Journalisten, darunter die Vertreter der grössten Pressassociationen Europas und Amerikas, mussten überdies untergebracht werden. Dazu waren über 3000 Gesuche um Permanenzkartell für die Galeriesitze der Gäste eingelaufen. Kein Wunder, dass die Diener und freiwilligen Ordner aus den Landsmannschaften dieser Riesenaufgabe nicht gewachsen waren. Schutzmannschaft musste mithelfen, die Ordnung, aufrecht zu erhalten und nur der Besonnenheit der Ordnungsgruppe. und der Nachsicht der Mannschaft ist es zu danken, dass die Eröffnung ohne Störung vor sich ging. Freilich hunderte von Leuten, darunter solche, die aus weiter Ferne gekommen waren, konnten trotz aller Anstrengungen keinen Einlass finden. I. Sitzung (vormittags). Bereits um 9 Uhr war der Kongresssaal, die Galerie und * der Journalistenplatz gänzlich gefüllt. In das düstere Bild der Tmuorversammlung, auf die das umflorte Porträt des toten Führers über der Kongresstribüne ernst herabsah, brachten nur die helleren Toiletten einiger Damen einen freundlicheren Ton. Da ertönten kurz vor Uhr drei Harnmerschlage. Es erfolgte eine Aufforderung, bei dieser Trauerfeier jede Beifallsbezeugung zu unterlassen und dann nahm das grosse A.C. seine Plätze ein. Noch eine kleine Pause, dann betritt Nordau, trotz der früheren Aufforderung von Beifall empfangen, die Tribüne, und hält seinem toten Freunde und Führer die Trauerrede. Die Rede Nordaus. Geehrte Versammlung! Der zionistische Kongress tritt zum erstenmal ohne den zusammen, der ihn geschaffen hat. Den siebenten Kongress, den Sabbatkongress, sollte sein Schöpfer nicht erleben. Diese Estrade bietet nicht mehr das Ihnen vertraute Bild, Es fehlt die ragende Mittelpunktgestalt mit dem schwarzbärtigen Assyrerkopfe, die alle Blicke auf sich zog. Mir, seinem ergebenen Mitarbeiter von der ersten Stunde an, ist die schmerzenreiche Aufgabe geworden, unserem toten Führer Dr. Theodor Herzl den Nachruf von der Bühne zu widmen, deren Aufrichtung eines seiner unsterblichen Verdienste ist. Was ich persönlich empfunden, als wir ihn verloren, braucht nicht vor Aller Blicken r.usgebreitet zu werden. Hier will ich mich zwingen, von ihm zu sprechen, wie er es gern gehört hätte, ohne Schwulst und Uebertreibung, die dem feinen Stilisten, dem vornehm massvollen Geiste, dem Künstler der gedämpften Halbfarben tief widerstrebt haben würden. Ich will versuchen, ihn „zu sehen und zu zeigen, wie er wohl einst dem Geschichtsschreiber erscheinen dürfte, der ihn, unbeeinflusst von der strahlenden Wärme der Persönlichkeit, kühl nach seinen Taten beurteilen wird. Am 3. Juli, den 20. Tammus, des vorigen Jahres hat Theodor Herzl für immer die Augen geschlossen. An seinem Todestage hatte er sein 44. Lebensjahr nur um zwei Monate überschritten. Der laute Aufschrei des Entsetzens, die lange Wehklage, die der tausendfache Widerhall der Nachricht von seinem Hinscheiden waren, liessen ermessen, was er seinem Volke gewesen. Mit 35 Jahren dem jüdischen Volk ganz unbekannt, war er neun Jahre später sein Stolz und seine Hoffnung geworden. Dass er sich diesen Platz im jüdischen Denken und Fühlen hat erringen können, ist eins der Wunder seines wunderbaren Lebens. Er war eine wreite Strecke durch das Wasser der Assimilation gewatet, auch durch tiefe Stellen, wo es ihm fast über den Scheitel schlug; in den sonnigsten Jahren seines Daseins war er ganz von Interessen eingenommen, die keinen Schimmer jüdischen Charakters zeigten; er ging ganz auf in den künstlerischen Aufgaben; er lebte sich restlos aus in schriftstellerischer Arbeit; er hatte keinen anderen Ehrgeiz, als die Bühne zu erobern und sich im erkämpften Gebiete zu behaupten. Nichts lenkte ihn in die Richtung seiner eigentlichen Lebensarbeit; nichts regte seinen Geist zur Beschäftigung mit jüdischen Fragen an, bis der Tag kam, wo die Lage des jüdischen Volkes ihm sein eigenes Judentum mächtig ins Bewusstsein rief. Er lebte Mitte der Neunziger Jahre in Paris. Es war der tragische Augenblick, wo der französische Volksorganismus von der Dreyfuskrankheit befallen wurde. Die Strassen begannen widerzuhallen vom Schrei: „Tod den Juden!" Da horchte Herzl hoch auf. Eine der empfindlichsten Stellen seines Wesens wurde von einem rohen Hieb getroffen — sein Stolz. Denn Herzl war ein stolzer Mann; nicht hochmütig, nicht eitel: stolz! Das heisst, er hatte das bestimmte Bewusstsein seines sittlichen Wertes und jene Selbstachtung adlicher Naturen, die es in sich schliesst, dass man auch der Väter gern gedenkt. Er empfand sein Blut als ein kostbares Erbe, seine Herkunft als eine Auszeichnung. Dieser durch und durch vornehme Jude, der als Vertreter der Neuen freien Presse in Paris von Berufs wegen alle Volksversammlungen besuchen, täglich in die Kammer gehen und die antisemitischen Zeitungen und Schriften lesen musste, blickte schaudernd in den Abgrund antisemitischer Besiialität, der vor ihm aufklaffte. Er ertrug es nicht, dass man in ihm seine Vorfahren beschimpfte und seine Nachkommen schmähte. Er empörte sich mit der ganzen Leidenschaft seiner starken Natur gegen die ruchlosen Lügner, die ihn mit allen Juden zusammen in dem Grundnetz einer Kollektiv verläumdung einfingen, um ihn zur moralischen Vernichtung zu schleppen, und er, nach Anlage und Entwickelung bis dahin eine allseitig frei dastehende Eigenpersönlichkeit, nahm sofort mit tapferm Trotze die

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